Freitag, 28. September 2012

[Kunst-Ausstellungen] Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main

Jedes Grauen hat seine Zeit

"Im Jahr 1782 stellte Füssli zum ersten Mal sein Gemälde "Der Nachtmahr" in der Jahresausstellung der Royal Academy [of London] aus... "Shocking" schrieb Horace Walpole an den Rand seines Katalogexemplars. Von einer Betrachtung des Gemäldes wurde nervenschwachen Personen abgeraten."[1] 

Eines der vier Exemplare dieses Tafelbildes von Johann Heinrich Füssli bildet den Einstieg in die große Sonderausstellung "Schwarze Romantik. Von Goya bis May Ernst" des Städel Museums in Frankfurt am Main. Mit mehr als 200 Ausstellungsobjekten - Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Fotografien und Filmen - will die von Felix Krämer kuratierte Ausstellung von der Romantik ausgehend deren großen Wirkungsbogen bis weit ins 20. Jahrhundert spannen. Neben eigenem Bestand zeigt das Städel zahlreiche hochkarätige Leihgaben internationaler Museen und Privatsammlungen.

Namensgebend für die Ausstellung ist das 1930 erstmals in Florenz erschienene Buch "Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik" des Literaturwissenschaftlers Mario Praz. Die Bezeichnung "Schwarze Romantik" hat sich in die kunsthistorischen Sphären eher vage hineindiffundiert und ist schließlich zum Allgemeinplatz geworden. Denn zum einen trägt der Titel der italienischen Ausgabe des Buchs von Praz "La carne, la morte e il diavolo nella letteratura romantica" gar keinen Untertitel, die "schwarze Romantik" ist also eine Zufügung des Übersetzers bzw. des Hanser Verlags zur deutschen Erstausgabe im Jahr 1963. Zum anderen widmet sich Praz' Buch der romantischen Literatur, deren Gravitationszentrum er zwischen London und Paris verortet, unter dem vornehmlichen Aspekt des erotischen Empfindens [2].
 
Die Ausstellung im Städel erweitert diesen Blickwinkel nicht nur um den Bereich der Bildenden Kunst der Zeit der Romantik und über die Perspektive des "Sexus" hinaus, sondern versucht zudem den Begriff der und die Auswirkungen und Inspirationen von "Romantik" zu erstrecken auf Symbolismus und Surrealismus bis hin zum Beginn des Zweiten Welktriegs. Ein großer "Rundumschlag" sozusagen. Uns erwartet das Irrationale - von melancholischen Gedanken, über Träume, Phantasien, Unheimliches, Groteskes, Ängste bis zu Wahnvorstellungen und Todessehnsucht - hier wird nahezu jede Facette geboten.

Die Künstler der Romantik - also jene Zeit zwischen den beiden Revolutionen 1789 und 1848 - wandten sich von den Gedanken der Aufklärung ab, suchten nach "Höherem". Der Glaube an die Kraft menschlicher Vernunft und der Gedanke, die Weltanschauung durch die Erkenntnisse der Wissenschaft zu bestätigen, aufgeklärter Rationalismus ausgehend von einem naturwissenschaftlichen Ansatz, geprägt vom Fortschritt beginnender Industrialisierung und bürgerlicher Wirklichkeit, schienen nicht ausreichend, wurde als eng, nicht ganzheitlich genug und in sich widersprüchlich gesehen. Die Romantiker entzogen sich den Prämissen der Aufklärung durch Hinwendung zu den Kräften der Natur und beschäftigten sich mit Volkstümlichem, vorchristlichen Bräuchen, mittelalterlicher Sagenwelt, Mystik und Märchen, Fantastischem und Unbewusstem.

"Der Nachtmahr" war schnell berüchtigt, dann lange berühmt. Füssli war vor allem deshalb ein großer Wurf gelungen, weil er den Nerv der Zeit vor der Zeit getroffen hatte."[3]

Nicht ohne Grund beginnt der Rundgang im Städel daher mit dem Blick auf Füsslis "Der Nachtmahr", hier die Version aus dem Frankfurter Goethehaus. Die Komposition aus Gnom, Pferd und Frauengestalt ist neu; hinzu kommen die erotische Komponente und das theatralische Spiel von Licht und Schatten. Bereits im Januar 1783 kamen von Thomas Burke angefertigte Stiche auf den Markt, die Beliebtheit des Bildes stieg sprunghaft an[4] und so ist "Der Nachtmahr" heute das bekannteste Gemälde Füsslis. Unter dem Stich stand ein Vers von Erasmus Darwin:

So on his Nightmare through the evening fog
Flits the squab Fiend o'er fen, and lake, and bog;
Seeks some love-wilder'd maid with sleep oppress'd,
Alights, and grinning sits upon her breast.[5]


Während die Zeitgenossen Füsslis die Darstellung als schockierend empfanden, sich darüber empörten oder einfach ratlos dem Gemälde gegenüber standen, entlockt mir der "grinsende Unhold" und das stürmische Pferd mit den irren Augen, insbesondere in der hier nicht gezeigten Detroiter Version mit der Knollennase, meist eher ein Lächeln - vielleicht auch, weil er ein "alter Bekannter" ist. Hinter dem Gemälde ist eine der Film-Kojen der Ausstellung aufgebaut, die hier einen Ausschnitt aus "Frankenstein" von James Whale (1931) zeigt. Am Ende lagert die bewusstlose Elisabeth bezeichnenderweise in genau der Position auf ihrem Bett, wie Füssli seine Träumende dargestellt hat. In der Zusammenschau mit weiteren Austellungsstücken dieses ersten Raumes der Ausstellung im Städel - einem Weltuntergang von Samuel Colman oder dem großen roten Drachen von William Blake - und dem diffus gedämmten Licht mit dunkelgraublau-gefärbten Wänden, wird klar, dass der Rundgang nicht so harmlos weitergehen wird. 

"Er [Füssli] ist "in seiner Zeit" nur mit einem weiteren Künstler vergleichbar, Francisco Goya, der ihn jedoch zweifelsfrei überragt."[6]

Der Besucher sollte auch im weiteren auf Sichtbezüge unter den Ausstellungsobjekten gefasst sein. So greifen z. B. die Radierungen "Los Caprichos" von Francisco de Goya im folgenden Raum, mit "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" sowohl die Albtraumthematik des Nachtmahrs, als auch mit "Die Chinchillas" die Maske des Frankensteinschen Monsters im Film auf. Nach weiteren Goyaschen Schreckensszenarios folgen zunächst Räume mit Werken französischer und belgischer Künstler. Darunter finden sich neben hochkarätigen Géricaults, Delacroix' und einem nachdenklichen Satan von Feuchère das gesellschaftskritische Gemälde von Antoine Wiertz "Hunger, Wahnsinn und Verbrechen" (1853), das eine Mutter mit ihrem ermordeten Baby im Arm zeigt - das blutige Messer in der Hand, irre Augen und aus dem Kochtopf über der Feuerstelle ragt ein Kindsbein. Für Victor Hugos unheimlich-düstere Tuschzeichnungen ist ein Kabinett reserviert, eine Rotunde führt in die melancholisch-traurigen Gemälde und Zeichnungen mit Gräbern und Segelschiffmotivik Caspar David Friedrichs ein, es folgen weitere Landschaftsgemälde, u.a. "Prozession im Nebel" (1828) von Ernst Ferdinand Oehme - die Vorlage für Plakat und Einladungen der Ausstellung. Der Bereich "Mythen und Märchen" - darunter das Gemälde "Schneewittchen und die böse Stiefmutter" des in Frankfurt geborenen Victor Müller, das in seiner Unschärfe an die Anfänge der Fotografie denken lässt - runden das Gesamtbild der Romantik ab.   

Eine "normalgroße" Ausstellung wäre hier nun zu Ende. Aber schon ein wenig erschöpft treibt es mich hinauf in den zweiten Teil der "Schwarzen Romantik". Der "Frosch mit Kaninchenohren" und "Faunskopf", Steingut-Skulpturen von Jean-Joseph Carriés aus Privatbesitz als Repräsentanten des Symbolismus empfangen mich, wecken meine Neugier und erheitern ein wenig. Weiter geht es durch Symbolismus und Surrealismus. Auch die Ausstellungsstücke in den oberen Sälen sind spannend - wer würde nicht von Dalís und Magrittes surrealistischen Fantasien ergriffen und Max Ernsts Landschaften gefangen sein. Auch hier werden Filmausschnitte gezeigt. Die Ausstellungsstücke und -räume sind auch hier informativ beschriftet und liefern immer wieder notwendige Hintergrundinformationen zu den symbolgeladenen Werken. Aber die Konzentration lässt doch merklich nach, nicht nur die der Dichte der Gemäldeauswahl, auch die des Besuchers, der vom "Rundumschlag" schon fast erschlagen wird. Ich mache jetzt erstmal eine Pause - vielleicht einen Kaffee trinken - aus Dalís "riesiger fliegender Mokkatasse" - oder zum "Gastmahl der Sphinx" mit ein bisschen "Mondspargel" von Max Ernst? Hauptsache, es heißt nicht: "Sie sind zu lange im Wald geblieben"[7]... 

Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis 20. Januar 2013. Ab 5. März 2013 unter dem Titel "The Angel of the Odd. Dark Romanticism from Goya to Max Ernst" im Musée d'Orsay in Paris.

In Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum werden erstmals innerhalb einer Ausstellung im Städel Ausschnitte von Filmklassikern wie Frankenstein (1931), Dracula (1931) oderVampyr (1931/32) gezeigt, die als Begleitprogramm im Filmmuseum in voller Länge geschaut werden können.

[1] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog der gleichnamigen Ausstellung in der Staatsgalerie Stuttgart vom 27. Sept. 1997 bis 11. Jan. 1998. Becker, Christoph / Hattendorf, Claudia (Hrsg.). Ostfildern-Ruit: Verlag Gerd Hatje, 1997, S. 132.
[2] Nach Praz, Mario. Liebe, Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. München: DTV, 4. Aufl. 1994, S. 13f..

[3] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 132.
[4] Nach Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 133/134.
[5] Darwin, Erasmus. The Botanic Garden. London: Jones & Company, S. 165. Zitiert aus dem E-Book. Darwin erweiterte diesen Vers später zu einem Gedicht in seinem Buch "Botanic Garden", für das wiederum Füssli das Titelbild gestaltete. 
[6] Johann Heinrich Füssli - Das verlorene Paradies. Katalog Stuttgart / OstfildernRuit: 1997, S. 136.

[7] "Sie sind zu lange im Wald geblieben" ist der Titel eines der im Städel ausgestellten Gemälde von Max Ernst aus dem Jahr 1927. Abbildung im Katalog: Krämer, Felix (Hrsg.). Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst. Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2012, Kat. Nr. 197, S. 265.

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