Freitag, 28. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main

Jedes Grauen hat seine Zeit

"Im Jahr 1782 stellte Füssli zum ersten Mal sein Gemälde "Der Nachtmahr" in der Jahresausstellung der Royal Academy [of London] aus... "Shocking" schrieb Horace Walpole an den Rand seines Katalogexemplars. Von einer Betrachtung des Gemäldes wurde nervenschwachen Personen abgeraten."[1] 

Eines der vier Exemplare dieses Tafelbildes von Johann Heinrich Füssli bildet den Einstieg in die große Sonderausstellung "Schwarze Romantik. Von Goya bis May Ernst" des Städel Museums in Frankfurt am Main. Mit mehr als 200 Ausstellungsobjekten - Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmen - will die von Felix Krämer kuratierte Ausstellung von der Romantik ausgehend deren großen Wirkungsbogen bis weit ins 20. Jahrhundert spannen. Neben eigenem Bestand zeigt das Städel zahlreiche hochkarätige Leihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen.

Namensgebend für die Ausstellung ist das 1930 erstmals in Florenz erschienene Buch "Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik" des Literaturwissenschaftlers Mario Praz. Die Bezeichnung "Schwarze Romantik" hat sich in die kunsthistorischen Sphären eher vage hineindiffundiert und ist schließlich zum Allgemeinplatz geworden. Denn zum einen trägt der Titel der italienischen Ausgabe des Buchs von Praz "La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica" gar keinen Untertitel, die "schwarze Romantik" ist also eine Zufügung des Übersetzers bzw. des Hanser Verlags zur deutschen Erstausgabe im Jahr 1963. Zum anderen widmet sich Praz' Buch der romantischen Literatur, deren Gravitationszentrum er zwischen London und Paris verortet, unter dem vornehmlichen Aspekt des erotischen Empfindens [2].
 
Die Ausstellung im Städel erweitert diesen Blickwinkel nicht nur um den Bereich der Bildenden Kunst der Zeit der Romantik und über die Perspektive des "Sexus" hinaus, sondern versucht zudem den Begriff der und die Auswirkungen und Inspirationen von "Romantik" zu erstrecken auf Symbolismus und Surrealismus bis hin zum Beginn des Zweiten Welktriegs. Ein großer "Rundumschlag" sozusagen. Uns erwartet das Irrationale - von melancholischen Gedanken, über Träume, Phantasien, Unheimliches, Groteskes, Ängste bis zu Wahnvorstellungen und Todessehnsucht - hier wird nahezu jede Facette geboten.

Die Künstler der Romantik - also jene Zeit zwischen den beiden Revolutionen 1789 und 1848 - wandten sich von den Gedanken der Aufklärung ab, suchten nach "Höherem". Der Glaube an die Kraft menschlicher Vernunft und der Gedanke, die Weltanschauung durch die Erkenntnisse der Wissenschaft zu bestätigen, aufgeklärter Rationalismus ausgehend von einem naturwissenschaftlichen Ansatz, geprägt vom Fortschritt beginnender Industrialisierung und bürgerlicher Wirklichkeit, schienen nicht ausreichend, wurde als eng, nicht ganzheitlich genug und in sich widersprüchlich gesehen. Die Romantiker entzogen sich den Prämissen der Aufklärung durch Hinwendung zu den Kräften der Natur und beschäftigten sich mit Volkstümlichem, vorchristlichen Bräuchen, mittelalterlicher Sagenwelt, Mystik und Märchen, Fantastischem und Unbewusstem.

"Der Nachtmahr" war schnell berüchtigt, dann lange berühmt. Füssli war vor allem deshalb ein großer Wurf gelungen, weil er den Nerv der Zeit vor der Zeit getroffen hatte."[3]

Nicht ohne Grund beginnt der Rundgang im Städel daher mit dem Blick auf Füsslis "Der Nachtmahr", hier die Version aus dem Frankfurter Goethehaus. Die Komposition aus Gnom, Pferd und Frauengestalt ist neu; hinzu kommen die erotische Komponente und das theatralische Spiel von Licht und Schatten. Bereits im Januar 1783 kamen von Thomas Burke angefertigte Stiche auf den Markt, die Beliebtheit des Bildes stieg sprunghaft an[4] und so ist "Der Nachtmahr" heute das bekannteste Gemälde Füsslis. Unter dem Stich stand ein Vers von Erasmus Darwin:

So on his Nightmare through the evening fog
Flits the squab Fiend o'er fen, and lake, and bog;
Seeks some love-wilder'd maid with sleep oppress'd,
Alights, and grinning sits upon her breast.[5]


Während die Zeitgenossen Füsslis die Darstellung als schockierend empfanden, sich darüber empörten oder einfach ratlos dem Gemälde gegenüber standen, entlockt mir der "grinsende Unhold" und das stürmische Pferd mit den irren Augen, insbesondere in der hier nicht gezeigten Detroiter Version mit der Knollennase, meist eher ein Lächeln - vielleicht auch, weil er ein "alter Bekannter" ist. Hinter dem Gemälde ist eine der Film-Kojen der Ausstellung aufgebaut, die hier einen Ausschnitt aus "Frankenstein" von James Whale (1931) zeigt. Am Ende lagert die bewusstlose Elisabeth bezeichnenderweise in genau der Position auf ihrem Bett, wie Füssli seine Träumende dargestellt hat. In der Zusammenschau mit weiteren Austellungsstücken dieses ersten Raumes der Ausstellung im Städel - einem Weltuntergang von Samuel Colman oder dem großen roten Drachen von William Blake - und dem diffus gedämmten Licht mit dunkelgraublau-gefärbten Wänden, wird klar, dass der Rundgang nicht so harmlos weitergehen wird. 

"Er [Füssli] ist "in seiner Zeit" nur mit einem weiteren Künstler vergleichbar, Francisco Goya, der ihn jedoch zweifelsfrei überragt."[6]

Der Besucher sollte auch im weiteren auf Sichtbezüge unter den Ausstellungsobjekten gefasst sein. So greifen z. B. die Radierungen "Los Caprichos" von Francisco de Goya im folgenden Raum, mit "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" sowohl die Albtraumthematik des Nachtmahrs, als auch mit "Die Chinchillas" die Maske des Frankensteinschen Monsters im Film auf. Nach weiteren Goyaschen Schreckensszenarios folgen zunächst Räume mit Werken französischer und belgischer Künstler. Darunter finden sich neben hochkarätigen Géricaults, Delacroix' und einem nachdenklichen Satan von Feuchère das gesellschaftskritische Gemälde von Antoine Wiertz "Hunger, Wahnsinn und Verbrechen" (1853), das eine Mutter mit ihrem ermordeten Baby im Arm zeigt - das blutige Messer in der Hand, irre Augen und aus dem Kochtopf über der Feuerstelle ragt ein Kindsbein. Für Victor Hugos unheimlich-düstere Tuschzeichnungen ist ein Kabinett reserviert, eine Rotunde führt in die melancholisch-traurigen Gemälde und Zeichnungen mit Gräbern und Segelschiffmotivik Caspar David Friedrichs ein, es folgen weitere Landschaftsgemälde, u.a. "Prozession im Nebel" (1828) von Ernst Ferdinand Oehme - die Vorlage für Plakat und Einladungen der Ausstellung. Der Bereich "Mythen und Märchen" - darunter das Gemälde "Schneewittchen und die böse Stiefmutter" des in Frankfurt geborenen Victor Müller, das in seiner Unschärfe an die Anfänge der Fotografie denken lässt - runden das Gesamtbild der Romantik ab.   

Eine "normalgroße" Ausstellung wäre hier nun zu Ende. Aber schon ein wenig erschöpft treibt es mich hinauf in den zweiten Teil der "Schwarzen Romantik". Der "Frosch mit Kaninchenohren" und "Faunskopf", Steingut-Skulpturen von Jean-Joseph Carriés aus Privatbesitz als Repräsentanten des Symbolismus empfangen mich, wecken meine Neugier und erheitern ein wenig. Weiter geht es durch Symbolismus und Surrealismus. Auch die Ausstellungsstücke in den oberen Sälen sind spannend - wer würde nicht von Dalís und Magrittes surrealistischen Fantasien ergriffen und Max Ernsts Landschaften gefangen sein. Auch hier werden Filmausschnitte gezeigt. Die Ausstellungsstücke und -räume sind auch hier informativ beschriftet und liefern immer wieder notwendige Hintergrundinformationen zu den symbolgeladenen Werken. Aber die Konzentration lässt doch merklich nach, nicht nur die der Dichte der Gemäldeauswahl, auch die des Besuchers, der vom "Rundumschlag" schon fast erschlagen wird. Ich mache jetzt erstmal eine Pause - vielleicht einen Kaffee trinken - aus Dalís "riesiger fliegender Mokkatasse" - oder zum "Gastmahl der Sphinx" mit ein bisschen "Mondspargel" von Max Ernst? Hauptsache, es heißt nicht: "Sie sind zu lange im Wald geblieben"[7]... 

Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis 20. Januar 2013. Ab 5. März 2013 unter dem Titel "The Angel of the Odd. Dark Romanticism from Goya to Max Ernst" im Musée d'Orsay in Paris.

In Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum werden erstmals innerhalb einer Ausstellung im Städel Ausschnitte von Filmklassikern wie Frankenstein (1931), Dracula (1931) oderVampyr (1931/32) gezeigt, die als Begleitprogramm im Filmmuseum in voller Länge geschaut werden können.

[1] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog der gleichnamigen Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart vom 27. Sept. 1997 bis 11. Jan. 1998. Becker, Christoph / Hattendorf, Claudia (Hrsg.). Ostfildern-Ruit: Verlag Gerd Hatje, 1997, S. 132.
[2] Nach Praz, Mario. Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. München: DTV, 4. Aufl. 1994, S. 13f..

[3] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 132.
[4] Nach Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 133/134.
[5] Darwin, Erasmus. The Botanic Garden. London: Jones & Company, S. 165. Zitiert aus dem E-Book. Darwin erweiterte diesen Vers später zu einem Gedicht in seinem Buch "Botanic Garden", für das wiederum Füssli das Titelbild gestaltete. 
[6] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 136.

[7] "Sie sind zu lange im Wald geblieben" ist der Titel eines der im Städel ausgestellten Gemälde von Max Ernst aus dem Jahr 1927. Abbildung im Katalog: Krämer, Felix (Hrsg.). Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst. Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2012, Kat. Nr. 197, S. 265.

Dienstag, 25. September 2012

[Rezension] "Schokoladengeister" von Jael McHenry

Mit Feingefühl wird Schokolade zur Nebensache


Stellen Sie sich vor, Sie könnten Ihre längst verstorbene Großmutter noch einmal in Ihre Küche holen. Eine Suppe kochen nach ihrem alten Rezept und schon sitzt sie vor Ihnen und gibt weise Ratschläge - gewürzt mit einer rätselhaften Botschaft. Ein schöner Moment, ein heimeliges Gefühl? Wären nicht gerade Ihre Eltern gestorben, Sie hätten sich mit ihrer einzigen Schwester zerstritten, trösteten sich mit einem "Normalbuch", harrten dem drohenden Auszug aus Ihren geliebten "Vier Wänden" und stünden sowieso nicht ganz so fest mit beiden Beinen im Leben...

"Aller schlimmen Dinge sind drei: Mein Vater stirbt. Meine Mutter stirbt. Und dann kommt die Beerdigung."[1]

Ginny, leidenschaftliche Hobbyköchin, filetiert gegen Stress und zur Beruhigung schon mal eine Orange. Sie hat Angst davor Brot zu backen oder ein Joghurt zu essen. "Die Vorstellung, dass die Hefe lebt, machte mich jedes Mal krank. ... Das Einzige wobei ich bei meinen Zutaten bestehe, ist, dass sie tot sind."[2] Der Tod ist auch in anderer Hinsicht ein Problem. Ginnys Eltern sind bei einer Auslandsreise gestorben und sie ist nun auf sich allein gestellt. Ihre Schwester ist ihr in dieser Situation keine Hilfe - und sie ihr auch nicht, Gert, eine gute Freundin des Hauses kann sie nur teilweise stützen, eine Männerbekanntschaft endet tragisch. Mit "ein bisschen Asperger" ist das Leben auch so schon nicht einfach... 

Ginny hat Küchengeister. Durch das akkurate Nachkochen handgeschriebener Rezepte kann sie die Verstorbenen herbeirufen. Solange bis der Duft der Speise wieder erlischt. Die Küche, eine Leseecke und ein Schrank sind Wohlfühlecken, sichere Zufluchtsorte. Ginny ist sehr sensibel, Berührungen sind kompliziert, sie ist geräuschempfindlich und "Außerdem sage ich, was ich denke, und das mögen die Leute nicht."[3]  Kochen bietet ihr kontemplative Ruhe und innere Gelassenheit. Das Normalbuch, das Ginny seit ihrer Kindheit führt, hingegen ist Werkzeug zur "Selbstaffirmation"[4]. Es besteht aus Satzfetzen von Ratgeberkolumnen, die das Wort "normal" beinhalten.

"Also, was haben Sie?" "Haben?" "Eine Art Komplex? Eine Phobie? Eine Störung?" "Eine Persönlichkeit", sage ich.[5]  

Die Geschichte plätschert anfangs vor sich hin, ist zwar leicht lesbar und in ihren reichen Metaphern kraftvoll und verständlich, aber zunächst unbefriedigend. Ginny kocht, ein Geist kommt, ein Rätsel wird aufgegeben, Ginny kocht, ein Geist kommt/kommt nicht... Der Bruch mit der Schwester scheint eine schmerzliche, aber notwendige Erfahrung. Die in den Handlungsstrang eingeflochtenen Rezepte sind angenehmes Beiwerk. Aber irgendeine Zutat fehlt. Erst die Begegnung mit dem verstorbenen Vater bringt die Wendung. Mit oder eher nach der Hälfte gewinnt das Buch parallel zu seiner Protagonistin, es entwickelt sich. Es gewinnt an Einfühlsamkeit, Nähe, emotionalem Tiefgang. Schade, dass sich der Bogen des Einstiegs "Hindere sie [Amanda] daran."[6] nicht ganz konsistent auf das Ende hin spannt. Aber das Leben hat ja auch für gewöhnlich kein Zwischen-Happy End.

Der bisher beste Roman, den ich zum Thema gelesen habe. Es lohnt sich, die anfängliche Durststrecke durchzuhalten, das Leben geht weiter.

McHenry, Jael. Schokoladengeister. München: Diana Verlag, Taschenbucherstausgabe 6/2012. ISBN 978-3453355613. Englischer Titel: The Kitchen Daughter. New York: Gallery Books, 2011.

Anmerkung: Vielleicht wäre statt eines Normalbuchs ein Anderbuch gut. Ein Buch, das täglich daran erinnert, dass die Menschen verschieden sind, mit allen ihren Macken und Liebenswürdigkeiten. Das daran erinnert, dass es gut ist, dass Menschen unterschiedlich sind und alle ihre Berechtigung in unserer Gesellschaft haben, sie bereichern und sie ihren Platz finden können.

[1] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 9.  
[2] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 147.
[3] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 189.
[4] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 54.
[5] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 191. 
[6] McHenry, Schokoladengeister, 2012, S. 21.

Sonntag, 23. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Der Kiepenkerl: Ein Abschiedsbesuch im Garten der Liebieghaus Skulpturensammlungen

Nicht ganz vollkommen perfekt

Er hatte es am Anfang nicht leicht - in Frankfurt. Wirbel hat er verursacht und Empörung. Der Kiepenkerl von Jeff Koons vor dem Café des Liebieghauses, als Bestandteil der Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in Zusammenarbeit mit der Schirn Kunsthalle.

Ihren Nachmittagskaffee und den leckeren Kuchen im Liebieghaus-Garten lassen sich die Frankfurter nicht so schnell verbieten - auch nicht von der Kunst. Da ist die Grenze überschritten. Und die von Sicherheitsauflagen für die Ausstellung "eingekesselte" Pächterin hatte wohl ziemliche Umsatzeinbußen, wie nicht nur in der Frankfurter Rundschau zu lesen war. Aber nun ist ja alles wieder gut.

Aber wer ist eigentlich dieser Kiepenkerl, was will er uns sagen und wie passt er ins Gesamtwerk von Jeff Koons? Nun rühre ich hier in meinem Milchkaffee und beobachte ihn. Edelstahl, eines der von Koons häufig genutzten Materialien. Auch die Ballon Venus als Reminiszenz an die Venus von Willendorf, die art deco-hafte Metallic Venus und der Rabbit mit Möhre im Innern des Liebieghauses glänzen in Edelstahl, insbesondere durch ihre runden Formen. Der robuste Kiepenkerl passt besser ins Freie, hier an diesen lauschigen Ort, in Zusammenspiel oder Kontrast, jedenfalls Sichtweite zur Bronzerekonstruktion der Athena-Marsyas-Gruppe des Myron. Doch die Motivik irritiert, scheint sie doch eher am Rand des Koonsschen Gesamtkonzepts - glänzend und aus Stahl, aber nicht grellbunt, kein Comicbezug, das Licht bricht sich auf kleinteiligen Flächen... Aber wer ist eigentlich dieser Kiepenkerl?

Er hatte es am Anfang nicht leicht - in Münster. Bei seiner Enthüllung im Rahmen der "Skulptur Projekte 1987" verknotete sich die Schnur, verfing sich das Tuch in der Kiepe, beim dritten Versuch klappte es endlich. Ein Kiepenkerl war im niederdeutschen Sprachraum ein Händler, der auf seiner häufig schwer beladenen Rückentrage Nahrungsmittel und andere Dinge des alltäglichen Bedarfs von ländlichen Gegenden in die Stadt und umgekehrt transportierte und verkaufte. Zur traditionellen Tracht gehörten in Westfalen neben rotem Halstuch auch Gehstock und Pfeife. Zumindest seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist der Kiepenkerl eine Münsteraner Traditionsfigur. Koons ersetzte die bronzene Kiepenkerl-Figur auf dem Münsteraner Platz am Spiekerhof während der Dauer der Ausstellung durch seine originalgetreue Stahl-Nachbildung.   

Nach Koons eigenen Angaben gab es technische Probleme beim Guss, so dass er um die Teilnahme an der Ausstellung nicht zu gefährden eine nicht näher bezeichnete "radical plastic surgery"[1] am Kiepenkerl vornehmen musste. Zur Bedeutung des Kunstwerks erklärt er 1997 "I chose to recreate the Kiepenkerl in highly-polished stainless steel, the luxurious material of the proletariat, in order to transform it into a contemporary symbol for a society which itself has transformed from agrarian to economic.[2]  Nun ja, Bronze ist sicher das ältere, aber wohl kaum weniger wertige Material. Und ob Stahl das Material unseres Zeitalters ist? Auch Ende der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts hätte man für den Außenbereich eher an Kunststoffe oder wasserabweisende Hightech-Materialien denken können... 1987 bereits erklärte sich Koons (in einer deutschen Übersetzung) allerdings sehr viel bestimmter zum Kunstwerk: "Da ich mir des möglichen Auftretens von Selbstgefälligkeit und Richtungsverlust beim Objekt-KunstMachen bewußt bin, habe ich beschlossen, mit dem zu arbeiten, was in seiner Existenz bereits klar ist, ein sich selbst gegenüber zynisches Objekt, das sich weder über seine Form, noch über einen kritischen Inhalt definiert. Ich gestalte das Objekt um, rematerialisiere es und nehme ihm seine Seele. Einmal entseelt, fungiert das Objekt als Reflexionsbecken der Gesellschaft, das den Wunsch des Menschen nach sozialem, politischem und ökonomischem Gleichgewicht, nach Unsterblichkeit und Sicherheit reflektiert und ihm entspricht: eine Reflexion von Spiegel zu Spiegel, die menschliche Seele in Entropie."[3]

Ein Kunstwerk als entleertes Gefäß oder blanker Spiegel, jedenfalls als Objekt ohne Seele? Der arme Kiepenkerl. Er hat es wirklich nicht leicht: Abgegossen, schönheitsoperiert, poliert, im Tuch verfangen, die Seele zur Ader gelassen - und in Frankfurt Stein, äh Stahl des Anstoßes. Aber der Kiepenkerl gibt dem Betrachter das beruhigende Gefühl, dass auch bei Koons nicht immer alles perfekt ist.  

Nun heißt es allerdings dem Kiepenkerl Adieu zu sagen, ein Winken - die besten Wünsche für die weitere Reise. Und der Rückbau im Liebieghaus beginnt.

Doppelausstellung JEFF KOONS. THE SCULPTOR und JEFF KOONS. THE PAINTER in der Schirn Kunsthalle und im Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main.



[1] zitiert aus: http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/97/koons/k.htm (Abruf 23. Sept. 2012, 20.08 Uhr MESZ)
[2] zitiert aus: http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/97/koons/k.htm (Abruf 23. Sept. 2012, 20.09 Uhr MESZ)
[3] zitiert aus: http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/87/koons/k_koo.htm (Abruf 23. Sept. 2012, 20.09 UHR MESZ)

Dienstag, 18. September 2012

[Theater] Breaking the Code im English Theatre Frankfurt am Main

High-IQ in der menschlichen Sackgasse

In "Breaking the Code" erzählt das English Theatre Frankfurt die Lebensgeschichte des britischen Mathematikers, Kryptoanalytikers und einem der Wegbereiter moderner Computertechnologie, Alan Mathison Turing. Turing war einer der Wissenschaftler, die im Zweiten Weltkrieg in der Government Code and Cypher School in Bletchley-Park erfolgreich den deutschen Nachrichtenverkehr entschlüsselten. Mit der 1936 veröffentlichten Arbeit "On computable numbers with an application to the Entscheidungsproblem" und der darin vorgestellten sog. Turingmaschine legte er Grundlagen der theoretischen Informatik.

Bis in den Beginn der 70er Jahre war Bletchley Park als "Top Secret" eingestuft. Nicht nur aufgrund dieser Geheimhaltung ist Turings Leben in mancher Hinsicht rätselhaft. Bereits der Titel des Schauspiels "Breaking the Code" spielt mit Doppeldeutigkeit. Er steht zum einen für das Dechiffrieren, zum anderen für den Bruch mit gesellschaftlichen Konventionen im Großbritannien der beginnenden 50er Jahre. Und auch Turing selbst scheint undurchschaubar.    

"Be wiser than other people if you can; but do not tell them so."[1] (Philip Stanhope, 4. Earl of Chesterfield)

Trotz seiner großen Leistungen war Turing bis lange Zeit nach seinem Tod kein gefeierter Held. "Breaking the Code" beginnt mit der ernüchternden Schlüsselszene, in der er einem Polizisten stotternd von dem Einbruch in seine Wohnung am 23. Januar 1952 berichtet. Er verstrickt sich im Laufe der Befragungen mehr und mehr in Widersprüchlichkeiten und Lügen, so dass letztlich seine sexuelle Beziehung zu einem 19-jährigen Mann offenbar wird.

"E pericoloso sporgersi" (Alte Weisheit Zugreisender)

Was hat Alan Turing getrieben, diesen Einbruch anzuzeigen - seine Arbeitsstelle, seine Reputation zu riskieren? Der Diebstahl betraf wohl banale Dinge wie z.B. 5 Fischmesser, eine Tweedhose und eine halbvolle (!) Flasche Sherry. War Turing verärgert, gekränkt oder forderte Gerechtigkeit? Dachte er wirklich, er könnne die Liaison verheimlichen - seine Verdienste im Zweiten Weltkrieg würden ihn schützen? Im Großbritannien der beginnenden 50er Jahre - Geschlechtsverkehr mit einem minderjährigen Mann.

Turing hielt sich nicht an gesellschaftliche Konventionen und verstieß gegen geltendes Recht. Die Gründe lassen sich heute nur schwer rekonstruieren. Angeklagt und verurteilt, unterzog er sich einer Östrogen-Therapie. Seine Putzfrau fand ihn am 8. Juni 1954 - Tod durch Zyanidvergiftung, neben dem Bett ein angebissener Apfel, beinahe 42 Jahre alt.

Wer einen Enigma-Krimi oder einen Zweite Weltkriegs-Thriller im English Theatre erwartet, wird enttäuscht. Emotional leise und mit Schreibmaschinengeräuschen startend, gewinnt das Schauspiel zunehmend an Dynamik, hintergründiger Dramatik und spätestens im Monolog Turings über künstliche Intelligenz hat das English Theatre die Zuschauer für sich gewonnen. Stephen Fewell spielt Alan Turing sehr feinfühlig und empathisch in seinen wechselnden emotionalen Zuständen; dennoch bleibt die Titelfigur nebulös, rätselhaft, kaum zugänglich. In höhenversetzte Spielfelder geteilt, ermöglicht die Simultanbühne mittels weniger Requisiten rasche Szenenwechsel und unterstützt so das Verständnis der in zeitlichen Sprüngen agierenden Geschichte.

Das English Theatre schließt das Play mit der schneewittchen-liken, symbolträchtigen Selbstmordversion des Todes von Alan Turing durch einen mit Zyankali präparierten Apfel, die nicht zweifelsfrei belegt ist. War sein Tod vielleicht doch Folge einer Nachlässigkeit oder ein Unfall? 

Mit Logik lässt sich Turings Handeln in Bezug auf den Einbruch und sein dadurch bedingtes Outing nicht erklären. Verriet er sich wirklich versehentlich bei seiner Aussage in der Polizeistation? Inwiefern trug die aufoktroyierte Hormonbehandlung zu Depressionen und Selbstmordgedanken bei? Welche Rolle spielten die Beschuldigungen, durch seine Homosexualität sei er ein staatliches Sicherheitsrisiko? 

Zahlreiche Gedenkveranstaltungen in aller Welt ehren Alan Turing zu seinem 100. Geburtstag. Am 23. Juni 2012 widmete Google ihm ein interaktives Code-Doodle. Das Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn präsentiert noch bis 16. Dezember 2012 „Genial & Geheim – Alan Turing in 10 Etappen“, das Science Museum London zeigt bis zum 31. Juli 2013 die Sonderausstellung "Codebreaker – Alan Turing's life and legacy". Im Jubiläumsjahr ehrt die Royal Mail Alan Turing mit einer Briefmarke der Serie "Britons of Distinction".

Breaking the Code im English Theatre Frankfurt am Main. Schauspiel von Hugh Whitemore aus dem Jahr 1986, basierend auf der Biografie "Alan Turing: The Enigma" von Andrew Hodges aus dem Jahr 1983. Regie Michael Howcroft. Noch bis zum 27. Oktober 2012.


[1] Letters to His Son, 19. Nov. 1745. Zitiert nach: Wikiquote, "Philip Stanhope, 4th Earl of Chesterfield", http://en.wikiquote.org/w/index.php?title=Philip_Stanhope,_4th_Earl_of_Chesterfield&oldid=1492505 (abgerufen am 17.09.2012, 20:32).

Montag, 17. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Die Blüten des Kunstgeschäfts

Zehn Minuten-Realtime: Klimt in der "Kuss"-Package

Blüten, die der Kunstmarkt treibt sind allerorten. Diskutiert werden hohe und höherschnellende Preise, die dem allgemeinen Wirtschaftsgeschehen - traditionell und statistisch nachweislich - entgegenlaufen, philosophiert wird über den "Wert" (oder Nichtwert) von Kunst und verachtet (oder beneidet?) die Investitionsgier so manchen Sammlers. Wo wird der Kunstmarkt uns noch hintreiben *stöhnächzjammer*?

Wie Cathrin Kahlweit in der Printausgabe der Süddeutschen vom 14. September 2012 auf Seite Drei unter dem Titel "Goldrausch" kurzweilig berichtet, treibt in Wien der Gustav Klimt-Hype um den vor 150 Jahren nahe der Stadt geborenen Künstler der Wiener Secession im Jubiläumsjahr ganz besonderen Höhepunkten zu. Klimt allover. Neben sinnigen Mitbringseln wie Klimt-Marmelade und Klimt-Toilettendeckeln - man muss es einfach mögen -, geistige Anregung, wie das Klimt-Musical und technische Herausforderungen, wie "Der Kuss"-E-Cards.

Eine Hotelkette zeigt allerdings, dass sich nicht nur "Berliner Luft" in Dosen vermarkten lässt, nein, auch Gustav Klimt... Und entfernt erinnert das Angebot vielleicht an 4'33'' von John Cage. Denn in einem "Der Kuss"-Arrangement wird neben Übernachtung, Frühstück, einem Glas Gold Sekt und einer Eintrittskarte ins Belvedere u.a. ein exklusives 10 Minuten-Verweilen vor "Der Kuß" zum Kauf angeboten.

Leider sind der Website des Hotels keine näheren Details zu entnehmen. Ob die VIP-Dosis Klimt also mit einem Museumswächteraufgebot verabreicht wird, das unter Blitzlichtgewitter die Massen vom Gemälde abdrängt, während der Hoteltourist andächtig den Erläuterung des Kus(s)tos lauscht oder sich in den Armen des/der Liebsten kuss-chelt? Oder handelt es sich um ein Frühstück (Schaumkuss auf Klimt-Bagel) - angesichts der Zeitnot als "Klimt to go"? Vielleicht ein Nacht-Einlass ins Belvedere - also quasi eine österreichische Küssnacht - bei Kerzenschein (aus der Klimtschen Hofmanufaktur, versteht sich) inklusive organic Blüten aus Klimts ehemaligem Schrebergarten, mit güldenen Harfenklängen, Couscous und Custard ?

Tja, wer weiß. Aber auch über das Klimtjahr hinaus heißt es wahrscheinlich: Eine Dosis Klimt, mit Kuss und Blüten, bitte! Gegen Entgelt, aber immerhin rezeptfrei - und auf jeden Fall gekonntes Wiener Kuss-tomizing :)

Dienstag, 11. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst

Düstere Zeiten

Die Zeiten sind augenscheinlich nicht düster genug - oder gerade deshalb? Das Städel Museum entführt uns seit 26. September 2012 mit mehr als 200 Ausstellungsstücken in die Welt der "Schwarzen Romantik".

Beim Lesen des Ausstellungstitels sah ich einen Lichtstrahl auf eine Glaskugel fallen, dahinter eine samtgewandete, vor sich hin flüsternde Wahrsagerin, Magier mit Spitzhüten, Séancen und gezinkte Karten. Beim Lesen der Pressemitteilung fiel mir die Füssli-Ausstellung "Das verlorene Paradies" 1997/1998 in Stuttgart ein - den schelmisch auf der Brust hockenden, knollennasigen Nachtmahr und den beinahe sympathischen Pferdkopf mit den irren Augen. Die Printwerbung zielt jedoch in eine andere Richtung. Ernst Ferdinand Oehmes "Prozession im Nebel" ist ein beängstigend-ruhiges Bild mit Brücke und in Dunst gehüllten, in den Hintergrund schleichenden Figuren in dunklen Kutten. Spontan erinnerte es mich an den fatalistischen Marsch der Altgläubigen in der Schlussszene der Chowanschtschina von Mussorgski an der Oper Frankfurt vor einigen Jahren - die im Übrigen in diesem Herbst wiederaufgenommen wird. Die Website des Städel bietet zudem Totenschädel, Gräber, Gespenster, Hexen, Vampire, Nosferatu und Frankenstein sowie einen fast kompletten Weltuntergang.

Also eine spannende Mischung und gute Voraussetzungen für einen schaurig-schönen, gruseligen Herbstnachmittag :)

Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main. Bis 20. Januar 2013.

Sonntag, 9. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] dOCUMENTA (13) in Kassel

Alles und/oder nichts, wie bitte - warum, wieso?

Lange habe ich diesen Blogeintrag aufgeschoben. Manches Mal findet man ja einfach nicht die richtigen Worte - hier war es ein Gefühl aus Enttäuschung und Chaos. Aber nun muss es raus :) 

Ratlos, planlos und kraftlos zurück. Zurück von einer dOCUMENTA 13, die viel, zuviel zeigt und doch so wenig. Schade.

Schon die Vorbereitung fiel schwer. Eine riesige App, die den Speicher leersaugte, eine Website, die Stichworte zu Künstlern und Präsentationsorten liefert, aber nicht zu den Kunstwerken, angewiesen auf gegoogelte Websites der Printmedien, die einzelne Kunstobjekte vorstellen, eine Kuratorin, die Geheimhaltung zur obersten Priorität erklärt. Boeh, machte mich das neugierig *gähn*.

Durchgerungen, trotzalledem die dOCUMENTA 13 zu besuchen. Um 5:30 den Körper zum Bahnhof geschleppt, der Rest vom Ich weitergeträumt. Mit dem Regionalexpress durch die Lande getuckert - Langeweile... An der ungeöffneten Kasse der Documenta Schlange gestanden um den im Vorfeld gekauften Voucher gegen eine Eintrittskarte einzulösen - ich liebe verwaltungstechnische Spitzfindigkeiten... *grummel*. 

Nach der 20 Euro-Spende - vielleicht als Investition in die Renovierung der Stolperfallen-Gehwege und maroden Treppen Kassels, Hindernisse im Parcours der Documenta? Rechts abgebogen um die Kunst zu suchen. Am Eingang vorbeigelaufen, weil das Personal den Wegweiser frühmorgens noch nicht plaziert hatte. Wieder zurück... aaanstrengend... Wie soll der Tag nur weitergehen, wenn das schon so anfängt?

Themenüberfluss, Materialmix, Sinneschaos. Gottfried Knapp hat es in der Printversion der Süddeutschen vom 7. September 2012 auf Seite 12 nett als "Das additive Prinzip" betitelt... "Eine Weiterentwicklung in dieser Richtung könnte die Kasseler Schau zu einer Expo für Kunst-Schwellenländer degradieren.", resümiert er u.a. kühl. Sich einen Überblick zu verschaffen ist mir an diesem Tag nicht vergönnt. Ich sehe "Einzelteile", in die ich mich immer wieder neu einlesen müsste, um sie zu verstehen. Wer ist schon ein wandelndes Lexikon zeitgenössischer Kunst? Nichts fügt sich. Und selbst das allzeit bereite Smartphone ist zu langsam. Ziel ist es ja auch, Kunst zu sehen und nicht auf den Tablet zu starren, weil man Infos zum Künstler, zur Entstehung, zum Material, zum zum zum sucht. International bekannte Künstler, ja. Aber vieles auch Europa kulturell weit entrückt, schwer fassbar. Kreisende Schattenspiele, Bilder, von denen täglich eines überlackiert verschwindet, Mode in Zwangsjacken-Manier bei SinnLeffers, eine der Pyramidenecken der Brasilianerin Renata Lucas im Fridericianum, ein Hauch von Hauch von Wind von Durchzug... Vielleicht habe ich auch etwas falsch verstanden... Durch den Nordflügel des Bahnhofs hindurch, bezeichnenderweise gestrandet an einem vermeintlich chaotischen Areal gefüllt mit Zivilisationsresten.     

In der Documenta-Halle empfangen mich im höchsten Raum Motoren und das sich in sich miniaturisierende Flugzeug des Documenta-Bestsellers Thomas Bayerle; endlich ein wenig heimeliges Gefühl inmitten all dieser Fremdheit.

Nachmittags durch die Karlsaue, vorbei an Guiseppe Penones totem Bronzebaum, der bereits seit 2010 einen Stein balanciert. "Gardening" ist ja zur Zeit in aller Munde und Massimo Bartolinis "Wave" lullt den Betrachter milde ein. Eine Welle schwappt durch ein in den Rasen eingelassenes, rechteckiges Wasserbecken, umgeben von einem Kornfeld. "Bitte die Gerste nicht betreten - do not walk on the barley." Der Park ist mit Holzhütten gepflastert - keine Kunstwerke, Schreine zeitgenössischer Kunst. Noch neugierig zu Anfang, sind die Inhalte häufig enttäuschend. Ein dünner Hund mit rosa Bein läuft vor der hingeräkelten Bienenkorbfrau auf dem Kompostiergrund von Pierre Hyughe vorbei. Zufall, Vitalität und Verwandlung sollen hier stattfinden. Vielleicht ist es sonst anders, aber heute haben die meisten Besucher nur Mitleid mit dem abgemagerten Hund.   

In der Bahn nicke ich ein. Ich träume von einer spannenden Kunstreise durch die Documenta-Stadt Kassel. Vielleicht war ich ja noch gar nicht dort - und das alles war nur ein Alptraum. Ich wache auf, sortiere meine verschlafenen Knochen, der Nacken schmerzt - aber die dOCUMENTA 13 will ja auch Mut machen: nach dem collapse kommt ja vielleicht noch die recovery...

Fazit: Wo ist der Schlüssel, wo das Schloss? Zurück von einer Documenta, die so wenig erklärt, vermittelt, vermag. Documenta überall und nirgends. Vielleicht.

dOCUMENTA 13 in Kassel - noch bis zum 16. September 2012.