Samstag, 26. Mai 2012

[Rezension]: "Die Übersetzung" von Pablo De Santis

Sprache im Nirgendwo - meilenweit nichts, ein marodes Hotel, eine Übersetzer-Konferenz, einige Leichen und tote Seehunde

Auf die Frage des Zollbeamten, ob Sie anzumeldende Waren, Drogen, gefährliche Gegenstände oder Waffen mit sich führen, können Sie nach dem Konsum dieses Buches nicht mehr guten Gewissens den Kopf schütteln. Denn unzweifelhaft tragen Sie Ihre Sprache täglich mit sich. 

Die vordergründige Handlung ist rasch umrissen. Ein Übersetzer fährt zu einem Kongress an einen abgeschiedenen Ort der argentinischen Küste in ein halb fertiggestelltes, halb verfallenes Hotel. Dort trifft er ehemalige Weggefährten und Kollegen. Dabei kommt so manch "alte Geschichte" - ob Liebe, Neid oder Missgunst - aus den Ritzen der Vergangenheit gekrochen. Ein toter Übersetzer im unverputzten Schwimmbecken, eine Tote in der Badewanne ihres Hotelzimmers, ein algenverhangener Fast-Ertrunkener, vor sich hinplappernd am verlassenen Strand.

Kulisse des Schauspiels bildet eine surreal anmutende Welt, angereichert mit toten Seehunden, die an den einsamen Strand gespült werden, mit rostigen Frachtwaggons, schmutzigem Salz, Vogelschädeln auf einer mondartigen Oberfläche. Gelähmte Strukturen nicht nur in der Landschaft, auch bei den Nebenfiguren; selbst der federführende Kriminalbeamte scheint kraft- und machtlos. Die Nebenfiguren als nebelhafte, vor die Leinwand gelagerte Gestalten, stehen zurückhaltend, wenn nicht gar unbeteiligt den Morden gegenüber. Keine Angst, keine Panik, gespannte Stille - oder doch Warten auf Godot? Die Hauptfiguren in einer unklaren Dreiecks- oder erweiterten Vieleckgeschichte. Der Erzähler, von Kopfweh und Übelkeit geplagt, ist nicht der Held. Es ist ein anderer.

Hinter, vor und in alle dem: Sprache, insbesondere eine alte und geheime, mythische Ur-Sprache. Begriffe, teils mittelalterlich entlehnt klingend, teils alttestamentarisch, manche fantastisch, andere aus einer realen, aber längst vergangenen Zeit, echte und erfundene Zitate, hier Dante, dort John Dee, und eine Fabel zur unendlichen Suche nach der Bedeutung eines Worts. Reine Sprache als Thema - nicht haptisch greifbar als Buch, nicht verstehbar gesprochen, sondern reine Abstraktion, eine Art Trance, ein Zustand am Übergang ins Jenseits.

Der Leser verirrt sich hypnotisiert in einer Kombinationsschleife. Die Leichen und der beinah-ertrunkene Kollege werden im oder am Wasser gefunden. Alte Münzen - ob Peso aus 1969 oder klein und versilbert - liegen unter ihren Zungen. Wie weit geht De Santis mit der geheimnisvollen Symbolik in dem Labyrinth von Andeutungen? Neben Charons Lohn - steht der alte, ungenutzte Leuchtturm für den Turmbau zu Babel, ist der Kongress Sinnbild für die Babylonische Sprachverwirrung, die vielen Sprachen heutiger Zeit die Strafe nach der Hybris und dem Verlust der Adamitischen Sprache? Kann Sprache töten? Was macht der "unpersönliche Regen"  auf Seite 109? Und welchen Zusammenhang hat das alles mit einer Epidemie toter und streng riechender Seehunde? Ist das Kalken der Seehunde Sinnbild für ein Geheimnis, das Übertünchen einer grausamen Tat? Vermeintlich Hinweise werden in der Landschaft platziert, bleiben dort stehen oder verwischen beim Voranschreiten des Lesers in der Ferne. "Es ist kein Fluss, es ist ein Sumpf." (S.110), in dem auch der Leser watet.

De Santis schreibt dicht, reduziert und unbestimmt; vieles bleibt ungesagt und der Fantasie des Lesers überlassen. Er fasziniert mit einfachen Worten in elementarem Satzbau - klar und doch wie Nebel vor der Küste. Seine Lust an Sprache korreliert positiv und elegant mit dem Inhalt der Geschichte, so dass sie letzterer beinahe den Rang streitig macht. Kleine Seitenhiebe wie "In der Welt der Spione gibt es ein paar Doppelagenten; in der akademischen Welt gibt es nur Doppelagenten." (S. 134) komplettieren das Lesevergnügen. Fragen bleiben - also eine ideale Kriminalgeschichte.

Ein sprachlicher Genuss, eine feinfühlige Erzählstruktur und philosophische Streublumen, die den Leser nachdenklich, mit ein wenig Melancholie und Traurigkeit oder gelegentlich mit einem Schmunzeln zurücklassen - eine wundervolle Lektüre. Keine leichte Kost; Lebensweisheiten und Fragezeichen inklusive.

De Santis, Pablo. Die Übersetzung. Zürich: Unionsverlag, 2010. ISBN 978-3293204942. Originaltitel "La traducción" erschienen bei Editorial Planeta Argentina, S.A, 1998.

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