Sonntag, 10. Juni 2012

[Theater] Rain Man im English Theatre Frankfurt am Main

Abseits der Norm

Einer flucht laut, einer schimpft kleinlaut vor sich hin. Ja, wer ist denn nun hier "normal"? Das Theaterstück "Rain Man" aus dem Jahr 2008, basierend auf dem bekannten und oscarprämierten Kinofilm gleichen Titels, handelt von Charlie Babbitt (Andrew Grose), einem skrupellosen Autohändler aus Kalifornien und seinem autistischen Bruder Raymond (James Holmes). Es treffen sich zwei Brüder nach dem Tod des Vaters - beide mit emotionalem Nachholbedarf.
 
Die bekannte Geschichte sei hier nur kurz zusammengefasst: In Kalifornien, in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stirbt der Vater von Charlie, Sanford Babbitt, unerwartet.  Charlie hatte seit Jahren keinen Kontakt mit seinem Vater, hofft aber auf dessen millionenschweres Erbe. Stattdessen erhält er neben den preisgekrönten Rosenbeeten den alten 49er Buick Roadmaster des Vaters - das Auto war Grund des Zerwürfnisses, denn er hatte ihn trotz Verbots gefahren und landete nach Diebstahlsanzeige des Vaters kurzzeitig als Dieb im Gefängnis. Als Verwalterin des Haupterbes ist im Testament die Wallbrook-Klinik eingesetzt. Charlie kann diese Tatsache nicht fassen und erfährt überraschend, dass er einen Bruder hat, einen autistischen Bruder, der in dieser Klinik lebt. Er entführt seinen Bruder und weil dieser partout nicht fliegen möchte, weil er sämtliche Flugzeugabstürze der Weltgeschichte kennt, folgt nun eine abenteuerliche Fahrt durch die USA mit dem Auto. Hat die Entführung zunächst nur den Zweck, sich das Erbe zu erschleichen, entwickelt sich im Laufe der Geschichte ein zartes emotionales Band zwischen den Brüdern und lässt hoffen, dass zumindest einige der Wunden der Vergangenheit heilen.

Das Bühnenbild variiert geschickt mit Licht, Piktogramm-Tafeln und einer wandelbaren Installation weißer Boxen, die bei jedem Szenenwechsel neue Überraschungen bereithalten - gleichsam zurückhaltend und wirkungsvoll. Die Effekte des Kinofilms im Sinne eines Roadmovies umzusetzen wird im English Theatre erfreulicherweise gar nicht erst versucht. Die Schauspieler konzentrieren sich auf die zweite Komponente des Films, des Dramas, der Ausgestaltung der Gefühlswelten der Charaktere. Das Spiel ist außerordentlich fein, die Charaktere mit Liebe gestaltet; allen voran die exzellente Leistung von James Holmes als Raymond und das dynamisch-lebendige Zu- und Gegenspiel von Andrew Grose als Charlie. Der Zuschauer ist hin- und hergerissen zwischen einfühlsamem Mitleiden, der Hoffnung, dass die Brüder zueinander finden, dass sich die Kluft zwischen dem Vater und Charlie zumindest nach dem Tod schließt und dass Charlie seine Liebe zu Susanna (Shonagh Price) leben kann. Und natürlich der großen Frage - was wird aus Raymond? 

Fazit: Am Ende fragt man sich, wer entspricht hier eigentlich der Norm - und was ist diese Norm überhaupt? Ein kurzweiliges Theaterstück mit lachenden und traurigen Momenten, das vieles offenlässt und zahlreiche Fragen aufwirft - thumbs up!

Rain Man im English Theatre Frankfurt am Main, Schauspiel von Dan Gordon, Regie Hannah Chissick, basierend auf dem gleichnamigen Kinofilm aus dem Jahr 1988. Noch bis zum 17. Juni 2012.

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