Dienstag, 28. August 2012

[Rezension] "Der beste Tag meines Lebens" von Ashley Edward Miller und Zack Stentz

Rain Man ist (wieder) in

In öffentlichen Verkehrsmitteln kann man dieses Buch unbesorgt lesen. Denn der Titel könnte auch ein Lifestyle-Thema suggerieren, ein Coming-Out beschreiben oder einen Liebesroman. Die Story und der jugendliche Protagonist stehen im Vordergrund; das Buch ist leicht und flüssig lesbar.

Das war es dann aber auch schon fast, was es an Positivem über diesen Erstlingsroman von Ashley Edward Miller und Zack Stentz zu loben gibt. Die beiden Drehbuchschreiber springen auf den Zug "Autismus/Asperger-Kinder/Heranwachsende" auf und handeln das Thema professionell und solide ab. Die Story ist seicht und die Problematik des Aspergersyndroms wird redundant in den Vordergrund geschoben. Während der Klappentext eine Kriminalgeschichte oder Detektivgeschichte suggeriert ("Folgerichtig schlüpft Colin, ... in die Rolle des viktorianischen Superhirns." - gemeint ist Sherlock Holmes), kann der Roman dieses Versprechen nicht einlösen. Auch birgt die Geschichte einige Ungereimtheiten und ist nicht ganz konsistent, wie z.B. die zeitlich unstimmige Anfangsszene oder mehrere Stellen, in denen es um die Berührungsängste des Protagonisten geht. Der Titel "Der beste Tag meines Lebens" bleibt leider bis zum Ende blass. Und irgendwie erinnert die Story an ein anderes Buch gleichen Themas... Aber: Literatur um/über/mit Autismus/Asperger ist anscheinend in und lukrativ. Ob als Sachbuch oder z.Zt. gehäuft als (Jugend-)Roman, für Kinder oder Erwachsene, von Asperger-Autisten, Familienmitgliedern oder am Thema Interessierten - auch kombiniert mit anderen In-Themen, wie z.B. Kochen.

Es bleibt zu hoffen, dass die für das weitere zweite Halbjahr 2012 angekündigten Veröffentlichungen zumindest nicht das hier dargebotene Surrogat von "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" (Original: The Curious Incident of the Dog in the Night-Time) von Mark Haddon anbieten, sondern eigene Ideen in spannende, lustige, jedenfalls interessante Geschichten umsetzen können.

Miller, Ashley und Stentz, Zack. Der beste Tag meines Lebens. München: Droemer Paperback, August 2012. ISBN 978-3426226285. Englischer Titel: Colin Fischer, angekündigt für November 2012 bei Razorbill bzw. Februar 2013 bei Puffin.

Sonntag, 26. August 2012

[Kunst-Ausstellungen] Musée national du Bardo, Le Bardo / Tunesien

Eine Oase der Kunst im Norden Afrikas

Geweitete Augen und ein großes WOW! Nach mehrjährigen, umfangreichen Renovierungsarbeiten, Umbauten und der Errichtung eines Anbaus ist das Bardo Nationalmuseum seit dem 25. Juli 2012, dem Gedenktag der Erklärung der Republik Tunesiens  im Jahr 1957, wiedereröffnet. Die im Jahr 1888 unter dem Namen Alaoui-Museum eröffnete und 1956 in Bardo-Nationalmuseum umbenannte Sammlung und Ausstellung ist eine der ältesten und wichtigsten Afrikas und besitzt neben dem 2011 eröffneten Zeugma-Mosaik-Museum im türkischen Gaziantep die bedeutendste Sammlung römischer Mosaiken weltweit. Darüber hinaus bietet das Museum durch seine weiteren, vielfältigen Exponate - laut Museumsflyer über 50.000 - eine breitgefächerte Darstellung der Kunst von der Vor- und Frühgeschichte über phönizisch-punische (griechische), numidische (altlibysche), römische, spätantike und islamische Zeit bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die Ausstellungsstücke, u.a. aus Grabungen in El Guettar, Karthago, dem Amphitheater von El Djem, Douggha und den Medinas von Kairouan, Sousse (Hadrumetum) und Tunis, repräsentieren über 40.000 Jahre die wechselhafte und vielfältige Vergangenheit Tunesiens, die als Teil der Mittelmeerkultur mehr als nur erhellende Streiflichter auch auf europäische Kunst und Kultur werfen.  

Bereits allein die sehr gelungene, alte und neue Elemente verbindende, Museumsarchitektur lohnt den Weg ins Bardo-Nationalmuseum. Der alte Palast wurde renoviert, ein moderner Anbau nach Plänen des Pariser Architekturbüros Codou-Hindley in Zusammenarbeit mit dem tunesischen Architekten Amira Nouira erweitert die Ausstellungfläche auf nahezu doppelte Ausmaße und gibt nun auch Raum für alle zeitgemäßen Elemente eines modernen Museums, wie Räumlichkeiten für Konferenzen, Musikveranstaltungen und Workshops.

Äußerlich zeigt sich der große, weiße Koloss mit asymmetrisch angeordneten Fensterflächen in minimalistischer Gestalt. Das Museum öffnet sich dem Besucher mit einer Eingangshalle enormen Ausmaßes; ein riesiges Mosaik an der Stirnwand heißt den neugierigen Betrachter willkommen und zieht ihn ins Innere. Geschickt wird mit Lichtquellen gearbeitet, und - wo möglich - auch natürliches Licht berücksichtigt. Durch schwere Holztüren vermittelt ein ziegelstein-gewölbter Gang zwischen altem Palast und neuer Bausubstanz. Die Ausstellungsflächen wurden nahezu verdoppelt, die Zahl ausgestellter Exponate soll dementsprechend auf 8000 erhöht und die Besucherzahl auf mehr als eine Million geschraubt werden. Unbesorgt kann sich der Besucher mehrere Tage im Bardo-Nationalmuseum umschauen ohne in Langeweile zu verfallen.

Die Renovierung ist noch so frisch, dass einige der epochenweise präsentierten Exponate bisher zwar in die Vitrinen gebracht, jedoch nicht beschriftet wurden - auf manchem Gang kann die ein oder andere in Luftpolsterfolie gepackte Statue auf ihre Aufstellung harrend sehen. Mag der gewissenhafte Besucher dies als störend erachten, so bietet sich hier momentan der Reiz des unvereingenommenen Blicks auf die Kunst, die Möglichkeit des spielerischen Beobachtens und des Einsatzes detektivischen Spürsinns.

Zunächst - und abseits der grandiosen Mosaike - faszinierte mich der Schiffsfund von Mahdia. Der 1907 von dem griechischen Schwammtaucher-Kapitän Giorgos Sourdos entdeckte Unterwasserfund datiert ca. 80-100 v. Chr. Das Segelschiff, das wohl vom griechischen Festland nach Italien unterwegs war, enthielt nicht nur Skupturen und Keramiken, sondern auch interessante Teile architektonischer Innenausstattung, wie Möbelbeschläge (u.a. Pferdeköpfe, Medaillons), Spiegel, Kapitelle und Säulensegmente; sie lassen uns in der Rekonstruktion z.B. eines Bettes, erahnen, wie die Innenausstattung einer Villa damals ausgesehen haben mag. Auch für die Wissenschaftsgeschichte ist dieser Fund bedeutsam, stellt er doch den Beginn der modernen Unterwasserarchäologie dar. 

Überfordert ist der Besucher beim Anblick der unglaublichen Anzahl, Vielfalt und Schönheit Mosaiken. Hier den Hals in die Höhe reckend, dort in den Boden eingelassene Mosaiken, wie u.a. ein frühchristliches Taufbecken, bewundernd - unglaublich. Die Themen zeigen nicht nur Landschaften, Jagdszenen, Essen und Trinken, mythische Szenen mit Seeungeheuern, kämpfende Löwen, Panther, Tiere jeglicher Art - es gibt so vieles zu entdecken. Nicht zu vergessen, das einmalige Mosaik, das Vergil in Begleitung der beiden Musen Clio und Melpomene beim Schreiben des 8. Verses der Aeneis darstellt. 

Die besten Wünsche für dieses grandiose Museum, seine Sammlungsstücke und vor allem für die Menschen, die täglich für sie sorgen und uns damit eine große Freude bereiten.

Musée national du Bardo, Avenue Mongi Slim, 2000 Le Bardo, Tunesien.

[Kunst-Ausstellungen] Update: JEFF KOONS. THE SCULPTOR in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main

Der Ball, haltet den Ball auf...

Da schaut man vom Shop herüber und will gerade anheben zu weiteren Erklärungen im Stil: "Also da drüben kannst Du einen der berühmten Basketbälle sehen, die immer mittig in den Bassins zu schweben scheinen; eine raffinierte, aber letztlich chemisch einfache..."

Aber was ist das? Tja, da hat doch irgendwer "an der Uhr gedreht..." Der "One Ball Total Equilibrium Tank" - irgendetwas ist anders... Ja, der Ball ist nach rechts an die Glasscheibe des Bassins verrutscht - und vielleicht auch ein bißchen nach unten? Was ist bloß mit dem Basketball los - und vor allem, warum tut niemand etwas dagegen? Dieser Ball entspricht nun wirklich nicht mehr der von Koons postulierten Perfektion...

Des Rätsels Lösung kann der Betrachter u.a. auf der Website der Tate Gallery nachlesen. Die Installation aus destilliertem Wasser und Natriumchlorid verändert sich. Der Ball sinkt innerhalb von 6 Monaten langsam ab und danach muss die Flüssigkeit komplett ersetzt werden. In der Interpretation des Kunstwerks schlägt sich dieser naturwissenschaftliche Effekt als "Darstellung von Vergänglichkeit, Verletzbarkeit und zufälliger Veränderung" nieder.

Manche Veränderungen sind eben langsam, aber stetig und nur schwer aufzuhalten :)

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Noch bis zum 23. September 2012.

Das pinkfarbene Zitat entstammt dem Abspann-Song zur Comicserie "Der rosarote Panther", im ZDF ab dem Jahr 1973; Musik von Henry Mancini, deutscher Text von Eberhard Storeck, gesungen von Gert Günther Hoffmann.

Sonntag, 19. August 2012

[Gedanken zwischendurch] Moderne Kreuzzüge

Orientierungslos,
Das Kreuzfahrtschiff kommt nach längerer Mittelmeerreise über Malta in einen italienischen Hafen; die Kreuzfahrttouristen strömen in Richtung City. Ein Fahrzeug nähert sich der Gruppe von hinten. Da herrscht der eine den anderen Mitfahrer an: "Na, jetzt geh' halt mal aus dem Weg, da kommt ein Auto!" Antwortet der andere empört: "Was weiß denn ich, in welche Richtung die Autos heute fahren..."

am Ende ihrer Kräfte,
Nach ausgiebiger Poolparty und Discobesuch krächzt eine übernächtigte, fahlgesichtige Passagierin vorangeschrittenen Alters am nächsten Morgen heiser: "Ich war gerade an der Rezeption - dort hat man mir gesagt, es kann auch an der Klimaanlage liegen..."

aber immer noch im Dienste der guten Sache!
Vor einer katholischen Kirche in Italien diskutiert ein einheimischer Vater mit einer Nonne zwecks Einlass über die Kleidung der Teenager-Tochter und meint, das Trägertop sei ja nun nicht so schlimm. Darauf die Nonne: "Ma, è nuda!" (Aber sie ist nackt!) Noch bevor der Vater kontern kann, zeigt die Nonne auf die bei 40 Grad im Schatten mit langer Hose um Luft ringenden Touristen mit dem Hinweis, dass es so korrekt sei. Puh! 

Dienstag, 14. August 2012

[Gedanken zwischendurch] Freier Fall

Hier kein Gruß zum Abschied, kein Wunsch zur guten Fahrt - die Anwohner könnten in ihrer Nachtruhe gestört werden, um Acht. Das Tuch reißt, sie stürzt im freien Fall auf den Boden der Realität - um Neun. Echoes hallen ein memento mori. Das eine Leben hat keinen doppelten Boden.