Sonntag, 30. Dezember 2012

[Rezension] Der Lotse von Frederick Forsyth

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. (Lukas, Kap. 2, 8)

"Der Lotse" von Bestsellerautor Frederick Forsyth aus dem Jahr 1974, vom Piper Verlag im November 2012 neu aufgelegt, ist eine nachdenkliche Geschichte. Zeit der Handlung ist der 24. Dezember 1957, Ort der Luftraum zwischen Celle und Lakenheath.

In ihrer Eigenschaft als kurze Erzählung bzw. Novelle ist die Geschichte leider kaum buchfüllend. Das schmale Bändchen erstreckt sich über 86 Seiten in großer Schrift, einige buntstiftartige Abbildungen inbegriffen. An ein Kinderbuch lassen nicht nur große Buchstaben und Zeilenabstand sondern ebenso die randseitigen Flugzeugbildchen denken - man beachte auch das Daumenkino :) Den Preis des verspielten Heftes rechtfertigt vielleicht der Geschenkcharakter - kann auch Lesemuffeln unverfänglich als Einmaldosis verabreicht werden - sowie der ansprechende Einband und angesichts eines Taschenbuchs angenehmes Papier.

Leider lenken diese äußeren Umstände ein wenig von der spannenden, fantasievollen und warmherzigen Geschichte ab. Ein junger, englischer Pilot bricht am späten Weihnachtsabend im Jahr 1957 von Celle mit einem Kampfflugzeug in Richtung Heimat auf. Nebel zieht auf, Geräte versagen - das kann nicht gut gehen... Den symbolhaften Charakter der Geschichte lässt der englische Titel "The Shepherd" deutlicher hervortreten. Erinnert uns die Bezeichnung "Lotse" im übertragenen Sinne heute bestenfalls an Bismarcks "Der Lotse geht von Bord", dessen holprige Übersetzung aus dem Titel der 1890 entstandenen Karikatur "Dropping the Pilot" von Sir John Tenniel hervorging. Nicht nur Titel, sondern auch Wortwahl und Satzbau der Erzählung sind manchmal ein wenig gewöhnungsbedürftig, so auf Seite 11: "Denn heute nacht würden keine umherirrenden Piloten nach ihm Ausschau halten und ihre Peilung kontrollieren; heute war Christnacht, im Jahre des Heils 1957,...", Seite 16 "Die westfälischen Hausfrauen waren emsig mit der Zurüstung von Karpfen und Gänsen beschäftigt." und Seite 87 "...das schwanke, schlanke Profil...". Ob einer älteren Übersetzung oder dem Original geschuldet, ließe sich nur im direkten Vergleich feststellen.  

Die Geschichte ist sehr sinnlich geschrieben, lässt über Zufälle, Irrungen und Wirrungen des Lebens nachdenken und trägt letztlich memento mori-Züge. Ohne Forsyth zu nahe treten zu wollen, vermutet man autobiografische Züge oder die Verarbeitung einer Anekdote über diesen namenlosen Piloten - bestätigt hat Forsyth dies bisher wohl nicht. Jedoch war er von 1956 bis 1958 junger Royal Airforce Pilot und hat die Geschichte anscheinend als sehr persönliches Geschenk zu Weihnachten 1974 für seine damalige Frau Carrie geschrieben. 

Eine besinnliche Geschichte zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel. Mit Blick auf den Geldbeutel vielleicht einfach antiquarisch erwerben :)

Forsyth, Frederick. Der Lotse. München: Piper Verlag, November 2012. Erstausgabe: The Shepherd. London: Hutchinson Co. Ltd., 1975.

Dienstag, 18. Dezember 2012

[Kunst-Ausstellung] Jahresendzeitstimmung

Über den Museen liegt Schnee...

und die Welt wird wohl zu diesem Jahreswechsel wieder nicht untergehen. Dass sich allerdings das Jahr dem Ende zuneigt, ist unschwer aus den Newslettern der Frankfurter Museen herauszulesen. Für Ende Januar / Anfang Februar werden bereits die nächsten Ausstellungseröffnungen angekündigt.

Die Schirn Kunsthalle setzt ab Mitte Februar 2013 auf Yoko Ono. Half- a- wind show. Eine Retrospektive. Yoko Ono wird als "eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit" u.a. mit mehreren großen Installationen präsentiert werden. "Show" und Schirn - da wird sicher einiges geboten.

Im historischen Rückwärtsgang pirscht sich das Städel Museum durch den dunklen Wald der Romantik zur Schönheit und Revolution des Klassizismus. In ca. 100 Ausstellungsstücken werden uns neben Werken u.a. von Ingres, Canova und Thorvaldsen auch alte Bekannte, wie Füssli und Schinkel, begegnen. Wie sich zeitgenössische Motive in die an antiken Vorbildern orientierten Darstellungen mischen, wollen die Kuratorinnen aufzeigen. Da darf auch Ariadne wieder ohne Pop auf ihrem Panther reiten :)

Das Liebieghaus geht nach der Koons-Pause im Wortsinne Zurück zur Klassik. Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann will unseren verfälschten Blick auf griechische Kunst und Kultur erhellen. Zahlreiche Leihgaben aus internationalen Sammlungen sollen dazu beitragen - Neufunde und neue Rekonstruktionen eingeschlossen. Back to the roots :)

Sehr zeitgenössisch eröffnet das Museum für Moderne Kunst bereits Ende Januar 2013 mit der modularen Installation "unidisplay" mit Soundkammer "uni(psycho)acoustic" von Carsten Nicolai sowie Texten und Fotografien, in denen sich die Documenta-Künstlerin Andrea Büttner mit dem Thema Armut beschäftigt.  

Während sich das Weltkulturenmuseum weiterhin in Trading Style hüllt, hält heimlich im Green Room STEALTH ARCHITECTURE mit Arbeiten von Städel-Schülern Einzug. Das Architekturmuseum reist mit uns im Frühjahr 2013 zu den deutschen Stätten des UNESCO WELTERBEs und baut zukunftsträchtig Architektur für Generationen. Im Kindermuseum bricht ab 24. Februar 2013 ein verdächtiges Fieber aus. Sammeln, Ordnen, Forschen, (Auf-)Bewahren und Präsentieren - Sammelfieber. Ein Thema, das bestimmt nicht nur junge Sammler neugierig macht :)

Ende Februar 2013 wird sich herausgestellt haben, ob das Museum für Kommunikation den Wettlauf mit der Zeit gewonnen hat. Denn im März beginnen Glücksfälle - Störfälle das Gefüge der Kommunikation zwischen harmonischem, internationalem Miteinander, "Eskalationsschraube" und "Kulturschock" zu bereichern / zerstören. 

Bis dahin: Ein Hongi und ein herzliches "Kia Ora".

Mittwoch, 5. Dezember 2012

[Kunst-Ausstellungen] Workshop zu "Control" im Museum für Kommunikation Frankfurt

Lassen Sie Venen sprechen...

Hadern auch Sie mit Ihrem biometrischen Passfoto? Blass, vorschriftsmäßig mit "...neutralem Gesichtsausdruck und geschlossenem Mund gerade in die Kamera..." (PassV, Anlage 8) blickend. Dieser liebliche Gesichtsausdruck - gefühlt zwischen Fahndungsfoto und Frankenstein? Abhilfe könnte geschaffen werden, z.B. durch Handvenenerkennung. Sicherer wäre es, wie Alexander Nouak (Frauenhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung, Darmstadt) in seinem Vortrag "Führen biometrische Verfahren zwangsläufig zur totalen Kontrolle?" ausführte.

Nicht nur Möglichkeiten, Auswirkungen und Sicherheit von biometrischen Verfahren konnten die Teilnehmer des öffentlichen, interdisziplinären Workshops zur Vorbereitung der Ausstellung "Control - Selbstbestimmung in einer überwachten Welt?" (ab September 2013) im Museum für Kommunikation Frankfurt am 29. November 2012 kennenlernen und diskutieren. Der Bogen der Vorträge spannte sich von der Post- und Fernmeldeüberwachung über das städtische Nachtlicht, Videoüberwachung im Öffentlichen Raum - kulturell gespiegelt, digitale Spuren im Internet - von der IP bis zur Cloud - bis hin zum Kontrollverlust über die eigenen Daten im Zeitalter der Post-Privacy.

Breite und Vielschichtigkeit des Themas wurden sehr deutlich. Eine "Skandal" kann heute mittels Internet ausgelöst werden, die Lawine dann über die traditionellen Medien ihre Fortsetzung finden und hin bis zum Rücktritt eines Prominenten führen, aber auch das Leben des "kleinen Mannes" zerstören, wie Hanne Detel (Universität Tübingen) in ihrem Vortrag "Das Ende der Kontrolle? Über die Zukunft der Reputation in der Ära von Smartphone und Internet" erörterte. Eine Fülle von Fragen entspann sich: Was ist heute ein "Skandal"? Haben sich die gesellschaftlichen Werte/Normen zu Privatheit, Transparenz, Journalismus usw. verändert und wie? "Wird ein "Skandal" schneller gepusht, aber auch schneller vergessen? Gibt es kulturelle Unterschiede im Umgang mit dem Veröffentlichen/Hypen von (vermeintlichen) Normabweichungen? Warum werden nun auch "Normalbürger" an den Pranger gestellt? Kann dieser Art der "Berichterstattung" erfolgreich entgegengesteuert werden? Was sind die Vor- und Nachteile der Demokratisierung im Internet?

Auch wenn wir die Diskussion um Post-Privacy vielleicht schon leid sind - wir sind offenbar erst am Anfang. Und vielleicht haben Handvenen ja das Potenzial zum neuen Schönheitsideal :)

Control - Selbstbestimmung in einer überwachten Welt? im Museum für Kommunikation Frankfurt ab September 2013.

Samstag, 1. Dezember 2012

[Rezension] Der törichte Engel von Christopher Moore

Engel sind auch nicht mehr das...

Kalifornien, kurz vor Weihnachten, 27 Grad. Touristen bevölkern das verschlafene Städtchen Pine Cove. Ein Fremder im schwarzen Trenchcoat sucht ein Kind. Ein Unwetter zieht auf. Naja, nicht nur ein Unwetter, auch ein paar Untote und ein leicht unfähiger Verkündigungsengel. Die Zombies inklusive Weihnachtsmann haben es auf die Gehirne der Lebenden abgesehen - danach wollen sie einem schwedischen Möbelhaus einen Besuch abstatten... 

Aber von vorn: Beim jährlichen Baumklau ermordet die Exfrau aus Versehen den widerlichen Weihnachtsmann. Die Leiche wird zwar ordnungsgemäß untergehoben, aber leider gibt's da einen kleinen, übermotivierten Zeugen, der die Gleichung Weihnachtsmann = Geschenke gefährdet sieht. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Der Dorfpolizist Theo begegnet zwar keinem "Opossum mit Handfeuerwaffe", überfährt aber den Engel und verschenkt eine Salatschleuder. Ex-Warrior Babe Molly zerhackt den Kaffeetisch, spricht mit der Suppe und duelliert sich. Irrungen und Wirrungen mitten in den Weihnachtsvorbereitungen. Verantwortlich ist der Kakao-mit-Minimarshmallows-vertilgende Engel Raziel - und ein Weihnachtswunsch. "Fürchtet euch nicht..."

Die Story ist schräg, hier lustig, da unlogisch, geht manchmal inhaltlich gegen Null. Die überzeichneten Charaktere sind ein bisschen verrückt und liebenswert. Einige kennen Sie vielleicht: Den verwirrten Raziel aus "Die Bibel nach Biff", den Polizist und Exkiffer Theo Crowe und Molly Michon, Warrior Babe im Ruhestand, aus "Der Lustmolch", den für die Drogenfahndung arbeitenden Frauenversteher Tucker Case und seinen sprechenden, mikronesischen Flughund Roberto mit Marken-Sonnenbrille aus "Himmelsgöttin". Und hier ist auch der Weihnachtsmann bereits "abgearbeitet", den ich in meiner Rezension zu "Verflixtes Blau" noch vermisst hatte.

Das Ganze klingt absurd? Nein, das Buch hat keinen Anspruch. Es ist unsinnig, ein kurzweiliger Lesespaß mit Augenzwinkern - also gerade richtig für triste Tage. Eben ein "Moore". Und ja, es gibt bessere. Aber diese Geschichte hier ist vielleicht eine gute Vorbereitung auf die Weihnachtsfeiertage, wenn Ihre Kritische Masse mal wieder aufeinandertrifft - alles halb so schlimm :)

Moore, Christopher. Der törichte Engel. München: Goldmann Verlag, 2005. Originalausgabe: The Stupidest Angel. New York: William Morrow, 2004.

Freitag, 23. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Privat. Das Ende der Intimität in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Hype in alten Laken

Alle Kunst ist sozial bedingt, doch nicht alles in der Kunst ist soziologisch definierbar. So vor allem die künstlerische Qualität nicht; diese hat kein soziologisches Äquivalent.[1] (Arnold Hauser)

Die Schirn Kunsthalle präsentiert in ihrer Gruppenausstellung "Privat" rund 30 künstlerische, vor allem moderne und zeitgenössische, Positionen. Ausflüge an die "fragilen Grenzen" zwischen Öffentlichem und Privatem will die Ausstellung mit Fotos, Objekten, Installationen und Filmen unternehmen. Vom Tagebuch zum Pornofilm - mehr oder weniger intime Details in Kunstform verpackt werden öffentlich. 

"Privat" - der Aufschrift begegnen Sie heute doch bestenfalls auf der Suche nach den Toiletten im Restaurant. Denn wo gibt es noch das Eigene, Private, Intime - in Zeiten von linked, shared und liked? Soziale Netzwerke und Online-Communitys - wo sind Sie denn nicht angemeldet, haben also den Anschluss verpasst, sind out und außen vor? Ja, da ist der gesellschaftliche Druck am und im Netz teilzunehmen: Einladungen zu Veranstaltungen? Wie, kein Facebook-Account? Bewerbungen? Bei uns nur noch online. Keine Website, kein Blog und nicht bei Twitter? Buh. "Datensparsamkeit" wird allerorten als Gegenmittel postuliert. Häufig hilft aber auch die nicht. Informationen über Sie müssen ja zum einen nicht von Ihnen stammen und zum anderen helfen auch gerne nette und hochentwickelte Algorithmen beim Kombinieren und Interpretieren. Ihre sexuellen Vorlieben? Schnell mal Ihre Freundesliste durchrechnen. Der Online-Buchhändler Ihres Vertrauens weiß schließlich auch schon seit Jahren, welches Buch Sie als nächstes kaufen (wollen/sollen/sollten/müssen). „Oversharing”, Profilbildung und Gesichtserkennung - eben Datamining im Sozialkosmos. Also lieber als altmodisch verrufen oder kontrollverlustig gläsern-transparent? Befreiung oder Bedrohung? Und wenn man sein Innerstes nach außen kehrt - was passiert mit dem Äußeren?

Na, dann treten Sie mal ein! Aber Halt, bitte nicht gegen die Tür prallen! Christian Marclay zeigt uns mit seinem Ready-Made "80 East 11th Street" aus dem Jahr 1991 gleich zu Anfang der Ausstellung "Privat" die Grenzen auf. Hier, draußen, offensichtlich, öffentlich - dort, huis clos, drinnen, privat. Weinen, Streit, Stöhnen - was auch immer die Geräusche hinter der Tür uns sagen (wollen), geht uns nichts an, können wir nicht ergründen - geschlossen. Wir betreten das Innere der Ausstellung. Beinahe spielerisch führt sie mit Tagebüchern, Fotoalben und Super-8-Filmen in die Thematik ein - säuselnde Reminiszenzen an Kindheit, Strandurlaub am Mittelmeer und traute Weihnachten im Kreise der Lieben.

Die Sechziger Jahre - eine Zeit der Privat-Politisch-Öffentlichen Widersprüchlichkeiten. Homosexualität: strafbar, die sexuelle Revolution in vollem Gang. Die ersten Gastarbeiter, der Bau der Berliner Mauer, Kuba-Krise, Prager Frühling und sein jähes Ende. Schlagerparade und Woodstock. Volljährig mit 21. Kalter Krieg. Dazwischen Stan Brakhages 12-minütiger Experimental-Film "Window Water Baby Moving" (1958/59) von der Geburt seiner Tochter - Harmonie geschnitten mit Blut und Schmerz in Nahaufnahme, Andy Warhols "Sleep" (1963), in dem er in Loops und verlangsamter Abspielgeschwindigkeit über mehr als fünf Stunden seinen Liebhaber im Schlaf zeigt und Marilyn Minters Schwarzweiß-Fotos (ab 1969), auf denen der Besucher die suchtkranke Mutter bei ihren grotesk anmutenden Beauty-Ritualen beobachten kann.

Voyeuristische Blicke auf die Parentalgeneration werfen später auch Richard Billingham, hier in Sinn- und Trostlosigkeit (1989-1996), und Leigh Ledare, der seine Mutter und die Mutter-Sohn-Beziehung dokumentiert (2002-2008). Exzentrisch und exhibitionistisch die Fotos von Mark Morrisoes Selbstfindung (1982-1988) - zwischen Authentizität und Inszenierung. Zu den bekanntesten Arbeiten der Ausstellung zählt neben jenen von Ai Weiwei Tracey Emins "My Bed" (1998) - mit einer Performance-Zeremonie immer wieder neu inszeniert, frisch bleibt es außerhalb von Ausstellungen in einem Tiefkühlraum.

Zu "Privat" stellen sich zwei Fragen: Ist das "privat" und wenn ja, wieviel? und die Killerfrage "Ist das Kunst?". Was wir hier sehen trägt - wenn es überhaupt jemals "privat" war - zwangsläufig den Plusquamperfekt von "privat", denn wir sehen es an. Die Frage nach der Kunst beantwortet sich zum einen durch die diskussionsfähige Definition des jeweiligen Schaffenden als Künstler - wenn es von Warhol ist, muss es eben Kunst sein. Zum anderen ist der starke Anteil einer Art "passiver", "gemachter" Kunst spürbar, die sich in der plakativ-vervielfältigenden, bestenfalls überdimensionierten Darstellung und/oder Filterung von Beliebigkeit, Belanglosigkeit und Einfallslosigkeit aus dem Internet erschöpft. Mark Wallingers überdimensionale Handyfotos (2010) von Schlafenden in öffentlichen Verkehrsmitteln - vergrößerte, aus dem Internet gefischte "Reposts", das Kollektiv Leo Gabin mit Video-Schnipseln - aus dem Internet (2009 bzw. 2011), Laurel Nakadates nachgestellte Szenen (2009), in denen sich Teenagerinnen vor der Kamera präsentieren - zumindest "wie" im Internet. Die Ausstellung endet mit einem Filmwandgeflirre aus 10.000 Pornofilmen von Mike Bouchet. 

Privat? Entscheiden Sie selbst.

"Privat" polarisiert nicht. "Privat" zeigt exzentrische, narzisstische, egomane, zum Voyeurismus einladende Ausstellungsstücke. Privatheit wird mit Intimität, Kontrollverlust, Lust am Beobachten Fremder, Vergangenheitsbewältigung und Persönlichkeitsfindung des Künstlers, Fotos aus dem Internet mit Kunst aus/über/mit dem Internet und Nachahmung des Internets vermischt, verwechselt, neu arrangiert.

Auf dem Rückweg zum Eingang höre ich hinter mir eine Frauenstimme: "Also weißt Du, Gerda, am schlimmsten finde ich das ungemachte Bett dahinten.", drehe mich um und sehe sie zum Handy greifen. Tja, vielleicht ruft sie gerade das Fachpersonal an, das auch schon mit Badewanne und Fettecke kurzen Prozess machte - aber ein Algorithmus hat sich bestimmt schon auf ihre Fährte gesetzt :)

"Privat" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Noch bis zum 3. Februar 2013. Online-Kunstprojekte von Edgar Leciejewski und Leo Gabin im Rahmen der Ausstellung, ebenso wie eine Blogparade.


[1] Hauser, Arnold. Methoden moderner Kunstbetrachtung. München: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1974, S. 6.

Mittwoch, 21. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Workshop zu "Control" im Museum für Kommunikation Frankfurt

Überwachung, Identifizierung, Kontrollverlust

Zur Vorbereitung der Ausstellung "Control - Selbstbestimmung in einer überwachten Welt?" (ab September 2013) veranstaltet das Museum für Kommunikation Frankfurt am 29. November 2012 einen kostenfreien, (mit Anmeldung) öffentlichen, interdisziplinären Workshop und geht damit konzeptionell innovative Wege.

Der Vortragstag startet mit historischen Ausführungen von Prof. Dr. Josef Foschepoth (Universität Freiburg) zur Postzensur und Fernmeldeüberwachung in der alten Bundesrepublik. Experten in Informationstechnik/-wissenschaften, Kultur- und Kommunikationswissenschaften stellen ihre Forschungsfelder und -erkenntnisse zu biometrischen Verfahren, Beleuchtungsinfrastrukturen im Stadtraum, Videoüberwachung und Internet / Smartphone zu digitalen Spuren, Datamining sowie Kontrollverlust, vor und in bezug auf die Ausstellung zur Diskussion. Ein Umtrunk und eine Lesung von Benjamin Stein aus seiner fiktionalen Erzählung "Replay" bilden den Abschluss der Veranstaltung.   

Eine spannende Idee. Anmelden und Hingehen :)

Control - Selbstbestimmung in einer überwachten Welt? im Museum für Kommunikation Frankfurt ab September 2013.

Dienstag, 13. November 2012

[Rezension] Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern

Magie flirrt in der Luft

Im ausgehenden 19. Jahrhundert leuchtet er von Weitem. Ein bunter Zirkus in Schwarzweiß mit grau-silbernen Untertönen. Ein Geheimtipp, der auftaucht, verzaubert und verschwindet. Ein alter Wettstreit zwischen zwei alten Zauberern, ein Spiel mit zwei Figuren, Mann und Frau, Ringe in die Haut gebrannt - binden sie auf ewig. Kann nur eine/r überleben? Eine nicht greifbare Bedrohung schwingt mit. Ein Traum, Illusionen, die Realität? Die Fassade bröckelt. Die Fragilität des Konstrukts - wird es halten?

"Das Wolkenlabyrinth
Ein Ausflug in den multidimensionalen Raum
Eine Kletterpartie durch das Firmament
Ohne Anfang
Ohne Ende
Tritt ein, wo du willst
Steig aus, wann du willst
Steig aus, wo du möchtest
Hab keine Angst zu fallen"[1]

Das Erstlingswerk von Erin Morgenstern entführt uns in eine magische Welt, jene der Kindheit, Sehnsüchte, Geborgenheit, der heimeligen Gerüche, aber auch der latenten Angst. Mit Zeitsprüngen, Zwischenkapiteln und Ortswechseln wächst der Zirkus, die Arena als Austragungsort einer ominösen Wette. Die Bedingungen sind unklar und erst im Laufe des verwobenenen Geschehens werden Hindernisse, Fallstricke und Möglichkeiten offenbar. Bewunderer folgen dem Nachtzirkus, setzen rote Farbtupfer - und mancher der "rêveurs" ist in Gefahr. Aber auch mancher Eigentümer, die Spieler natürlich. Wird sich der tragische Konflikt lösen?

"Der Nachtzirkus" ist eine komplexe, poetische Fantasy-Erzählung mit einem Hauch "magischen Theater" aus "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse. Liebevoll und detailreich beschrieben und dennoch bleibt Freiraum für eigene Gedanken. Immer wieder gibt es im Labyrinth der Zelte Neues zu entdecken. Eine handgearbeitete Wunschtraumuhr, geheimnisvolle Schlangenfrau, eine ominöse Wahrsagerin und ein zarter Garten aus Eis, ein Karussell mit lebensechten Tieren, ein beleuchteter Wunschbaum, ein facettenreicher Rausch.

Einige werden wünschen, hoffen und sich fragen, wann kommt der Nachtzirkus endlich in meine Stadt, wann wird die Sehnsucht erfüllt? Andere werden ihn gar nicht bemerken - bevor er weiterzieht. Eine wärmende Lektüre für kalte Tage :) Nichtzuletzt zwischen zwei Buchdeckel in einen formschön gestalteten Mantel gehüllt.

"Ein Kind neben dir zupft seine Mutter am Ärmel und will von dir wissen, was da steht. "Der Zirkus der Träume", lautet die Antwort. Das Mädchen lächelt glücklich. Dann bebt das Eisentor kurz und öffnet sich wie von selbst. Die Torflügel schwingen auf und laden die Menschen ein. Jetzt ist der Zirkus geöffnet. Jetzt darfst du eintreten."[2]

Morgenstern, Erin. Der Nachtzirkus. Ullstein Buchverlage GmbH: Berlin, 2012. Originaltitel: The Night Circus. Knopf Doubleday: New York, 2011.

[1] Morgenstern, Erin. Der Nachtzirkus. Ullstein Buchverlage GmbH: Berlin, 2012, S. 236.
[2] Morgenstern, Erin. Der Nachtzirkus. Ullstein Buchverlage GmbH: Berlin, 2012, S. 9.

Samstag, 10. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main

Ideen, Entwicklung, Entstehung, Realisierung

Die wahrscheinlich meistgestellte Frage an Max Hollein, Direktor des Städel Museums, am Tag der Eröffnung war: "Sind die auch echt?" Mancher vermutete gar eine gezielt lancierte Marketing-"Must See"-Aktion des Städels. Die Anspielungen fußten auf der von der Süddeutschen Zeitung in der letzten Woche losgetretenen Medienwelle um die Frage der Zuschreibung des bereits in 2010 aus einer Privatsammlung angekauften, sog. "Julius-Porträts". Lange als Raffael-Nachahmung verstanden, wird das Gemälde Papst Julius II. aus der Zeit der italienischen Hochrenaissance heute "Raffael und Werkstatt" zugeschrieben. In den Jahren 1511/1512, der Datierung des Bildnisses, war Raffael auf malerischen Höhenflügen und viel beschäftigt, u.a. mit der Ausstattung der berühmten Stanzen im Papstpalast des Vatikans und der "Sixtinischen Madonna". Schon das Sujet herrscherlicher Bildpropaganda verlangte nach mehreren Ausführungen des Motivs; so sind heute u.a. in London und Florenz vergleichbare Werke erhalten. Zweifel an Qualität und Duktus regen die Diskussion um Zuschreibung und etwaigen Anteil verschiedener Protagonisten an. Zur Frage, ob das Gemälde "mehr Raffael" oder "mehr Werkstatt" oder vielleicht "ganz anders" zuzuschreiben ist, wird die für November 2013 geplante Ausstellung im Städel Museum sicher weitere Anregungen und vielleicht näheren Aufschluss geben.

Nun aber zur aktuellen Ausstellung mit hervorragenden und spannenden Zeichnungen Raffaels - und auch ein bisschen Werkstatt :) In 48 Zeichnungen, davon 11 aus der hauseigenen Grafiksammlung plus Leihgaben aus hochkarätigen Museumssammlungen der Welt, präsentiert das Städel Museum "Raffael. Zeichnungen". Als bedeutendste deutsche Sammlung von Raffael-Zeichnungen, deren Grundstein bereits durch Johann David Passavant gelegt wurde, zeigt das Städel die erste Ausstellung dieser Größenordnung in Deutschland. Erfolgreich führt es den Besucher an unplakative, fast fragile, häufig unterschätzte Meisterwerke heran. Das Licht - den millionenteuren Ausstellungsstücken geschuldet - stark gedimmt, teilt die in blauem Farbton gehaltene Ausstellungsarchitektur den Raum in vier, nicht rechtwinklige Kompartimente plus zwei Schaukojen, in denen eigens produzierte Filme zu Zeichentechniken und zur Dekoration der Chigi-Kapelle in Sta. Maria della Pace in Rom gezeigt werden. Die Themen der Ausstellung sind: Madonna mit Kind, "Erzählung ohne Handlung", Historienbilder und die Ausstattung der Chigi-Kapelle. Museumsdidaktisch - und heute oft nicht mehr selbstverständlich - wurde jedem Blatt eine erläuternde Erklärung beigefügt und, wo möglich, eine Abbildung des aus ihr hervorgegangenen Gemäldes.

Viel gibt es zu entdecken. Themen, Techniken, Übermalungen, Ideen, Entwicklungen. Die Faszination der - mal detailliert linierten, mal grob und schwungvoll skizzierten - Zeichnungen liegt darin, in den Entstehungsprozess der Gemälde Raffaels einzutauchen, einen Blick über seine Schulter zu erhaschen. Bei manchen Skizzen, wie der als Vorzeichnung zur Sixtinischen Madonna bezeichneten Kompositionsstudie "Madonna mit Kind in einer Glorie; zwei Armstudien" (1511/1512), ist nur schwer zu erahnen, wie der Wandlungsprozess bis hin zum Gemälde verlief. Bei anderen, wie den drei Studien für die "Madonna im Grünen", die schwerpunktmäßig Komposition, Lichtführung und figurale Ausgestaltung zeigen, gelingt dies nahezu mühelos. 

Augenmerk der Ausstellung liegt auf der bildlichen Erzählkunst Raffaels. Dies wird besonders deutlich in den narrativen Umsetzungen des Themengebiets "Erzählung ohne Handlung", das Motive zu abstrakten Begrifflichkeiten - von "Der Traum des Ritters" (1502/1503) über mehrere Studien zur Disputa (des allerheiligsten Sakraments, 1508/1509) für das Fresko in der Stanza della Segnatura im Vatikan bis hin zu "Die Lehre der zwei Schwerter" (1512) - lebendig werden lässt. Den Historienbildern im dritten Themenbereich ist das Erzählerische inhärent und so wird gekämpft und erobert, mit Schild zu Fuß und zu Pferde. Bildkomposition, kraftvolle Bewegung und Rhythmik kommen besonders in der sehr modern wirkenden Zeichnung "Nackte Krieger im Kampf um eine Standarte" (um 1505/1506) zum Ausdruck, deren Entstehung in die Phase nach Raffaels Ankunft in Florenz fällt. Manche thematische Zuordnungen allerdings sind ungewöhnlich, wie eine regelrecht eingefrorene Darstellung der "Pietá" (um 1511/12) zu den Historienbildern - auch scheint das narrative Moment hier aufs Minimum reduziert.

Der abschließende Themenbereich "Die Chigi-Kapelle in Santa Maria della Pace, Rom" beschäftigt sich mit dem wohl um 1511/1512 von Raffael begonnenen Dekorationsvorhaben dieser Kapelle. Hier können mit der zeichnerischen Entstehung der Ausstattung auch einige der unterschiedlichen Techniken Raffaels studiert werden. Häufig warf er einen ersten Gedanken in einer Federzeichnung auf Papier. Die Weiterentwicklung der Figuren, deren Kombinationen und Lichtstudien erfolgten dann teils in Mischtechniken aus vorgeritzten Linien mittels Griffel, in Tinte, Silberstift, schwarzer Kreide, in Deckweiß überhöht und/oder - ab ca. 1510 vermehrt - in Rötel. Der Karton als Endstufe der Vorbereitung zum Gemälde wurde häufig in Kohle ausgeführt. Transfers von Blättern erfolgten bis hin zur direkten Vorlage für Fresken über (seitenverkehrten) Abklatsch, einfaches Pausen mit Kohle oder mittels Einstichen im Pauspunktverfahren.

Raffael starb am 6. April 1520 in Rom. Weder er noch sein Auftraggeber Agostino Chigi erlebten die Fertigstellung der Kapellenausstattung, die durch Arbeiten von Raffaels Schülern bis hin zur Skulptur "Habakuk und der Engel" von Gian Lorenzo Bernini über die Mitte des 17. Jahrhunderts andauerte.

Die Ausstellung "Raffael.Zeichnungen" leitet den Besucher an, Zeichnungen nicht nur als Vorlagen, sondern als Dokumente der Entstehung von Gemälden Raffaels wahrzunehmen. Denkprozesse von den ersten Ideen bis hin zum vollendeten Kunstwerk werden nachvollziehbar. Auch die unterschiedlichen Techniken, die Raffael virtuos beherrscht, faszinieren. Ein schöneres Entrée und eine bessere optische Lesbarkeit der Textbeiträge könnten zusätzliches Wohlgefühl auslösen. 

Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis 3. Februar 2013.

Sonntag, 4. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Der objektive Blick eines Malers

Technische Neuerungen verschrecken - und machen neugierig. Nach der Jahrhundertwende und verstärkt ab etwa 1870 tritt die Fotografie in der Kunstwelt in Konkurrenz zur Malerei. Ja, es gab kritische, konservative, traditionelle Stimmen - Fotografie könne keine Kunst sein... Aber es gab auch begeisterte Hobbyfotografen unter den Malern, wie Toulouse-Lautrec, Munch und Bonnard - und praktische Vorteile, so nutzten z. B. Degas und Monet Fotografien anstelle aufwändiger Vorzeichnungen zu ihren Gemälden. Der Augenblick kann bei schnittigen Rennpferden und wallenden Tutus mit Hilfe der Fotografie eben einfach, schnell und zuverlässig festgehalten werden :)

Die Werkschau des Kunstsammlers, Mäzens und Malers Gustave Caillebotte in der Schirn Kunsthalle zeigt rund 50 seiner Gemälde und Zeichnungen ergänzt durch mehr als 150 Fotografien des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts von Künstlern wie Eugène Atget und Éduard Baldus sowie Vertretern der Neuen Fotografie, wie László Moholy-Nagy oder Alexander Rodtschenko. Zurückhaltend, mit grauen Stellwänden gestaltet, ist die Ausstellung in vier Themenbereiche unterteilt: Stadt- und Architekturansichten gefolgt von Porträts und Interieurs, danach Stillleben und schließlich Landschaftsansichten.

Für zeitgenössische Kunst gab es in Frankreich vor der ersten Impressionisten-Ausstellung 1874 nur einen wichtigen Ort - mit strengen Vorgaben, universitärer Kungelei und akademischer Stagnation: den Salon de Paris. Für viele Künstler war die Annahme oder Ablehnung ihrer Gemälde wichtig, ja überlebenswichtig, denn ohne breite Öffentlichkeit kein Mitmischen am Kunstmarkt, kein Geld für die Miete.

Geldsorgen hatte Gustave Caillebotte nicht. 1848 als ältester Sohn eines Tuch- und Immobilienhändlers sowie Handelsrichters in Paris geboren, starben seine Eltern bereits 1874 bzw. 1878. Das beachtliche Erbe in Form von Grundbesitz, wie u.a. ein Landgut in Yerres mit der Nachbildung eines Schlosses aus dem 18. Jh., Wertpapieren und liquiden Mitteln, ermöglichte Caillebotte Unabhängigkeit. Er plante und finanzierte mit seinen Freunden und Mitstudenten Degas, Monet und Renoir nicht nur die großen Ausstellungen der Impressionisten, war Sammler und Mäzen - er zahlte auch häufig die Rechnungen bei ihren Treffen in den Cafés sowie zeitweise die Miete für Monet.

Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle führt den Besucher am Beginn ein wenig in die Irre. Begrüßt ihn doch ein fast 2,30 m hohes Porträt "Paul Hugot" von Caillebotte - im ersten Augenblick denkt man, es handele sich um Caillebotte selbst; dabei heften sich die Augen von Caillebotte an den Rücken des Betrachters - auch eine Form von Realismus :)

Die Diagonalachse des Saals lenkt zu Caillebottes Schlüsselwerk "Les raboteurs de parquet" (Die Parkettschleifer) aus dem Jahr 1875 - ein Refusé des Salons, das Caillebotte in der zweiten Impressionisten-Ausstellung 1876 zeigte. Ausschnitthaft, in leichter Aufsicht aus dem Türrahmen beobachtet er ausführlich die Arbeiter, die mit nackten Oberkörpern, auf allen Vieren den Holzboden abschleifen. Vulgärer Schweißgeruch in bürgerlichem Ambiente auf einem Ölgemälde - ein Skandal!

Caillebottes Gemälde zeichnen sich durch eine stark an der Realität orientierte Motivwahl und Ausführung aus. Seine Freude am fotografischen Blick mit ungewöhnlicher Perspektive und Ausschnitthaftigkeit werden nicht nur am Gemälde der "Parkettschleifer" deutlich. Dieser - aus heutiger Sicht modernen - Herangehensweise können manche Zeitgenossen nicht folgen; so Émile Zola: "Die Parkettschleifer und Junger Mann an seinem Fenster drücken zwar eine erstaunliche Leichtigkeit aus. Allerdings ist es eine völlig anti-künstlerische Malerei, eine Malerei klar wie Glas, mit einer durch seine Exaktheit mittelklassige Behandlung. Die fotografische Wiedergabe der Wirklichkeit ist, wenn sie nicht vom künstlerischen Talent gesteigert wird, eine erbärmliche Sache."[1]

Ergänzend, im Dialog und kontrastierend stehen als Konzept der Ausstellung Fotografien. Hier zeigen die Aufnahmen von Eugène Atget Asphaltierer - in ähnlicher Haltung bei schwerer körperlicher Arbeit. Allerdings, wie bei vielen der folgenden Gemälde-Foto-Vergleiche, in zeitlichem Abstand - 10, 20 manchmal 25 Jahre.

Erst nach zahlreichen Vorzeichnungen und Studien - und wohl häufig nicht "plein-air" / vor Ort - entstanden Caillebottes Gemälde. Die vermeintlichen "Momentaufnahmen" Caillebottes waren also meist aufwändig konstruiert und es ist zu vermuten, dass er auch Fotografien dazu nutzte. Ob er selbst fotografiert hat? Es ist nicht bekannt. Caillebotte besaß wohl eine Fotosammlung, die jedoch nicht auffindbar ist. Sein Bruder Martial war allerdings neben seiner Tätigkeit als Komponist auch als Fotograf tätig - das enge Verhältnis der Brüder wurde bereits 2011/2012 in der Ausstellung "Dans l'intimité des frères Caillebotte, Peintre et Photographe" gewürdigt.

Neben der reichen Auswahl an Gemälden Caillebottes durch Karin Sagner - immerhin befinden sich etwa 2/3 der ca. 500 erhaltenen Werke in Privatbesitz - gewinnt die Ausstellung vor allem durch die Gegenüberstellung der zum großen Teil qualitativ hervorragenden Fotografien, die Ulrich Pohlmann ausgewählt hat. Manchmal hätte ich mir zeitlich stärker korrelierende Arbeiten gewünscht. Dass dem häufig nicht so ist, ist wohl dem sehr hoch angesetzten Anspruch zu schulden, der Caillebotte nahezu als revolutionär, jedenfalls als ausgesprochen progressiven Künstler, darstellen möchte.   

Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Noch bis zum 20. Januar 2013. Ab dem 2. Februar 2013 im Gemeentemuseum Den Haag.

[1] zitiert aus: Brodskaïa, Nathalia und Charles, Victoria. Caillebotte (1848-1894). New York: Parkstone Press International, S. 208.

Donnerstag, 1. November 2012

[Gedanken zwischendurch] Segel setzen, Kurs nehmen

Beim Literaturblättern zu Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie begegnete mir 1876 anlässlich der zweiten Impressionisten-Ausstellung in Paris eine spannende Metapher aus der Feder Louis-Edmond Durantys:

"Et, maintenant, je souhaite bon vent à la flotte, pour qu’il la porte aux Îles-Fortunées ; j’invite les pilotes à être attentifs, résolus et patients. La navigation est périlleuse, et l’on aurait dû s’embarquer sur de plus grands, de plus solides navires ; quelques barques sont bien petites, bien étroites, et bonnes seulement pour de la peinture de cabotage. Songeons qu’il s’agit, au contraire, de peinture au long cours ![1] 

Und nun wünsche ich der Flotte guten Wind, der sie zu den Inseln der Glücklichen trägt; die Lotsen fordere ich auf, wachsam, entschlossen und geduldig zu sein. Die Kursbestimmung ist riskant, und man soll pflichtschuldig an Bord der größten, der solidesten Schiffe gehen; einige Boote sind recht klein, recht eng und nur für die Küstenschifffahrt geeignet. Bedenken wir, das es sich - im Gegenteil - um Malerei auf großer Fahrt handelt!

[1] Duranty, Louis-Edmond. La Nouvelle Peinture: à propos du groupe d'artistes qui expose dans les galeries Durand-Ruel. Paris: E. Dentu, 1876, S. 29. 

[Rezension] "Verflixtes Blau!" von Christopher Moore

Oder wie der raffgierige Farbenmann van Gogh erschoss...

" 'Hat sich erschossen. Mitten auf dem Maisfeld.", sagte das Mädchen. "Ach, und eine von diesen Lammpasteten, bitte.' "[1] 
 

Absinth, Kokain, Laudanum oder Bleivergiftung? Wahnvorstellungen, Trunkenheit, Melancholie, ein abgeschnittenes Ohr? Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts so schräg drauf waren? Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit sozialer Aufbruch- und wirtschaftlicher Umbruchstimmung, gesellschaftlichen Revolutionen, kulturellen Evolutionen - oder der Verbreitung der Dampfmaschine... Denn Hilfe naht. Christopher Moores Buch liefert die Erklärung für dieses Phänomen und räumt und rollt nebenbei die Kunstgeschichte auf. "Verflixtes Blau!" - oder schöner und treffender im Original "Sacré Bleu" - bietet auf breiter Basis: Liebesgeschichten mit Herzschmerz, Action und allem was dazugehört, eine Detektivgeschichte inklusive Abtauchen in den Pariser Untergrund, kunst-historische Unterweisungen vom Impressionismus über Botticelli, Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" und Gutenbergs Druckkunst zurück bis zur Enträtselung der Pikten und prähistorischer Höhlenmalereien einschließlich nummerierter Referenzgemälde, sowie einer Anleitung zum Testen der Knusprigkeit eines Baguettes; garniert mit witzigen und/oder ironischen Momenten, einigen augenzwinkernde Beigaben, ein bisschen Münchhausen und Bleu in allen Facetten. Alles ist wahr, manches gelogen.

"Blau ist nicht zu fassen.
Blau ist der Himmel, das Meer, ein Götterauge, ein Teufelsschwanz, eine Geburt, eine Strangulierung, ein Marienmantel, ein Affenarsch. Er ist ein Schmetterling, ein Vogel, eine bestimmte Stunde, das traurigste Lied, der sonnigste Tag.
...
Blau ist Schönheit, nicht Wahrheit.
...
Blau ist Macht und Herrlichkeit, eine Woge, ein Partikel, eine Wellenlänge, ein Gemütszustand, eine Passion, eine Erinnerung, eine Nichtigkeit, eine Metapher, ein Traum."
[2  

Im neuen, haussmannisierten Paris um 1890. Ein alter, hässlicher Mann und eine junge, hübsche Frau in den Hauptrollen - also eine Art "Beauty and the Beast"-Konstellation. Der kleine, bucklige Fiesling (..."wie die Kreuzung einer Ratte mit einem Pfifferling..."[3]), der sich "Der Farbenmann" nennt, verschreckt mit exhibitionistischer Vorliebe Dienstmädchen und würde wohl selbst durch innigstes Küssen nicht zum schönen Jüngling mit ehrbaren Absichten. Neben der namensgebenden, undurchschaubaren und zeitlosjungen "Bleu" und ihrem Lover, Lucien Lessard, einem jungen Bäcker mit großen Malambitionen, spielt der des Alkohols und der Demimonde einschließlich Bordellbesuche nicht abgeneigte Bon Vivant Henri Toulouse-Lautrec eine tragende Rolle. In Rückblicken und Vorwärtssprüngen wird die Geschichte um das Liebespaar, ausgehend vom Tod van Goghs mit diversen Nebenschauplätzen, einem Paar rauchenden Beinverlängerungen, der Syphillis, einem verrückten Professor und diversen Malern der Jahrhundertwende sowie ihrer Musen entwickelt. 

" 'Die Heilige Mutter hat viele Gesichter, aber man erkennt sie an ihrem blauen Umhang. Man sagt, sie sei der Geiste, der allen Frauen innewohnt.' "[4

Musen inspirieren Maler zu ihren Bildern, durch sie wachsen sie in ihrer Ausdruckskraft über sich hinaus, können stunden-, ja tage- und wochenlang konzentriert arbeiten; wie im Flug vergeht die Zeit. Für Seurat heißt sie Pünktchen, für Toulouse-Lautrec Carmen Gaudin, für Lucien Lessard zu Beginn Minette Pissarro und später Juliette, dazu Monets Camille, Renoirs Margot, Manets Victorine. Aber die wundervollen Gemälde haben ihren Preis - und so mancher kann sich später nicht mehr an die schöne, gemeinsame Zeit erinnern und an die derzeit entstandenen Gemälde - und wo sind diese Meisterwerke geblieben? ... Zu viel Alkohol? Ist Magie im Spiel? Und was hat es mit dem Ultramarin auf sich? Lucien und Henri werden das Geheimnis lüften. 

"Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen."
[5]
(Rainer Maria Rilke)

Christopher Moore greift mit seinem Roman die von Steven Naifeh und Gregory White Smith im Buch "Van Gogh: The Life" (New York: Randomhouse, Oktober 2011) geäußerten Zweifel am Selbstmord van Goghs auf und spinnt das Thema in der ihm eigenen, launigen Art weiter. Das Buch unterhält, ist teils lehrreich, manchmal derb, dann anekdotenhaft - Fakten und surreale Fiktion, Realität und ausschweifende Phantasie vermischen sich zu kurzweiliger Lektüre. Zu Ende hin ist manches Input sehr "gewollt" und all das recherchierte Wissen wird vordergründig in den Vordergrund gerückt. Dann, wenn beim Betreten der Katakomben die lateinischen Namen der menschlichen Bein- und Armknochen einzeln aufgezählt werden und obenauf Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" in die Waagschale geworfen wird.

Kleine Kritikpunkte: Das Buch hat einen schön gestalteten Einband, aber der Roman hätte Papier ohne Holzstückchen verdient. Und ich vermisse drei Figuren: Yves Klein und Marc Chagall, die zugegebenermaßen aufgrund des historischen Zeitfensters entschuldigt fehlen, sowie den Weihnachtsmann. Tja, letzterer passt eben nicht ins Farbkonzept. Aber vielleicht hat Christopher Moore ja schon den nächsten Roman in Vorbereitung - "Santa - Absturz über dem Roten Meer!", "Skandal im Wald - Rotkäppchen von Wolf geküsst" oder "Rote Bete - die ganze Wahrheit" :)

Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012. Originaltitel: Sacré Bleu. A comedy d'art. New York: William Morrow, April 2012.

[1] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 19. 
[2] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 7. 
[3] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 333.
[4] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 36. 
[5] Endstrophe aus "Blaue Hortensie" von Rainer Maria Rilke, in Neue Gedichte. Leipzig: Insel-Verlag, 1907, S. 57.

Montag, 22. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Schwestern der Revolution. Künstlerinnen der Russischen Avantgarde im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen

Starke Frauen zwischen Neoprimitivismus und Konstruktivismus

Die Schwestern sind unbequem, neongrün und schräg :) Im Gegenzug waren sie nicht verwandt und keine politischen Aktivistinnen. Nicht steinig und schwer, aber dass dieser Weg durch eine Ausstellung kein leichter sein würde, war klar - denn der Titel klingt spannend, aber auch komplex.

Nach 4 Jahren Vorbereitungszeit zeigt das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen 112 Werke von 12 russischen Avantgarde-Künstlerinnen aus der vor- und nachrevolutionären Zeit von 1907 bis 1934. Ein großer Teil der Exponate sind Leihgaben der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau, viele Kunstwerke sind erstmals in Deutschland ausgestellt.

Der Besucher steht vor der Herausforderung, sich durch Stilpluralismus, Formen und Begrifflichkeiten zu arbeiten, die teils fremd anmuten, aber auch Wiedererkennungseffekte bergen. Tja, die Russische Avantgarde... Einen gesellschaftlichen und künstlerischen Neubeginn mit dem Ziel einer gerechten, klassenlosen Gesellschaft vereinte die Künstler. Da denkt man an Alexander Rodtschenko, vielleicht an Wassily Kandinsky, aber am ehesten an Kasimir Malewitsch.

"Kunst hat kein Interesse mehr daran, Staat und Religion zu dienen, sie wünscht nicht länger, Illustration der Kulturgeschichte zu sein, sie will weiter nichts mehr mit dem Objekt als solchem zu tun haben, und glaubt, dass sie, in und für sich, ohne Objekte existieren kann."[1] (Kasimir Malewitsch)

Im Zeitalter von Post-Privacy, Piratenpartei und Koons-Hype ist für uns schwer nachvollziehbar - weil selbstverständlich oder bereits umgekehrt -, dass Künstler es als befreienden Akt ansahen, sich nicht länger politischen und religiösen Postulaten zu unterwerfen und sich von der Objektdarstellung zu lösen.

Die Russische Avantgarde war die wohl bisher einzige künstlerische Strömung, an der Frauen einen gleichberechtigten Anteil hatten. "Die Gruppe" der Künstlerinnen der Russischen Avantgarde - so wie beispielsweise "Der Blaue Reiter" - gab es allerdings nicht. Vom Neoprimitivismus mit postimpressionistischen Zügen und Anklängen an Volkskunst über den Kubo-Futurismus mit zylindrischen Formelementen und dem Malewitschen Suprematismus, geprägt von abstrakten Formen, bis hin zum streng geometrischen Formenvokabular des Konstruktivismus reicht die Palette der Künstlerinnen. Ihre Namen, wie Elena Liessner-Blomberg oder Antonina Sofronowa, allerdings sind oft nicht geläufig. Und nicht nur die verschiedenen Stilrichtungen spannen einen weiten Bogen; bis hin zum Stoffdesign, Modezeichnungen und Entwürfen zu Bühnenbildern wird in Ludwigshafen ein weites künstlerisches Feld geboten. Puh!

Na denn, hinein in die Kunst! Natalja Gontscharowa empfängt uns selbstbewusst und ausdrucksstark im Neoprimitivismus, der an postimpressionistische Frauenporträts van Goghs oder Cézannes erinnert. Nein, wir sind schon richtig und befinden uns nicht in Essen oder Berlin :) Dies ist eben eine Facette der "Russischen Avantgarde" und bereits hier wird deutlich, dass sich die Künstlerinnen durch Einflüsse aus Europa, vor allem Frankreich und Italien, aber auch Deutschland und Spanien, inspirieren ließen. Dies ist neben Malweise, Motivik und Formgebung später u.a. an Schriftzügen z.B. in französischer Sprache oder der Marke "4711", wie im Gemälde "Stillleben" von Alexandra Exter aus dem Jahr 1915, ablesbar.

"Ich habe die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht und habe drei Bilder ausgestellt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes, und dies mit der Feststellung: Alles ist zu Ende."[2] (Alexander Rodtschenko)

Ab der zweiten Ausstellungskoje zeigt sich, neben Einflüssen der Volkskunst, wie z.B. im Triptychon "Gottesmutter (mit Ornamenten)" von Gontscharowa, die beginnende Entwicklung von Abstraktion, deren Grad im Verlauf des Rundgangs sukzessive zunehmen wird. Reminiszenzen an die europäische Kunst sind spürbar - hier erinnert ein Gemälde von Nadeschda Udalzowa an Picasso, Braque oder Gris, dort ein Gemälde von Ljubow Popowa an Farbkompositionen der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter". Eigens für die Ausstellung angefertigt wurde die imposante Rekonstruktion eines Bühnenbilds von Exter zu "Romeo und Julia" aus dem Jahr 1921 in expressivem, kubistischem Stil mit blau-weißer Farbgebung; ein schwungvoller Kostümentwurf hierzu ist ebenso ausgestellt, wie der Stummfilm "Aelita" (Regie: Jakow Protasanow) aus dem Jahr 1924, für den Exter die Kostüme entwarf.

"Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels."[3] (Wassily Kandinsky)

Obwohl auch Braun- und Grautöne, z.B. in Gemälden von Popowa, vorherrschen können, scheinen die Werke der Avantgardistinnen insgesamt farbfreudig - auffällig das häufig leuchtende Blau. Kraftvolle Farben zeichnen die von volkstümlichen Anleihen bis zu klaren kubo-futuristischen Mustern reichenden Stoff- und Kostümentwürfe von Gontscharowa, Popowa und Warwara Stepanowa aus. Die Abstraktion bringt aber auch manches Kuriosum mit sich. So ist für das Gemälde "Konstruktion" von Popowa aus dem Jahr 1920 umstritten, wie das Bild zu hängen ist; in Ludwigshafen hat man sich für die Hängung "mit dem Mond nach unten" (weiße, nierenförmige Struktur) entschieden.

Die Russischen Avantgarde war - so rasch gekommen - schnell beendet. In den Zeiten des Bürgerkriegs ab 1918 verließen viele Künstler, wie auch Gontscharowa und Exter, Russland gen Frankreich oder Deutschland. Mit dem Tod Lenins 1924, aber insbesondere 1932 mit dem Beschluss der Richtlinien für die Produktion von Literatur, bildender Kunst und Musik in der UdSSR wurde die künstlerische Freiheit stark eingeschränkt, die Abstraktion praktisch verboten und der Sozrealismus begründet. Der Rundgang der Ausstellung endet in den beginnenden 30er Jahren mit Arbeiten der Vertrauten Malewitschs, Anna Leporskaja im Einfluss dieser Richtlinien. Wie Malewitschs "Mann in suprematischer Landschaft" erschafft Leporskaja geometrische Menschen, zwar in farbiger Gestaltung, aber ohne Gesichter und vor leerem Hintergrund - leblose Hüllen.

Neben einer gelungenen Einleitung, 12 Kurzlebensläufen und einem Timetable, sind die Erklärungen an den Werken - wie mittlerweile häufig üblich - spärlich und reichen oft nicht, um westlich geprägte Sehgewohnheiten und kulturelle Sichtweisen zu überwinden. So bleibt der Besucher u.a. mit der Frage nach dem Titel "Oblomow-Syndrom" eines Werks von Sofia Dymschiz-Tolstoja allein. Ja, natürlich gibt es Katalog und Audio-Guide - aber vielleicht möchte ja mancher Besucher die Augen und Ohren frei haben, um sich ganz auf die Kunst einzulassen. Der wertige Hardcover-Katalog mit ausgezeichneten (wenn auch eine Spur gedunkelten) Abbildungen, interessanten Texten - insbesondere der dynamische, frische Einleitungsteil von Ada Raev - gefällt mir sehr.

Die Kunst ist ein kompliziertes Phänomen.[4] (Wassily Kandinsky)

Fazit: "Schwestern der Revolution" ist keine "leichte Kost", wenn man sie über rein ästhetische Aspekte und Farbgestaltung hinaus betrachten möchte. Inwiefern den Russischen Avantgardistinnen die Emanzipation von westeuropäischen Vorbildern und Impulsen gelang, muss der Besucher für sich selbst entscheiden. Vor dem Besuch schadet es nicht, sich kurz in historische Voraussetzungen einzulesen und den Stilpluralismus zu vergegenwärtigen. Dann kann man auch nach dem Ausstellungsbesuch sagen: "I love Avantgarde" :)

Schwestern der Revolution. Künstlerinnen der Russischen Avantgarde im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Noch bis zum 24. Februar 2013. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Tretjakow-Galerie, Moskau und mit der Unterstützung der BASF SE im Deutsch-Russischen Kulturjahr 2012/13.



[1] de Vries, Gerd: Über Kunst - On Art. Künstlertexte zum veränderten Kunstverständnis nach 1965 /Artists' Writings on the Changed Notion of Art After 1965. Köln: DuMont Verlag, 1974, Seite 21.
[2] Rodtschenko, Alexander. Arbeit mit Majakowski. Zitiert nach Gaßner, Hubertus. Alexander Rodschenko. Konstruktion 1920 oder die Kunst, das Leben zu organisieren. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1984, S. 36. 
[3] Kandinsky, Wassily. Über das Geistige in der Kunst. Bern: Benteli Verlag, 1952, S. 92f. 
[4] Kandinsky, Wassily. Essays über Kunst und Künstler. Hrsg. Max Bill. Stuttgart: Verlag Gerd Hatje, 1955, S. 229.

Dienstag, 16. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Community-Abend mit Tweetup und Blogparade im Städel Museum Frankfurt am Main

Must see, must tweet, must dark romanticism - Städel folgt Schirn

Die Ankündigung des Community-Abends am 25. Oktober 2012 auf dem hauseigenen Blog will Social Media-Praktizierende ins Städel Museum Frankfurt am Main locken; "Freunden und Followern" soll Gelegenheit zum Kennenlernen und gemeinsamem Austausch gegeben werden.

Das geplante Kultup beschließt den ersten Tag des stARTcamp in Frankfurt, das als kostenpflichtiges Barcamp Kulturschaffende, - interessierte und -dienstleister zum Austausch ins Atelierfrankfurt einlädt. Ab 18:00 Uhr findet im Metzler-Foyer des Städel Museums ein Tweetup mit Führungen zur Ausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“ und anschließendem, geselligen Beisammensein statt. Gleichzeitig ruft das Städel Museum bis zum 31. Oktober 2012 zur (Micro-)Blogparade zum Thema "Ich bin ein/e schwarz/e Romantiker/in, weil..." auf. Die Teilnahme am Community-Abend ist kostenfrei, jedoch nur mit vorheriger Anmeldung möglich.

Das Städel folgt mit dem Community-Abend konzeptionell dem erfolgreichen Bloggertreffen/Tweetup der Schirn Kunsthalle am 26. Juli 2012 anlässlich der Doppelausstellung „Jeff Koons. The Painter“ und „Jeff Koons. The Sculptor“- wobei der Vortrags-/Diskussionsteil ins zweitägige Barcamp ausgelagert wurde, während der Bespaßungsteil - ähm, die Führungen durch das graußlige Grauen einschließlich Dunkelzwitschern :) im Städel stattfindet.

Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum. Noch bis 20. Januar 2013.

Sonntag, 14. Oktober 2012

[Gedanken zwischendurch] Freier Fall 2

Es ist nicht Mond, noch Mars. 1969 wäre es auch gar nicht möglich gewesen - da gab es kein Energiedrink-Sponsoring. Er springt, die Geschwindigkeit nimmt zu, die Kamera kann den kleinen, weißen Ball kaum für einen Moment einfangen. 4:22 min - kein neuer Rekord im Freifall. Aber er landet - und lebt.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

[Gedanken zwischendurch] Buchmesse am Mittwoch 2012

"Bekannte kommen und vergehen, Freunde nicht. Bücher, die wir zu unsern Freunden machen, werden uns nie zum E[c]kel. Sie nützen sich durch den Gebrauch nicht ab; sie reproduciren sich immer von Neuem, wie das Leben; ihr Genuß ist unerschöpflich."[1]
(Ludwig Feuerbach)

Über Halle 1 hinaus kommt nur wer nach oben strebt - übers Laufband, unten Exit. Hot Spots "Digital Innovation", "Education" - aber "Kids & eReading"? Sind Social Media, Crowdfunding, Twitter denn für Erwachsene geeignet? Das "Kunstbuch" ist vielschichtig; hier lustige, bunte Tierzeichnungen, um die Ecke Nackte-Frauen-Bücher. Beim Taschen-Verlag von Klimt-schwelgendem Hintergrund mit schweren Prachtexemplaren niedergestreckt. Klitzekleine Verlage in winzigen Parzellen - Kredit für die Standgebühr aufgenommen? Dazwischen drängen Security, Bodyguards, Polizei um Arnie. "Es wurden viele Fehler gemacht" - hm, stand wohl manchmal neben sich... Mancherorts hat der Supermarkt 24/7, die Buchmesse schließt um 18:30 Uhr - Content geht eben mit der Zeit... Kontrollierter Zugang im Pressebereich-Vakuum. Um 17:30 das Gefühl, an den meisten Ständen könne ein Gespräch nur mit mindestens x-stelligem Abnahmeangebot beginnen - also: psst, bitte nicht ansprechen. Nur Gutenberg druckt, druckt und druckt - 6 Standard-Exlibris, 4 Euro. Reden werden gehalten, gefeiert - mit Weißwein, preisgünstigem Knabbergebäck aus der Kunststoffbox und grau-grünen Pasten bestrichenen Self-Made-Schnittchen, Geruch von abgestandenem Bier. Ab 18:00 beginnt die Besucherflucht, Exodus-Stimmung, ist da nicht das Geräusch eines Besens? Die Transferbusse überfüllt, im Strom an den Ausgang gespült.

Bücher? Neue Freunde heute nicht gefunden, mal im Internet stöbern.



[1] Feuerbach, Ludwig. Abälard und Heloise oder der Schriftsteller und der Mensch. Eine Reihe humoristisch-philosophischer Aphorismen. Ansbach: Carl Brügel, 1834, S. 1.

Freitag, 5. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main

Ein Museum fordert seine Besucher (heraus)

In dem von mir genutzten Browser sichtbar, aber - vielleicht durch das flatternde Fledermaus-Gimmick der "Schwarzen Romantik" beeinträchtigt? - nicht anwählbar, findet sich mittig auf der Website des Städel Museums die Ankündigung zur Ausstellung Raffael. Zeichnungen, die am 7. November 2012 eröffnet werden wird. Hinter einem Klick in der Menuleiste kann ich eine Vorschauseite öffnen, rechts erscheint ein Hinweis "Raffael entdecken. Meisterzeichnungen unter der Lupe". Darunter kommt der erste Teil einer Online-Serie "Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden" zum Vorschein. Ein Pilotprojekt sozusagen, denn Besucher in spe sollen bereits mehrere Wochen vor Ausstellungsbeginn mit Hintergrundinformationen auf Raffael und seine hervorragenden Zeichnungen, die hier nicht nur aus der hauseigenen Sammlung, sondern aus aller Welt stammen, eingestimmt werden.

Ohne auf die Marketingstrategie der Vor-Ankündigungen einzugehen: Das Angebot scheint sich an den bildungswilligen, kunstinteressierten Laien zu richten. Bildung zu vermitteln ist sicher keine einfache Angelegenheit, aber die erste Episode "Wer war eigentlich Raffael?" hinterlässt leider - vor allem zu Textbeginn - einen blassen Eindruck. Der Leser lässt sich hier eben nicht gerade in einem VHS-Kurs weiterbilden oder von einem Vortrag berieseln, sondern hält sich zum Zeitpunkt des Episoden-Konsums im - zwar nicht allwissenden, aber recherchierbaren - Internet auf. Das "eigentlich" in der Überschrift einmal beiseite gelassen, werden Allgemeinplätze ("Raffael ist einer der berühmtesten Künstler aller Zeiten.", "Bilderbuchkarriere", "Höchstpreise auf dem Kunstmarkt") mitsamt der berühmten Engelchen abgearbeitet, Unklarheiten ("Ein reiches, aber kurzes Leben" - monetär reich oder reich an Schaffenskraft / hinterließ ein großes / kunsthistorisch wichtiges Oeuvre? , Was ist ein "Renaissancemeister", wie sind "Grenzerweiterungen" hier zu verstehen?) zu Stolperfallen und Auslassungen (z.B. sein Wirken als Architekt und Bauleiter, u.a. des Petersdoms in Rom - sorry, aber soviel Platz muss sein...) tragen zu einem unstimmigen Gesamteindruck bei.

Es bleibt abzuwarten, was die nächste Episode bietet, ob die Vorabinformationen die Besucher - wenn sie diese denn entdecken - zu einem "besonders intensiven Ausstellungserlebnis" führen, oder im Nachhinein zu einem schlechten Gewissen, weil sie nicht alles Angebotene inhalliert haben. Vielleicht hat sich der versierte Ausstellungsgänger aber da auch bereits anderweitig informiert.

"Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main. Vom 7. November 2012 bis 3. Februar 2013.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Die Frankfurter Buchmesse 2012 - Kunst zum Schwerpunkt

Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2012 ist: Neuseeland

Das jeweilige Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse wurde in den vergangenen Jahren gerne zum Anlass für Kunst-Ausstellungen. Beispielsweise zeigte 2009 die Schirn Kunsthalle "100 Skulpturen der Mao-Zeit" zum Gastland China und 2011 "Gabríela Friðriksdóttir. Crepusculum" sowie "Erró. Porträt und Landschaft" zu Island. Leider nicht in diesem Jahr. Während das Städel für den Herbst auf "Schwarze Romantik" setzt und im Liebieghaus der Koons-Rückbau in vollem Gange ist, wird ab 18. Oktober in der Schirn eine Ausstellung zu dem französischen Kunstmäzen und Maler "Gustave Caillebotte", ab 1. November "privat" zum Thema Post-Privacy eröffnet.

Die Kunst Neuseelands wurde anlässlich der Frankfurter Buchmesse über der Stadt verstreut. Neben dem Weltkulturen Museum sind u.a. der Frankfurter Kunstverein, der Portikus und das MMK mit Ausstellungen Bildender Kunst beteiligt. Zudem werden die Künstler Erica Duthie und Struan Ashby sowie die Dichterin Kate Camp in einem Public Art-Projekt "Tagträumer / Daydreamers: Tape art and poetry" Frankfurts Plätze - teils von Passanten inspiriert - mit aus Klebeband gefertigten Bildern und Poesie schmücken.

Neugierig zu werden, sich über die Ausstellungen und einzelnen Events nicht nur zu informieren, sondern einen Überblick zu erhalten und sie sich dann auch zu erschließen, ist nicht ganz trivial. Weit weg ist Neuseeland - und seine Kunst begegnet uns nicht alltäglich in Museen und Galerien. Hinzukommt, dass teils ungewöhnliche künstlerische Formen und Techniken vorgestellt werden, die der Erläuterung bedürfen. So zeigt das Weltkulturen Museum unter dem Titel "INCREDIBLY HOT SEX WITH HIDEOUS PEOPLE" eine Ausstellung über Zines und Underground-Publikationen mit Texten von Maori und pazifischen Inselbewohnern. In einer zweiten Ausstellung "FACE TO FACE / KANOHI KI TE KANOHI / FA'AFESAGA'I" werden Portraits prominenter samoanischer Persönlichkeiten des Künstlers Francis Pesamino zusammen mit Objekten aus der Polynesien-Sammlung des Museums vorgestellt. Der Portikus verspricht mit "A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness" eine Tageslicht-Installation von Michael Stevenson, die das "gesamte Gebäude in eine Camera Obscura verwandeln" wird und deren Hauptinspirationsquelle der panamaische Mathematiker und marxistische Philosoph, José de Jesús Martínez (Chuchú), war. Nicht mit dem Flugzeug, aber mit dem Helikopter ist der Besucher im MMK unterwegs. Das Museum für Moderne Kunst zeigt die raumgreifende 3-Kanal Video-Installation "Composition with RNZAF 3 Squadron Exercise Blackbird" von Alex Monteith, die den Betrachter auf einen Flug über das verschneite Neuseeland einlädt. Auch der Frankfurter Kunstverein präsentiert mit "Contact" Visual Art, hier gleich ca. 20 Künstler. Namensgebend für die Ausstellung ist eine Performance des neuseeländischen Konzeptkünstlers Jim Allen aus dem Jahr 1974; zudem verweist der Titel auf das bikulturelle Beziehungsgeflecht zwischen Māori und weißen Siedlern. Tanz und Theater in English Theatre und Mousonturm, sowie Vorführungen im Deutschen Filmuseum ergänzen das Programm zum Ehrengast Neuseeland.
  
Auf den ersten Blick keine leichte Kost - aber zumindest einen Annäherungsversuch ist es wert :) 

Dienstag, 2. Oktober 2012

[Kino] Wie beim ersten Mal - seit 27. September 2012 in deutschen Kinos

Beziehungsanalyse unter dem Mikroskop

In Deutschland läuft "Wie beim ersten Mal" mit "FSK 6", in den USA als "PG-13 (Sexual Content)", aber Kinder und Jugendliche wird es kaum in diesen Film ziehen, denn der Plot zielt auf die sogenannten Best Agers.

Zum 31. Hochzeitstag schenken sich Kay (Meryl Streep) und Arnold Soames (Tommy Lee Jones): ein Pay TV-Abo. Arnold geht zur Arbeit, blättert in seiner Freizeit in Golfzeitschriften und sitzt abends vor dem Fernseher, bis er einschläft. Befriedigend ist das für beide nicht. Während Arnold aber die Situation "aussitzt", versucht Kay durch spontanes Buchen einer Paartherapie neuen Schwung in die Beziehung zu bringen. Arnold folgt ihr dazu widerwillig von Nebraska in eine abgeschiedene Kleinstadt in Maine.

Der Trailer verspricht eine ernst(haft)e Auseinandersetzung, aber dennoch humorvollen Umgang mit dem Thema. Der interessante Plot könnte in eine lockere Komödie mit ernsten Untertönen münden. Doch die Story ist vor allem in den Therapiegesprächen, die die Beziehung der beiden Akteure regelrecht "seziert", auf 100 Minuten extrem langatmig umgesetzt - leider können auch die beiden hervorragenden Hauptdarsteller Meryl Streep und Tommy Lee Jones daran nicht vorbeiagieren. Der Film hat zarte Untertöne, sehr warmherzige Momente und die Figuren sind detailliert und präzise herausgearbeitet. Aber unter der Ankündigung "vom Regisseur von "Der Teufel trägt Prada"" werden Erwartungen geweckt, die nicht eingelöst werden können. Da ist selbst der beste Best Ager erschöpft und enttäuscht. Schade.

Wie beim ersten Mal. Seit 27. September 2012 in deutschen Kinos. Regie David Frankel, Hauptdarsteller Meryl Streep, Tommy Lee Jones, Steve Catrell. Originaltitel: Hope Springs.

Freitag, 28. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main

Jedes Grauen hat seine Zeit

"Im Jahr 1782 stellte Füssli zum ersten Mal sein Gemälde "Der Nachtmahr" in der Jahresausstellung der Royal Academy [of London] aus... "Shocking" schrieb Horace Walpole an den Rand seines Katalogexemplars. Von einer Betrachtung des Gemäldes wurde nervenschwachen Personen abgeraten."[1] 

Eines der vier Exemplare dieses Tafelbildes von Johann Heinrich Füssli bildet den Einstieg in die große Sonderausstellung "Schwarze Romantik. Von Goya bis May Ernst" des Städel Museums in Frankfurt am Main. Mit mehr als 200 Ausstellungsobjekten - Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmen - will die von Felix Krämer kuratierte Ausstellung von der Romantik ausgehend deren großen Wirkungsbogen bis weit ins 20. Jahrhundert spannen. Neben eigenem Bestand zeigt das Städel zahlreiche hochkarätige Leihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen.

Namensgebend für die Ausstellung ist das 1930 erstmals in Florenz erschienene Buch "Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik" des Literaturwissenschaftlers Mario Praz. Die Bezeichnung "Schwarze Romantik" hat sich in die kunsthistorischen Sphären eher vage hineindiffundiert und ist schließlich zum Allgemeinplatz geworden. Denn zum einen trägt der Titel der italienischen Ausgabe des Buchs von Praz "La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica" gar keinen Untertitel, die "schwarze Romantik" ist also eine Zufügung des Übersetzers bzw. des Hanser Verlags zur deutschen Erstausgabe im Jahr 1963. Zum anderen widmet sich Praz' Buch der romantischen Literatur, deren Gravitationszentrum er zwischen London und Paris verortet, unter dem vornehmlichen Aspekt des erotischen Empfindens [2].
 
Die Ausstellung im Städel erweitert diesen Blickwinkel nicht nur um den Bereich der Bildenden Kunst der Zeit der Romantik und über die Perspektive des "Sexus" hinaus, sondern versucht zudem den Begriff der und die Auswirkungen und Inspirationen von "Romantik" zu erstrecken auf Symbolismus und Surrealismus bis hin zum Beginn des Zweiten Welktriegs. Ein großer "Rundumschlag" sozusagen. Uns erwartet das Irrationale - von melancholischen Gedanken, über Träume, Phantasien, Unheimliches, Groteskes, Ängste bis zu Wahnvorstellungen und Todessehnsucht - hier wird nahezu jede Facette geboten.

Die Künstler der Romantik - also jene Zeit zwischen den beiden Revolutionen 1789 und 1848 - wandten sich von den Gedanken der Aufklärung ab, suchten nach "Höherem". Der Glaube an die Kraft menschlicher Vernunft und der Gedanke, die Weltanschauung durch die Erkenntnisse der Wissenschaft zu bestätigen, aufgeklärter Rationalismus ausgehend von einem naturwissenschaftlichen Ansatz, geprägt vom Fortschritt beginnender Industrialisierung und bürgerlicher Wirklichkeit, schienen nicht ausreichend, wurde als eng, nicht ganzheitlich genug und in sich widersprüchlich gesehen. Die Romantiker entzogen sich den Prämissen der Aufklärung durch Hinwendung zu den Kräften der Natur und beschäftigten sich mit Volkstümlichem, vorchristlichen Bräuchen, mittelalterlicher Sagenwelt, Mystik und Märchen, Fantastischem und Unbewusstem.

"Der Nachtmahr" war schnell berüchtigt, dann lange berühmt. Füssli war vor allem deshalb ein großer Wurf gelungen, weil er den Nerv der Zeit vor der Zeit getroffen hatte."[3]

Nicht ohne Grund beginnt der Rundgang im Städel daher mit dem Blick auf Füsslis "Der Nachtmahr", hier die Version aus dem Frankfurter Goethehaus. Die Komposition aus Gnom, Pferd und Frauengestalt ist neu; hinzu kommen die erotische Komponente und das theatralische Spiel von Licht und Schatten. Bereits im Januar 1783 kamen von Thomas Burke angefertigte Stiche auf den Markt, die Beliebtheit des Bildes stieg sprunghaft an[4] und so ist "Der Nachtmahr" heute das bekannteste Gemälde Füsslis. Unter dem Stich stand ein Vers von Erasmus Darwin:

So on his Nightmare through the evening fog
Flits the squab Fiend o'er fen, and lake, and bog;
Seeks some love-wilder'd maid with sleep oppress'd,
Alights, and grinning sits upon her breast.[5]


Während die Zeitgenossen Füsslis die Darstellung als schockierend empfanden, sich darüber empörten oder einfach ratlos dem Gemälde gegenüber standen, entlockt mir der "grinsende Unhold" und das stürmische Pferd mit den irren Augen, insbesondere in der hier nicht gezeigten Detroiter Version mit der Knollennase, meist eher ein Lächeln - vielleicht auch, weil er ein "alter Bekannter" ist. Hinter dem Gemälde ist eine der Film-Kojen der Ausstellung aufgebaut, die hier einen Ausschnitt aus "Frankenstein" von James Whale (1931) zeigt. Am Ende lagert die bewusstlose Elisabeth bezeichnenderweise in genau der Position auf ihrem Bett, wie Füssli seine Träumende dargestellt hat. In der Zusammenschau mit weiteren Austellungsstücken dieses ersten Raumes der Ausstellung im Städel - einem Weltuntergang von Samuel Colman oder dem großen roten Drachen von William Blake - und dem diffus gedämmten Licht mit dunkelgraublau-gefärbten Wänden, wird klar, dass der Rundgang nicht so harmlos weitergehen wird. 

"Er [Füssli] ist "in seiner Zeit" nur mit einem weiteren Künstler vergleichbar, Francisco Goya, der ihn jedoch zweifelsfrei überragt."[6]

Der Besucher sollte auch im weiteren auf Sichtbezüge unter den Ausstellungsobjekten gefasst sein. So greifen z. B. die Radierungen "Los Caprichos" von Francisco de Goya im folgenden Raum, mit "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" sowohl die Albtraumthematik des Nachtmahrs, als auch mit "Die Chinchillas" die Maske des Frankensteinschen Monsters im Film auf. Nach weiteren Goyaschen Schreckensszenarios folgen zunächst Räume mit Werken französischer und belgischer Künstler. Darunter finden sich neben hochkarätigen Géricaults, Delacroix' und einem nachdenklichen Satan von Feuchère das gesellschaftskritische Gemälde von Antoine Wiertz "Hunger, Wahnsinn und Verbrechen" (1853), das eine Mutter mit ihrem ermordeten Baby im Arm zeigt - das blutige Messer in der Hand, irre Augen und aus dem Kochtopf über der Feuerstelle ragt ein Kindsbein. Für Victor Hugos unheimlich-düstere Tuschzeichnungen ist ein Kabinett reserviert, eine Rotunde führt in die melancholisch-traurigen Gemälde und Zeichnungen mit Gräbern und Segelschiffmotivik Caspar David Friedrichs ein, es folgen weitere Landschaftsgemälde, u.a. "Prozession im Nebel" (1828) von Ernst Ferdinand Oehme - die Vorlage für Plakat und Einladungen der Ausstellung. Der Bereich "Mythen und Märchen" - darunter das Gemälde "Schneewittchen und die böse Stiefmutter" des in Frankfurt geborenen Victor Müller, das in seiner Unschärfe an die Anfänge der Fotografie denken lässt - runden das Gesamtbild der Romantik ab.   

Eine "normalgroße" Ausstellung wäre hier nun zu Ende. Aber schon ein wenig erschöpft treibt es mich hinauf in den zweiten Teil der "Schwarzen Romantik". Der "Frosch mit Kaninchenohren" und "Faunskopf", Steingut-Skulpturen von Jean-Joseph Carriés aus Privatbesitz als Repräsentanten des Symbolismus empfangen mich, wecken meine Neugier und erheitern ein wenig. Weiter geht es durch Symbolismus und Surrealismus. Auch die Ausstellungsstücke in den oberen Sälen sind spannend - wer würde nicht von Dalís und Magrittes surrealistischen Fantasien ergriffen und Max Ernsts Landschaften gefangen sein. Auch hier werden Filmausschnitte gezeigt. Die Ausstellungsstücke und -räume sind auch hier informativ beschriftet und liefern immer wieder notwendige Hintergrundinformationen zu den symbolgeladenen Werken. Aber die Konzentration lässt doch merklich nach, nicht nur die der Dichte der Gemäldeauswahl, auch die des Besuchers, der vom "Rundumschlag" schon fast erschlagen wird. Ich mache jetzt erstmal eine Pause - vielleicht einen Kaffee trinken - aus Dalís "riesiger fliegender Mokkatasse" - oder zum "Gastmahl der Sphinx" mit ein bisschen "Mondspargel" von Max Ernst? Hauptsache, es heißt nicht: "Sie sind zu lange im Wald geblieben"[7]... 

Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis 20. Januar 2013. Ab 5. März 2013 unter dem Titel "The Angel of the Odd. Dark Romanticism from Goya to Max Ernst" im Musée d'Orsay in Paris.

In Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum werden erstmals innerhalb einer Ausstellung im Städel Ausschnitte von Filmklassikern wie Frankenstein (1931), Dracula (1931) oderVampyr (1931/32) gezeigt, die als Begleitprogramm im Filmmuseum in voller Länge geschaut werden können.

[1] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog der gleichnamigen Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart vom 27. Sept. 1997 bis 11. Jan. 1998. Becker, Christoph / Hattendorf, Claudia (Hrsg.). Ostfildern-Ruit: Verlag Gerd Hatje, 1997, S. 132.
[2] Nach Praz, Mario. Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. München: DTV, 4. Aufl. 1994, S. 13f..

[3] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 132.
[4] Nach Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 133/134.
[5] Darwin, Erasmus. The Botanic Garden. London: Jones & Company, S. 165. Zitiert aus dem E-Book. Darwin erweiterte diesen Vers später zu einem Gedicht in seinem Buch "Botanic Garden", für das wiederum Füssli das Titelbild gestaltete. 
[6] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 136.

[7] "Sie sind zu lange im Wald geblieben" ist der Titel eines der im Städel ausgestellten Gemälde von Max Ernst aus dem Jahr 1927. Abbildung im Katalog: Krämer, Felix (Hrsg.). Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst. Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2012, Kat. Nr. 197, S. 265.