Montag, 30. Juli 2012

[Kunst-Ausstellungen] JEFF KOONS: THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Hyperrealismus als Business oder ist "das... alles nur geklaut"?

"Ich schreibe einen Hit,
die ganze Nation
kennt ihn schon.

Alle singen mit, "Eo , eo!"
ganz laut im Chor,
das geht ins Ohr.

Keiner kriegt davon genug,..."[1]

Der viel diskutierte Begriff des Kunstmarktes wird in Koons Objekten und Tafelbildern plastisch und plakativ gegenwärtig. Zehn Jahre nach "Shopping. 100 Jahre Kunst und Konsum", der ersten Ausstellung Max Holleins in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt, in der auch Jeff Koons Werkgruppe "The New" präsentiert wurde, ist Koons zurück, mit einer Doppelausstellung in Zusammenarbeit mit der Liebieghaus Skulpturensammlung.

Ein Begrüßungsküsschen von einem hyperrealistischen Mund gefällig? Seien auch Sie metallfolien-geherzt. Aber setzen Sie sich doch erst einmal und machen es sich vor einem reich belegten Schinkenbagel, einer angebissenen Breze oder umherschwebenden Maiskörnern gemütlich. Keine Angst, hier sind sie geschätzter Gast, hier werden alle Wünsche erfüllt. Gut, der Bagel riecht nicht, schmeckt nicht und ist nur auf die riesige Leinwand gemalt. Und Moment mal, das gab es doch schon, nein, nicht nur in barocken Stillleben, auch bei Tom Wesselmanns "Still Lifes", wie z.B. Nr. 20 mit integriertem Mondrian Gemälde und Nr. 24, mit Maiskolben und Fernweh, oder auch in Wayne Thiebauds Torten-, Süßigkeiten- und Spielzeug-Bildern. Auch war die Darstellung schon mal greifbarer - "Donuts, Coffee Cups and Comics", 1962 von Jann Haworth einladend plastisch serviert, oder von Claes Oldenburgs legendäre Törtchen- und Burger-Soft Sculptures, wie der "Floor Cake" - aber eben auch nicht genießbar.

Was also halten von den Werken des Jeff Koons? Techniken als auch Motive scheinen durchweg bekannt. Rasterpunkte aus der Drucktechnik, Lithografie, Öl auf Leinwand, teils in der Wirkung als Collagen oder mit Übermalungen - das alles auf überdimensionierten Leinwänden. Schauen Sie nach links - ja zuerst ein bisschen aus den Ben-Day Dots von Roy Lichtenstein, den Polke-Punkten aus den Sechzigern des letzten Jahrhunderts oder wahlweise Pünktchen des Pointillismus herausfokussieren - scharfstellen und dann sehen sie schon, ja, irgendwie, hm, das könnte ein Foto der Schlafenden von Gustave Courbet sein - oder so ähnlich. Übermalungen kennt die Kunst spätestens seit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als festen Bestandteil und die Koonsschen Collagen lassen an die großformatigen Leinwandbilder des Pop Art-Künstlers Peter Phillips - in Puzzleoptik und grellen Farben gestaltet, denken. Koons will nicht Pop sein und doch erfüllt seine Oeuvre die Erfordernisse: "Die Motive sind häufig der Alltagskultur, der Welt des Konsum, den Massenmedien und der Werbung entnommen, während die Darstellung in fotorealistischer und meist überdimensionierter Abbildung erfolgt."[2]

Die Tafelbilder sind "assoziativ" gehängt, klärt der Kurator Matthias Ulrich auf. Der Betrachter steht nun also vor dem Problem, des Rätsels Herr zu werden, welche Motive zu welcher Serie von Koons gehören, wo die Anfänge zu finden sind - das sind die "kleinen" Alkohol-Werbe-Bilder hinter dem Eingang links - und ob es eine Entwicklung gab oder was uns die großen, bunten Leinwände sagen möchten. Im Gegensatz zur überwiegenden Ausstellungspraxis der Schirn sind in die Präsentation nur wenige Stellwände eingezogen. Die Raumgestaltung schafft zwar Platz und die nötigen Freiräume um die großflächigen Tafelbilder in Gänze betrachten zu können, nimmt aber auch Orientierungsmöglichkeiten. Der Besucher ist letztlich aufgefordert sich selbst ein Bild zu machen.

Im räumlich abgetrennten, östlichen Bereich zum Dom hin wird es dann schon ziemlich eindeutig, um was und vor allem wen es geht. Das Blumenkränzchen ist Frau Stallers Accessoire, sie wiederum ist Dekoration für "seine" Inszenierung: Wir stehen vor Teilen der "Made in Heaven"-Serie, Koons' Beitrag für die Biennale in Venedig 1990. Der plakative Charakter erinnert an Mel Ramos' nackte Damen - auf Tieren, sowie auf und in diversen Lebensmitteln -, bei Wesselmann standen schon einmal weiblicher Mund und Brustwarze im Mittelpunkt des Geschehens und die Darstellung der begehrenswerten, käuflichen Frau kennt die Kunstgeschichte spätestens seit Manets Nana; dazu vielleicht noch eine Prise Canova. Gemein und speziell ist den Tableaus Koons als Person in äußerst direkter Selbstdarstellung mit sämtlichen Bestandteilen - und diese Details interessieren dann vielleicht doch nicht jeden...

Gehen wir nun hinüber zur vom Dom abgewandten Seite der Ausstellung. Apropos Dom, selbst die Vorgehensweise des "Ich denke, andere machen" - auch schon mal dagewesen; man erinnere nur an Dombauhütten, Werkstätten von Malern oder Warhols The Factory. Hier empfängt der grüne Hulk den Besucher. In der Liebieghaus Skulpturensammlung plastisch aufgestellt, könnte er motivische Reminiszenz zur Beschäftigung von Pop Art-Künstlern mit Science Fiction und Horror-Filmen, wie z.B. dem "King Kong" von Nicholas Monro aus dem Jahr 1972, darstellen. Es folgen Tafelbilder aus der Popeye-Serie ab 2002, neben der Titelfigur u.a. mit einem Piraten, sowie Delfin und Hummer in den Hauptrollen, die teils im Liebieghaus in Stahl ausgeführt zu sehen sind. Mit dem Spinat mampfenden Seemann haben sich ja bereits Warhol und Lichtenstein auseinandergesetzt; Delfine und Hummer erinnern an die Tiere aus Bronzeguss von Rosemarie Trockel zu Beginn der Neunziger des vergangenen Jahrhunderts, wie z. B. eine am Schwanz aufgehängte Robbe.

Den Abschluss des Parforceritts durch die Kunstgeschichte bilden zwei vis-a-vis gehängte Tableaus der neuen Antiquity-Reihe - back to the (vermeintlichen) roots, dekoriert mit Pin-up-Girl, bekanntem Äffchen, Bade-Delfin und vaginalem Linienschwung vor anonymen Wellen, die vielleicht an Hokusai denken lassen. Und wir erinnern uns: an der Ostseite der Schirn Kunsthalle hängt (der Gegenpart) "Made in Heaven" - ein Schelm, der sich an die assoziative Hängung erinnert :)

Was bleibt - was ist neu - wo liegt die Idee - was ist einzigartig? Vielleicht das Perfekte. So der DIY-Künstler in seiner nahezu perfektionierten, theatralischen Selbstinszenierung. Aber man denke nur an Dalí, Warhol oder Beuys - vielleicht noch perfekter, aber wieder nichts wirklich Neues. Schließlich bleibt die von Koons gehypte "Perfektion" seiner Werke und die dahinter stehende, beharrliche Obsession. Er hat sich im zeitgenössischen Haifischbecken des Kunstbetriebs durchgesetzt. Aber da wären wir bei der nächsten Reminiszenz - und das würde nun wirklich zu weit führen :) Im Gegensatz zu den Wirtschaftskrisen scheint der Kunstmarkt jedenfalls prächtig zu funktionieren - und darin sind augenscheinlich alle Parteien ihres Glückes Schmied.

"... und die Frage wird besprochen,
wo der Künstler eigentlich gerade ist.
Abstrakt gesagt: wo steht der Künstler momentan? ...
Der Witz ist, seine Position ist völlig frei.
Noch nicht einmal die Kunst bestimmt die Stelle,
wo der Künstler steht.
Er kann im Kino stehen, im Pop,
er kann sich soziologisch orten, literarisch,
oder in der Tradtition des Neuen, er kann in alle
Richtungen den Kunstkontext verlassen haben,
er kehrt dorthin zurück
nach komplett eigener Bestimmung.
Und trägt mit dieser Freiheit
nur eines noch als letzte Last,
die Position des Einzelnen dem Ganzen gegenüber,
das ist das Tolle dieser neuen Position.
Von da aus fällt der Blick jetzt auf die Bilder,
von den Bildern hier zurück auf uns."[3]

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Noch bis zum 23. September 2012. Mein Beitrag zu JEFF KOONS.THE SCULPTOR in der Liebieghaus Skulpturensammlung hier.

Die Aufzählung der Erinnerungen, Anklänge und Reminiszenzen erhebt natürlich weder den Anspruch auf Vollständigkeit noch ist intendiert, die genannten Kunstwerke in thematischen Zusammenhang mit dem Koonsschen Oeuvre zu stellen.

[1]  zitiert aus dem Songtext "Alles nur geklaut" von Die Prinzen, produziert von Annette Humpe, veröffentlicht u.a. 1993 auf dem gleichnamigen Album, BGM/Hansa LC0835.
[2] zitiert aus Wikipedia. "Pop Art", http://de.wikipedia.org/wiki/Pop_Art, zweiter Absatz. Abgerufen am 30.07.2012, 20.41 Uhr MESZ.
[3]  zitiert aus: Goetz, Rainald. Jeff Koons. Stück. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2002, S. 11.

Donnerstag, 26. Juli 2012

[Kunst-Ausstellungen] Die Mathildenhöhe in Darmstadt

Der Geist längst vergangener Zeit (I)

Jugendstilarchitektur als städtebauliches Ensemble findet sich in Deutschland - auch angesichts der Zerstörungen und raschen Wiederaufbauten nach dem Zweiten Weltkrieg - heute original oder teils restauriert nur an wenigen Orten. Die Mathildenhöhe in Darmstadt bietet - gerade als Ausflugsziel in den Sommermonaten - nahezu ideale Bedingungen den Beginn des vergangenen Jahrhunderts nicht nur im Geiste aufleben zu lassen.

Die Anreise über den Darmstädter Ostbahnhof hat, im Gegensatz zur Fahrt über den Hauptbahnhof - den Vorteil, wenige hundert Meter vorbei an der Rosenhöhe bis zum Eingang hinter dem Museum gelangen. Der bis ins Jahr 1810 rückdatierende Landschaftspark Rosenhöhe lädt mit Mausolen der ehemaligen Großherzoglichen Familie, einem Rosarium mit Rosendom und Teilen der Neuen Künstlerkolonie bei schönem Wetter bereits auf dem Hin- oder auf dem Rückweg zum Verweilen und Aufschauen ein. Zumindest den Eingang in Sichtachse zur Mathildenhöhe sollte der Besucher sich nicht entgehen lassen. Das ursprünglich anlässlich der vierten Ausstellung der Künstlerkolonie 1914 gestaltete Löwentor mit Plastiken und Nachbildungen von Reliefen Bernhard Hoetgers basiert heute - im Gegensatz zur ursprünglichen Aufstellung auf ionischen Doppelsäulen - auf von Albin Müller entworfenen Klinkerpfeilern, die dem Gesamteindruck einen im Sinne von Einfachheit und Schlichtheit noch modernen Charakter als ursprünglich verleihen.

Auf dem Weg Richtung Mathildenhöhe tritt als erstes Highlight die Russische Kapelle in die Blickachse des Besuchers. Im historistischen Gewand russisch-orthodoxer Kirchen des 16. Jhs. 1897 bis 1899 von dem Peterburger Architekten Léon N. Benois im Auftrag Zar Nikolaus II. von Russland errichtet, thront sie stolz inmitten der Jugendstilarchitektur und wirkt zugleich als Schmuckstück und irritierender Fremdkörper. Die Kirche ist bis heute in gottesdienstlichem Gebrauch und so ist eine Innenbesichtigung leider nicht möglich.

Vor der Kapelle kann der Besucher jedoch das in 1914 nach einem Entwurf von Albin Müller, dem künstlerischen Leiter der letzten Ausstellung der Künstlerkolonie, gestaltete, sog. Lilienbecken bestaunen. Die wartungsintensive Anlage mit weitläufigen, unterirdischen technischen Einheiten bis in den Platanenhain hinein ist mit einem von der Russischen Kapelle in Richtung Innenstadt langestreckten Bassin mit farbigen Keramikfliesen, die in stilisierter Blütenform angeordnet sind, ausgestattet. Am Kopfende eine Säulenkolonnade, die Brüstungsmauern mit Blumengirlanden-Reliefs verziert, bildet das Becken förmlich einen optischen Halt - nicht nur gegen die abfallende Anhöhe, sondern auch zu der andersartigen Formgebung des Baukörpers wie der Bemalung und Dekoration der Russischen Kapelle.

Teil 2 demnächst

Weitere Infos zur Mathildenhöhe finden sich auf der Website des Instituts Mathildenhöhe.

[Kunst-Ausstellungen] MEET-UP. TWEET-UP. KOONS-UP - Bloggertreffen und Tweetup

Must see - Must have - Must talk

Anlässlich der Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER luden Schirn Kunsthalle und Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main zum ersten Bloggertreffen und Tweetup.

Den Spuren der Fragen: Welche Bedeutung, welchen Stellenwert haben Blogs, die über Kunst schreiben? Sind Blogs ein nützlicher Faktor im Kunstbetrieb? Wie können Blogs und Kulturinstitutionen zusammenarbeiten? Welche Synergieeffekte sind möglich? Professionelles versus "privates" (gibt es das überhaupt?) Bloggen? Sind kritische Beiträge möglich, wenn Blogger in der Art von Journalisten Vorteile aus ihrer Tätigkeit ziehen? folgten zunächst zwei Impulsvorträge von Mercedes Bunz und Matthias Planitzer. Nach der Vorstellung der Schirn-Präsenzen im Internet diskutierte die zahlreich erschienene Blogger- und Tweeterschar - teils einmütig, teils kontrovers. Die anschließende Führung mit Kurator Matthias Ulrich brachte dem interessierten Laien anschaulich neue Erkenntnisse zu Koons als Person, der Hängung der Tafelbilder und der Mitbestimmung des Künstlers, kunsthistorischen Reminiszenzen z.B. zu Marcel Duchamp und Gustave Courbet, der Gemäldegestaltung nach Art von Druckerzeugnissen und dem Jugendschutzgesetz nahe. Weiter ging es nach dem Transfer ins Liebieghaus mit Tweetup, Führung und abschließendem Get-together.

Interessantes Beisammensein, neue Gesichter, nette Gespräche, anregendes Input - erwartungsgemäß und irrelevant - ohne den "großen Konsenz". Über ein Wiedersehen würde ich mich freuen.

Weitere Informationen zum Bloggertreffen und Tweetup finden sich auf der Website der Schirn Kunsthalle.

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Noch bis zum 23. September 2012.

Sonntag, 15. Juli 2012

[Kunst-Ausstellungen] JEFF KOONS. THE SCULPTOR in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main

Wer hat an der Uhr gedreht ?

Paulchen hat uns erhört - Pink Panther is back. Allerdings ist da ein blonde Frau, die ihn an sich drückt. Und irgendwie ist sein Fell nicht so flauschig wie früher - und ihm fehlen die Füßchen. Und die Frau ist auch nur halb. Ja, was soll man denn davon halten?

Parallel zur Schau in der Basler Fondation Beyeler und in einer Doppelausstellung mit der Schirn Kunsthalle stellt das Liebieghaus in Frankfurt Jeff Koons aus. Die Präsentation ähnelt der Konzeption jener Ausstellung 2008/2009 in Schloss Versailles, denn inmitten der Dauerausstellung von der Antike bis zum Klassizismus wurden 44 Objekte des Künstlers verteilt. Hier Bubbles im Arm von Michael Jackson zwischen ägyptischen Sarkophagdeckeln, dort der muskelbepackte Glanz-Popeye in der Mittelaltersammlung, während der Manierismus zurückhaltend mit geschnitzten, bunten Kunstblumen bestückt ist und sich im oberen Stockwerk mit einem Augenzwinkern ein Stahleimer den Aphrodite-Statuen zur Verfügung stellt.

Am Pop-Idol vorbei begibt sich der Besucher auf eine Spurensuche. Oha, hier wurden zwei Planschtiere durch Erhängen noch vor ihrem Strandurlaub an der Adria gelyncht - das ruft nach einem Paulchen,... jag´ das Männchen auf die Leiter - befreie die Tiere, rette die Weltmeere. Eine 90°-Drehung weiter prallt der Blick von der pink-spiegelnden, überlebensgroß aufgepusteten Venus von Willendorf im Michelin Männchen-Look ab. Ah, eine verfremdete Abbildung der Delischen Pan-Eros-Aphrodite-Gruppe - von Pan schauen, hinter einer delfinreitenden Schönheit versteckt, nur die Attribute Hörner und Huf heraus - mit ein paar unverzichtbaren "biologischen" Referenzen aus Frischfleisch, Kunststoff und Ölfarbe garniert. Aber der versierte Betrachter weiß ja: Säg´und pins´le bunt die Wände, treibe Scherze ohne Ende. Und um die Ecke, endlich: Paulchen. Dem ein oder anderen Besucher wird sicher die bedeutungsschwangere Blickachse zu Danneckers auf dem Panther drapierter Ariadne entgehen - doch auch wenn er sie erspäht: mit der Interpretation bleibt der Betrachter allein.

Der Rundgang führt in eine kleine Rotunde zu einer jugendstil-zerfließenden Dame aus glänzend-farbigem Edelstahl - man lege besonderes Augenmerk auf die wohlgeformte Back-Side. Es folgen die berühmten Äffchen im Heliumballon-Style, hier mit als optischer Täuschung installiertem, hängendem Stuhl, das bekannte, Trompe-l'oeil-Basketball-Bassin, ein herrgottschnitzer-geschnitztes Schwein mit himmlischem und irdischem Beiwerk und eine Teil-Frau im Badezuber - farblich abgestimmt zum Majolika-Altarbild della Robbias. Machst ja manchmal schlimme Sachen, über die wir trotzdem lachen. Dazwischen lustige Tweet-Vögelchen, watschelnde Pinguine, ein stolzer Holzpudel und eines der bekannten Staubsauger-Readymades mit Beleuchtung, der es im oberen Stockwerk mit dem Staub wet and dry aufnehmen könnte.

Doch der Hyperrealismus erfordert Konzentration und Findigkeit. Ist es wirklich schon so spät? Spätestens beim Umrunden der Made in Heaven-Skulptur "Bourgois Bust - Jeff and Ilona" aus blinkend reinweißem Marmor schaut sich der Besucher verunsichert um: Ist die Büste dort drüben, ja, die von Ludwig XIV, nun echt-alt oder doch echt-Koons? Auch im integrierten Shop ist der Käufer in spe nicht sicher, ob das nun Realität ist oder doch zur Ausstellung gehört, wenn der nette Wächter zur Achtsamkeit mit den Verkaufsobjekten gemahnt. Da will man à la Liu Bolin lieber gleich unsichtbar werden vor dem Regal. Soll das heißen, ja ihr Leut´, mit dem Paul ist Schluss für heut´?

Stimmt es, dass es sein muss: Ist für heute wirklich Schluss? Die Addition von Bienchen und Blümchen in die Liebieghaus Skulpturensammlung werden sicher keinen Sturm der Entrüstung auslösen. Die Objekte sind teils sehr liebevoll plaziert, teils entzieht sich dem Betrachter der Sinn der vermeintlichen - oder doch nicht vorhandenen? - Reminiszenzen zu den jeweiligen Exponaten der Dauerausstellung. Während die Verfasserin noch denkt, einschlägige Kunstzeitschriften Paulchen als Verkaufsargument benutzen und Jeff Koons wohl über seinen nächsten Coup sinniert, winken wir beim Ausgang dem Kiepenkerl zu. Heute ist nicht alle Tage, Koons kommt wieder, keine Frage!

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Noch bis zum 23. September 2012. Mein Beitrag zu JEFF KOONS.THE PAINTER in der Schirn Frankfurt am Main hier.

Die pinkfarbenen Zitate entstammen dem Abspann-Song zur Comicserie "Der rosarote Panther", im ZDF ab dem Jahr 1973; Musik von Henry Mancini, deutscher Text von Eberhard Storeck, gesungen von Gert Günther Hoffmann.

Samstag, 14. Juli 2012

[Oper] Otello in der Oper Frankfurt

Brillanter Gesang in der Kaserne, dazwischen: einsames Reh und sterbender Schwan

Ein karges Bühnenbild empfängt den Zuschauer. Das rohe Innere des Spielraums, ein grobgezimmerter Plankenboden mit ein paar Öffnungen, eine Art Wachturmgerüst mit einem Reh im Hintergrund, später einige Stühle und weiße Lilien - trostlos und ohne Ausweg. Der musikalische Sturm bricht los und die Tragödie aus Eifersucht, Intrige und Hass nimmt ihren Lauf.

Das Frankfurter Museumsorchester präsentiert sich nach kleinen anfänglichen Synchronisationsschwächen souverän. Zu Beginn und Ende von einem stimmlosen Mohren gedoublet, zeigt sich der weißhäutige Otello (Carlo Ventre) mit kraftvollem gesanglichen Einsatz und starker Bühnenpräsenz. Zeljko Lucic spielt und singt den intriganten Narziss Jago in erwartet hervorragender Qualität. Haben einige Zuschauer eigens und in alter Verbundenheit die Tickets anlässlich eines seiner raren Auftritte in den letzten Jahren in Frankfurt erworben, so wird er diesmal von einer Sängerin überflügelt. Elza van den Heevers warmer Sopran singt sich als Desdemona in die Herzen des Frankfurter Publikums und erntet den größten Schluss-Applaus.

Zum kargen Bühnenbild gesellt sich der Chor, mal in schlichten Uniformen, mal im Partyoutfit. Er steigt auch schon mal lässig aus den schweren Stiefeln, so dass die gesanglich ausdrucksstarke Emilia (Claudia Mahnke) den Recken während Desdemonas Ave Marias hinterherräumen muss. Mitleid hat der Zuschauer auch mit Elza van den Heevers, die sich wahlweise als hässliches Entlein im Kittelkleid oder sterbender Schwan in einer Art weißem Tutu-Kleid kostümiert.

Während sich der Plankenboden als Schiffsdeck erklären lässt und die Lilien für Reinheit und nahenden Tod stehen können, bleibt die Ikonografie der Inszenierung insgesamt rätselhaft und blass zugleich. Warum ergreift das Bambi hinten links eigentlich nicht die Flucht?

Das Auge des Betrachters kann leider weder Bühnengestaltung noch Kostümauswahl entrinnen. Schön, dass brillanter Gesang und ausdrucksstarkes Spiel der hochkarätigen Besetzung das Frankfurter Publikum entschädigen - anhaltender Applaus und einige Bravorufe.

Otello von Giuseppe Verdi in der Oper Frankfurt. Regie Johannes Erath, musikalische Leitung Erik Nielsen, Bühnenbild Dirk Becker, Kostüme Silke Willrett. Die Besprechung bezieht sich auf die Aufführung am 25. Juni 2012; zur Zeit Opernpause, Wiederaufnahme am 23. Februar 2012 mit nahezu komplett getauschter Besetzung.

[Kunst-Ausstellungen] MEET-UP. TWEET-UP. KOONS-UP in der Schirn Frankfurt am Main

Must see - Must have - Must talk

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main geht anlässlich der Doppelausstellung „Jeff Koons. The Painter“ und „Jeff Koons. The Sculptor“ neue Wege. Unter der Fragestellung "Welche Bedeutung haben Blogs im Kunst- und Kulturbereich?" lädt die Kunsthalle in Kooperation mit dem Liebieghaus Frankfurt am Main am 26. Juli 2012 zum Bloggertreffen und Tweetup. Einem Vortrags- und Diskussionsnachmittag in beiden Häusern folgen Kuratorenführungen und ein Get-together im Garten des Liebieghauses. Eine spannende Idee mit Aussicht auf neues Input, interessante Gespräche und regen Austausch.

Weitere Informationen und Anmeldemailadresse finden sich auf der Website der Schirn Kunsthalle.

Donnerstag, 12. Juli 2012

[Kunst-Ausstellungen] SHOPPING. 100 JAHRE KUNST UND KONSUM in der Schirn Frankfurt am Main (2002)

Nach Feierabend noch schnell zu Tengelmann

In der Schirn Kunsthalle Frankfurt führt Max Hollein „Shopping.-“ ad absurdum

Wie immer Freitag Abend, Freunde zum Essen eingeladen, noch nichts eingekauft und um 20.00 Uhr schließen die Läden. Am Römer soll ein neuer Supermarkt eröffnet haben – täglich frische, appetitliche 1A-Ware. An Einkaufswagen und Körbchen vorbei sause ich in den Laden hinein und biege gleich rechts zu Obst und Gemüse ab. Beschwingt greife ich mit der Rechten nach den saftigen Tomaten. Da räuspert sich hinter mir eine nachdrückliche Stimme: „Entschuldigung...“ Ich fahre herum und blicke in zwei hochgezogene Augenbrauen einer Dame mittleren Alters im adretten, dunkelblauen Kostüm. Also, ich hab´s wirklich eilig; was sie denn wolle, frage ich ungeduldig – mit der Linken nach den aromatischen Weintrauben tastend. „Sie dürfen das nicht Anfassen...“ Ja, wieso, warum denn nicht ?

Gekonnt inszeniert Schirn-Direktor Max Hollein seine erste eigene Ausstellung „Shopping.-“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Zusammenarbeit mit der TATE Liverpool. Einladungen zur Vernissage in Form bedruckter Einkaufstüten, von Saatchi&Saatchi entworfene, schrille Plakate mit der Aufschrift "Alles muss rein" in der ganzen Stadt, Vorab-Präsentation auf dem Flughafen und an der Galeria Kaufhof und schließlich als dramatisches Finale die Ausstellung selbst. Der vergoldete Einkaufswagen von Sylvie Fleury weist den Weg hinauf in den Olymp der Einkaufswelten-Konsumgesellschaft. Und Guillaume Bijls eigens für die Schirn-Ausstellung geschaffener „Neuer Supermarkt“ bildet das adäquate amuse guelle, dem der Besucher nur mit fest hinter dem Rücken verschränkten Armen widerstehen kann. Hier der Biokeks, dort das Duschgel – war denn nicht heute morgen gerade die Zahnpastatube leer geworden ? Nein, nicht wieder hingreifen !

Dem inneren Verlangen zu entrinnen flüchte ich. Links um die Ecke klatschen wild gestikulierende Besucher in die Hände und führen Freudentänze vor Ben Vautiers „Le bizarre Bazar“ auf, wenn der Fisch singt, Gebisse auf der Leine klappern oder ein pinkfarbenes Plüschschwein mit der Schnauze blaue Farbe auf der Wand verteilt. Dahinter Filzobst, Chromstahl-Eier von Robert Watts, und Kunststoff-Pizza in der Tiefkühltruhe. Rechts von Tengelmann winken mir BHs hinter einem Riesenschinken zu. Ich glaube, mir wird schwindelig. Der nächste Gang: ein verhängtes Schaufenster – welch eine Erholung für die Sinne.   

Hier ist der Rausch von „Shopping.-“ aber noch lange nicht zu Ende. Hamburger, Hemden und Schuhe aus Claes Oldenburgs „Store“ von 1961, Hoover-Staubsauger in neonbeleuchteten Vitrinen aus der Serie „The New“ von Jeff Koons und sorgfältig gestapelte Glücksklee-Milchdosen von Thomas Bayrle sind ebenso vertreten wie ein von Christo verpackter Einkaufswagen und Beuys vermoderte „Wirtschaftswerte“ von 1980. Werke von mehr als 70 Künstlern -  darunter Arbeiten von Man Ray, Marcel Duchamp, Gerhard Richter, Andy Warhol und Roy Lichtenstein - spiegeln die bunte Konsumwelt der vergangenen 100 Jahre facettenreich wider. Ob Freizeitbeschäftigung, Unterhaltung, öffentliches Ritual, Notwendigkeit oder Lustgewinn: wir sind fasziniert, verführt, paralysiert und erschöpft oder wie Barbara Kruger 2200 qm groß auf die Fassade der Galeria Kaufhof auf Frankfurts Einkaufsmeile Zeil schreibt: „"DAS BIST DU, DAS IST NEU, DAS IST NICHTS, DAS IST ALLES. DU WILLST ES, DU KAUFST ES, DU VERGISST ES".  Und auch bei Risiken und Nebenwirkungen hat Max Hollein am Ende des Ganges mit der Installation „Pharmacy“ von Damien Hirst vorgesorgt. Ob Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit oder Kaufrausch: Hier werden Sie geholfen.

Ausstellung „Shopping“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main, noch bis 1. Dezember 2002. Eintrittspreise: € 6,99 / erm. € 4,99 / Kinder unter 8 Jahren frei. Zur Ausstellung gehört neben Barbara Krugers Installation auch der am Flughafen Frankfurt eröffnete "1 Euro Market" des thailändischen Künstlers Surasi Kusolwong. Begleitend zur Ausstellung werden im Cinestar Metropolis (Eintritt nur € 3) und im Kino des Deutschen Filmmuseums (Originalfassungen) Filme rund ums Shopping gezeigt.

(Erstmalige Veröffentlichung dieses Beitrags im Oktober 2002 auf www.portalkunstgeschichte.de)