Montag, 25. Juni 2012

[Oper] Il barbiere di Siviglia im Staatstheater Braunschweig

Das Leben ist Blingbling

Pin-ups strahlen, bunte Glühlampen blinken, die Drehbühne kreist wie ein Karussell. Bunt, plakativ, vordergründig. Aber die Kulisse zeigt auch ihre Rückseite, die rohe Kehrseite von Macht und Geld - viel unbehandeltes Holz, Eisenstangen, Pappe, zerrissenes Papier und tränengetränkte Kosmetiktücher sind im Einsatz - im Staatstheater Braunschweig mit einem stets zwinkernden Auge. In doppelter Ebene wird Rossinis Schauspiel als Oper im Theaterkontext zelebriert. Ein Conferencier (Henryk Böhm) - im Wechsel als Diener Ambrogio -  führt humorvoll und mit tagesaktuellen Kalauern durch das Programm und greift an in ausgewählten Szenen als Regisseur in das Spiel ein; komplettiert wird die über die Szenerie gelegte Ebene durch die Haushälterin als Nummerngirl (Hyo-Jin Shin) und einen durchs Bild flitzenden Männerchor in Glanzuniformen.

Das Verwirrspiel um die Liebenden, Rosina (Sarah Ferede) und ihren Verehrer Graf Almaviva (Matthias Stier), genießen nicht nur das Publikum, sondern ebenso sichtlich die Mitwirkenden. Nicht nur im schauspielerischen Sinn, Freude macht auch die Qualität im Gesang; insbesondere Matthias Stier, der nicht nur im Superman-Kostüm eine gute Figur macht, und Sarah Fered überzeugen stimmlich. Und Figaro (Orhan Yildiz) hat natürlich schon aufgrund seiner Rolle den Barbier-Sympathiebonus - verdientermaßen. Ein komödiantischer Part ist auch dem Herrenchor des Staatstheaters Braunschweig zugedacht, den dieser erfolgreich schauspielerisch und gesanglich ausfüllt. Dies tröstet den Zuschauer über kleine Unsicherheiten in der Abstimmung zwischen Orchester und Sängern - mal hier übertönend, mal dort voran - und den manchmal grenzwertigen Frohsinn der Inszenierung.

Fazit: Eine solide Leistung - verdienter Applaus.

Il barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini, Libretto von Cesare Sterbini, im Staatstheater Braunschweig; musikalische Leitung: Sebastian Beckedorf, Inszenierung; Michael Talke. Sommerpause - Wiederaufnahme am 7. Dezember 2012.

[Rezension] "Der Mona Lisa Schwindel" von Deborah Dixon

Kopie, Original oder egal? Real, wirklich, echt oder wahrhaftig?

Im Zeitalter medialer Omnipräsenz drängt sich die Frage nach Realität, Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit geradezu auf. Neigen wir vielleicht noch dazu, Geschriebenes zu hinterfragen, so schenken wir doch dem, was uns als Foto, als vermeintliche optische Realität präsentiert wird, häufig allzu schnell Glauben. In Eile, gleichgültig oder abgestumpft konsumieren wir Bilder - und sollten doch manches Mal nach der Herkunft der Abbildung, der Bearbeitung, nach dem Bildausschnitt, der Perspektive oder der Gewolltheit und Intention dessen fragen, was uns vor Augen geführt werden soll. Ist das, was wir sehen, das, was es ist? 

Aber dass die "Mona Lisa", die im Pariser Louvre hängt, das "echte" Gemälde Leonardos ist - haben Sie bisher daran gezweifelt? Die Kunsthistorikerin Deborah Dixon nimmt uns mit in die Zeit um und nach 1900, in die Welt der Künstler und Fälscher. Auf Grundlage der Tagebücher ihrer Freundin Laura de Valfierno, Frau des Genueser Kunsthändlers Eduardo de Valfierno, und unter Rückgriff auf Archivmaterialien zeichnet sie das Szenario vom Plan die Mona Lisa im Jahr 1911 aus dem Louvre zu stehlen, erzählt von den hierzu von Yves Chaudron meisterlich angefertigten Kopien und dem Untergang von drei Kopien mit der Titanic 1912. Ein passant entfaltet sie ein Panorama von Künstlermilieus der Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg - von Marseille über Marokko und Kuba bis zu einer letzten Party in Hollywoodland. 

Deborah Dixon holt uns zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Marseille ab. Diverse Erzählstränge, Haupt- und Nebenschauplätze mit Mini- und Maxi-Exkursen führen an der Geschichte der Kopien und der wahren La Gioconda entlang. Die Geschichte ist verwoben, sprunghaft, additiv wie eine Collage, ausschweifend. Sie fokussiert in wechselnder Erzählhaltung mal hier auf historische Details, studiert dort das Künstlermilieu, beschreibt den amerikanischen Geldadel, führt in Liebes-Beziehungen ein, skizziert die Vor-Kriegsstimmung, klärt über den Maggi-Suppenwürfel auf, den Verbleib von Manuskripten Hemingways, plaudert und gibt Anekdotisches zum Besten. Fast drängt sich der Eindruck auf, dass hier alles Wissen in die Waagschale geworfen werden soll. Und auch wenn im Spiel mit Genres, Form, Struktur und Inhalt ein gewisser Reiz liegt, hätte ein entschlossenerer Umgang dem Lesefluss, dem Buch, dem Leser, vielleicht gut getan.

Ob das Buch, die Geschichte selbst die Wahrheit spricht oder vielleicht doch von erfundenen Begebenheiten berichtet? Diese Frage wird der Leser für sich selbst beantworten müssen. Optisch und haptisch ist es jedenfalls ein kleiner Schatz: Im offenen Schuber mit designtem Cover, in limitierter, nummerierter Auflage hergestellt und klassisch mit rotem Lese-Bändchen; vorn lächelt uns Mona Lisa großflächig entgegen, hinten Holzstruktur wie die Rückseite eines Tafelgemäldes und der Einband mit einem Anflug samtiger Zartheit.

Zuletzt bleibt die Frage, was (uns) Echtheit und Wert von Kunst definiert. Geschmacksache, eine besondere Idee oder gesellschaftliche Bedeutung? Prestige, Investition oder Spekulationsobjekt? Alter, Zuschreibung/Provenienz oder die Datierung von Farbpigmenten und Leinwänden? Von allem ein wenig? Wenn der Wert sich nicht mehr z.B. aus dem Duktus, der Motivwahl oder persönlichen Präferenzen generiert, sondern ausschließlich auf archäometrischen Untersuchungen basiert, die zu einem sog. Marktwert führen: Sollten wir uns da nicht mal wieder die Frage stellen, was für uns persönlich Kunst überhaupt ausmacht? Oder ob für unsere Zeit nicht gilt: "Man sieht, was man sehen will, und selbst wenn man nichts erkennt, hat man es doch fotografiert." (S. 315, Nachwort des Herausgebers Werner Fuld)

Besuchen Sie doch einfach wieder einmal ein Kunstmuseum oder eine Ausstellungshalle - und machen sich selbst ein Bild. Oder gehen Sie gleich in den Louvre."Gehen Sie nahe dran, links an die gestickte Borte am Kleid." (S. 309).  

Der Mona Lisa Schwindel. Frankfurt am Main: Eichborn AG, Dezember 2011. ISBN 978-3821862453.

Sonntag, 10. Juni 2012

[Theater] Rain Man im English Theatre Frankfurt am Main

Abseits der Norm

Einer flucht laut, einer schimpft kleinlaut vor sich hin. Ja, wer ist denn nun hier "normal"? Das Theaterstück "Rain Man" aus dem Jahr 2008, basierend auf dem bekannten und oscarprämierten Kinofilm gleichen Titels, handelt von Charlie Babbitt (Andrew Grose), einem skrupellosen Autohändler aus Kalifornien und seinem autistischen Bruder Raymond (James Holmes). Es treffen sich zwei Brüder nach dem Tod des Vaters - beide mit emotionalem Nachholbedarf.
 
Die bekannte Geschichte sei hier nur kurz zusammengefasst: In Kalifornien, in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stirbt der Vater von Charlie, Sanford Babbitt, unerwartet.  Charlie hatte seit Jahren keinen Kontakt mit seinem Vater, hofft aber auf dessen millionenschweres Erbe. Stattdessen erhält er neben den preisgekrönten Rosenbeeten den alten 49er Buick Roadmaster des Vaters - das Auto war Grund des Zerwürfnisses, denn er hatte ihn trotz Verbots gefahren und landete nach Diebstahlsanzeige des Vaters kurzzeitig als Dieb im Gefängnis. Als Verwalterin des Haupterbes ist im Testament die Wallbrook-Klinik eingesetzt. Charlie kann diese Tatsache nicht fassen und erfährt überraschend, dass er einen Bruder hat, einen autistischen Bruder, der in dieser Klinik lebt. Er entführt seinen Bruder und weil dieser partout nicht fliegen möchte, weil er sämtliche Flugzeugabstürze der Weltgeschichte kennt, folgt nun eine abenteuerliche Fahrt durch die USA mit dem Auto. Hat die Entführung zunächst nur den Zweck, sich das Erbe zu erschleichen, entwickelt sich im Laufe der Geschichte ein zartes emotionales Band zwischen den Brüdern und lässt hoffen, dass zumindest einige der Wunden der Vergangenheit heilen.

Das Bühnenbild variiert geschickt mit Licht, Piktogramm-Tafeln und einer wandelbaren Installation weißer Boxen, die bei jedem Szenenwechsel neue Überraschungen bereithalten - gleichsam zurückhaltend und wirkungsvoll. Die Effekte des Kinofilms im Sinne eines Roadmovies umzusetzen wird im English Theatre erfreulicherweise gar nicht erst versucht. Die Schauspieler konzentrieren sich auf die zweite Komponente des Films, des Dramas, der Ausgestaltung der Gefühlswelten der Charaktere. Das Spiel ist außerordentlich fein, die Charaktere mit Liebe gestaltet; allen voran die exzellente Leistung von James Holmes als Raymond und das dynamisch-lebendige Zu- und Gegenspiel von Andrew Grose als Charlie. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen einfühlsamem Mitleiden, der Hoffnung, dass die Brüder zueinander finden, dass sich die Kluft zwischen dem Vater und Charlie zumindest nach dem Tod schließt und dass Charlie seine Liebe zu Susanna (Shonagh Price) leben kann. Und natürlich der großen Frage - was wird aus Raymond? 

Fazit: Am Ende fragt man sich, wer entspricht hier eigentlich der Norm - und was ist diese Norm überhaupt? Ein kurzweiliges Theaterstück mit lachenden und traurigen Momenten, das vieles offenlässt und zahlreiche Fragen aufwirft - thumbs up!

Rain Man im English Theatre Frankfurt am Main, Schauspiel von Dan Gordon, Regie Hannah Chissick, basierend auf dem gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 1988. Noch bis zum 17. Juni 2012.