Sonntag, 26. August 2012

[Kunst-Ausstellungen] Musée national du Bardo, Le Bardo / Tunesien

Eine Oase der Kunst im Norden Afrikas

Geweitete Augen und ein großes WOW! Nach mehrjährigen, umfangreichen Renovierungsarbeiten, Umbauten und der Errichtung eines Anbaus ist das Bardo Nationalmuseum seit dem 25. Juli 2012, dem Gedenktag der Erklärung der Republik Tunesiens  im Jahr 1957, wiedereröffnet. Die im Jahr 1888 unter dem Namen Alaoui-Museum eröffnete und 1956 in Bardo-Nationalmuseum umbenannte Sammlung und Ausstellung ist eine der ältesten und wichtigsten Afrikas und besitzt neben dem 2011 eröffneten Zeugma-Mosaik-Museum im türkischen Gaziantep die bedeutendste Sammlung römischer Mosaiken weltweit. Darüber hinaus bietet das Museum durch seine weiteren, vielfältigen Exponate - laut Museumsflyer über 50.000 - eine breitgefächerte Darstellung der Kunst von der Vor- und Frühgeschichte über phönizisch-punische (griechische), numidische (altlibysche), römische, spätantike und islamische Zeit bis ins 19. Jahrhundert hinein. Die Ausstellungsstücke, u.a. aus Grabungen in El Guettar, Karthago, dem Amphitheater von El Djem, Douggha und den Medinas von Kairouan, Sousse (Hadrumetum) und Tunis, repräsentieren über 40.000 Jahre die wechselhafte und vielfältige Vergangenheit Tunesiens, die als Teil der Mittelmeerkultur mehr als nur erhellende Streiflichter auch auf europäische Kunst und Kultur werfen.  

Bereits allein die sehr gelungene, alte und neue Elemente verbindende, Museumsarchitektur lohnt den Weg ins Bardo-Nationalmuseum. Der alte Palast wurde renoviert, ein moderner Anbau nach Plänen des Pariser Architekturbüros Codou-Hindley in Zusammenarbeit mit dem tunesischen Architekten Amira Nouira erweitert die Ausstellungfläche auf nahezu doppelte Ausmaße und gibt nun auch Raum für alle zeitgemäßen Elemente eines modernen Museums, wie Räumlichkeiten für Konferenzen, Musikveranstaltungen und Workshops.

Äußerlich zeigt sich der große, weiße Koloss mit asymmetrisch angeordneten Fensterflächen in minimalistischer Gestalt. Das Museum öffnet sich dem Besucher mit einer Eingangshalle enormen Ausmaßes; ein riesiges Mosaik an der Stirnwand heißt den neugierigen Betrachter willkommen und zieht ihn ins Innere. Geschickt wird mit Lichtquellen gearbeitet, und - wo möglich - auch natürliches Licht berücksichtigt. Durch schwere Holztüren vermittelt ein ziegelstein-gewölbter Gang zwischen altem Palast und neuer Bausubstanz. Die Ausstellungsflächen wurden nahezu verdoppelt, die Zahl ausgestellter Exponate soll dementsprechend auf 8000 erhöht und die Besucherzahl auf mehr als eine Million geschraubt werden. Unbesorgt kann sich der Besucher mehrere Tage im Bardo-Nationalmuseum umschauen ohne in Langeweile zu verfallen.

Die Renovierung ist noch so frisch, dass einige der epochenweise präsentierten Exponate bisher zwar in die Vitrinen gebracht, jedoch nicht beschriftet wurden - auf manchem Gang kann die ein oder andere in Luftpolsterfolie gepackte Statue auf ihre Aufstellung harrend sehen. Mag der gewissenhafte Besucher dies als störend erachten, so bietet sich hier momentan der Reiz des unvereingenommenen Blicks auf die Kunst, die Möglichkeit des spielerischen Beobachtens und des Einsatzes detektivischen Spürsinns.

Zunächst - und abseits der grandiosen Mosaike - faszinierte mich der Schiffsfund von Mahdia. Der 1907 von dem griechischen Schwammtaucher-Kapitän Giorgos Sourdos entdeckte Unterwasserfund datiert ca. 80-100 v. Chr. Das Segelschiff, das wohl vom griechischen Festland nach Italien unterwegs war, enthielt nicht nur Skupturen und Keramiken, sondern auch interessante Teile architektonischer Innenausstattung, wie Möbelbeschläge (u.a. Pferdeköpfe, Medaillons), Spiegel, Kapitelle und Säulensegmente; sie lassen uns in der Rekonstruktion z.B. eines Bettes, erahnen, wie die Innenausstattung einer Villa damals ausgesehen haben mag. Auch für die Wissenschaftsgeschichte ist dieser Fund bedeutsam, stellt er doch den Beginn der modernen Unterwasserarchäologie dar. 

Überfordert ist der Besucher beim Anblick der unglaublichen Anzahl, Vielfalt und Schönheit Mosaiken. Hier den Hals in die Höhe reckend, dort in den Boden eingelassene Mosaiken, wie u.a. ein frühchristliches Taufbecken, bewundernd - unglaublich. Die Themen zeigen nicht nur Landschaften, Jagdszenen, Essen und Trinken, mythische Szenen mit Seeungeheuern, kämpfende Löwen, Panther, Tiere jeglicher Art - es gibt so vieles zu entdecken. Nicht zu vergessen, das einmalige Mosaik, das Vergil in Begleitung der beiden Musen Clio und Melpomene beim Schreiben des 8. Verses der Aeneis darstellt. 

Die besten Wünsche für dieses grandiose Museum, seine Sammlungsstücke und vor allem für die Menschen, die täglich für sie sorgen und uns damit eine große Freude bereiten.

Musée national du Bardo, Avenue Mongi Slim, 2000 Le Bardo, Tunesien.

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