Montag, 22. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Schwestern der Revolution. Künstlerinnen der Russischen Avantgarde im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen

Starke Frauen zwischen Neoprimitivismus und Konstruktivismus

Die Schwestern sind unbequem, neongrün und schräg :) Im Gegenzug waren sie nicht verwandt und keine politischen Aktivistinnen. Nicht steinig und schwer, aber dass dieser Weg durch eine Ausstellung kein leichter sein würde, war klar - denn der Titel klingt spannend, aber auch komplex.

Nach 4 Jahren Vorbereitungszeit zeigt das Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen 112 Werke von 12 russischen Avantgarde-Künstlerinnen aus der vor- und nachrevolutionären Zeit von 1907 bis 1934. Ein großer Teil der Exponate sind Leihgaben der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau, viele Kunstwerke sind erstmals in Deutschland ausgestellt.

Der Besucher steht vor der Herausforderung, sich durch Stilpluralismus, Formen und Begrifflichkeiten zu arbeiten, die teils fremd anmuten, aber auch Wiedererkennungseffekte bergen. Tja, die Russische Avantgarde... Einen gesellschaftlichen und künstlerischen Neubeginn mit dem Ziel einer gerechten, klassenlosen Gesellschaft vereinte die Künstler. Da denkt man an Alexander Rodtschenko, vielleicht an Wassily Kandinsky, aber am ehesten an Kasimir Malewitsch.

"Kunst hat kein Interesse mehr daran, Staat und Religion zu dienen, sie wünscht nicht länger, Illustration der Kulturgeschichte zu sein, sie will weiter nichts mehr mit dem Objekt als solchem zu tun haben, und glaubt, dass sie, in und für sich, ohne Objekte existieren kann."[1] (Kasimir Malewitsch)

Im Zeitalter von Post-Privacy, Piratenpartei und Koons-Hype ist für uns schwer nachvollziehbar - weil selbstverständlich oder bereits umgekehrt -, dass Künstler es als befreienden Akt ansahen, sich nicht länger politischen und religiösen Postulaten zu unterwerfen und sich von der Objektdarstellung zu lösen.

Die Russische Avantgarde war die wohl bisher einzige künstlerische Strömung, an der Frauen einen gleichberechtigten Anteil hatten. "Die Gruppe" der Künstlerinnen der Russischen Avantgarde - so wie beispielsweise "Der Blaue Reiter" - gab es allerdings nicht. Vom Neoprimitivismus mit postimpressionistischen Zügen und Anklängen an Volkskunst über den Kubo-Futurismus mit zylindrischen Formelementen und dem Malewitschen Suprematismus, geprägt von abstrakten Formen, bis hin zum streng geometrischen Formenvokabular des Konstruktivismus reicht die Palette der Künstlerinnen. Ihre Namen, wie Elena Liessner-Blomberg oder Antonina Sofronowa, allerdings sind oft nicht geläufig. Und nicht nur die verschiedenen Stilrichtungen spannen einen weiten Bogen; bis hin zum Stoffdesign, Modezeichnungen und Entwürfen zu Bühnenbildern wird in Ludwigshafen ein weites künstlerisches Feld geboten. Puh!

Na denn, hinein in die Kunst! Natalja Gontscharowa empfängt uns selbstbewusst und ausdrucksstark im Neoprimitivismus, der an postimpressionistische Frauenporträts van Goghs oder Cézannes erinnert. Nein, wir sind schon richtig und befinden uns nicht in Essen oder Berlin :) Dies ist eben eine Facette der "Russischen Avantgarde" und bereits hier wird deutlich, dass sich die Künstlerinnen durch Einflüsse aus Europa, vor allem Frankreich und Italien, aber auch Deutschland und Spanien, inspirieren ließen. Dies ist neben Malweise, Motivik und Formgebung später u.a. an Schriftzügen z.B. in französischer Sprache oder der Marke "4711", wie im Gemälde "Stillleben" von Alexandra Exter aus dem Jahr 1915, ablesbar.

"Ich habe die Malerei zu ihrem logischen Ende gebracht und habe drei Bilder ausgestellt: ein rotes, ein blaues und ein gelbes, und dies mit der Feststellung: Alles ist zu Ende."[2] (Alexander Rodtschenko)

Ab der zweiten Ausstellungskoje zeigt sich, neben Einflüssen der Volkskunst, wie z.B. im Triptychon "Gottesmutter (mit Ornamenten)" von Gontscharowa, die beginnende Entwicklung von Abstraktion, deren Grad im Verlauf des Rundgangs sukzessive zunehmen wird. Reminiszenzen an die europäische Kunst sind spürbar - hier erinnert ein Gemälde von Nadeschda Udalzowa an Picasso, Braque oder Gris, dort ein Gemälde von Ljubow Popowa an Farbkompositionen der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter". Eigens für die Ausstellung angefertigt wurde die imposante Rekonstruktion eines Bühnenbilds von Exter zu "Romeo und Julia" aus dem Jahr 1921 in expressivem, kubistischem Stil mit blau-weißer Farbgebung; ein schwungvoller Kostümentwurf hierzu ist ebenso ausgestellt, wie der Stummfilm "Aelita" (Regie: Jakow Protasanow) aus dem Jahr 1924, für den Exter die Kostüme entwarf.

"Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels."[3] (Wassily Kandinsky)

Obwohl auch Braun- und Grautöne, z.B. in Gemälden von Popowa, vorherrschen können, scheinen die Werke der Avantgardistinnen insgesamt farbfreudig - auffällig das häufig leuchtende Blau. Kraftvolle Farben zeichnen die von volkstümlichen Anleihen bis zu klaren kubo-futuristischen Mustern reichenden Stoff- und Kostümentwürfe von Gontscharowa, Popowa und Warwara Stepanowa aus. Die Abstraktion bringt aber auch manches Kuriosum mit sich. So ist für das Gemälde "Konstruktion" von Popowa aus dem Jahr 1920 umstritten, wie das Bild zu hängen ist; in Ludwigshafen hat man sich für die Hängung "mit dem Mond nach unten" (weiße, nierenförmige Struktur) entschieden.

Die Russischen Avantgarde war - so rasch gekommen - schnell beendet. In den Zeiten des Bürgerkriegs ab 1918 verließen viele Künstler, wie auch Gontscharowa und Exter, Russland gen Frankreich oder Deutschland. Mit dem Tod Lenins 1924, aber insbesondere 1932 mit dem Beschluss der Richtlinien für die Produktion von Literatur, bildender Kunst und Musik in der UdSSR wurde die künstlerische Freiheit stark eingeschränkt, die Abstraktion praktisch verboten und der Sozrealismus begründet. Der Rundgang der Ausstellung endet in den beginnenden 30er Jahren mit Arbeiten der Vertrauten Malewitschs, Anna Leporskaja im Einfluss dieser Richtlinien. Wie Malewitschs "Mann in suprematischer Landschaft" erschafft Leporskaja geometrische Menschen, zwar in farbiger Gestaltung, aber ohne Gesichter und vor leerem Hintergrund - leblose Hüllen.

Neben einer gelungenen Einleitung, 12 Kurzlebensläufen und einem Timetable, sind die Erklärungen an den Werken - wie mittlerweile häufig üblich - spärlich und reichen oft nicht, um westlich geprägte Sehgewohnheiten und kulturelle Sichtweisen zu überwinden. So bleibt der Besucher u.a. mit der Frage nach dem Titel "Oblomow-Syndrom" eines Werks von Sofia Dymschiz-Tolstoja allein. Ja, natürlich gibt es Katalog und Audio-Guide - aber vielleicht möchte ja mancher Besucher die Augen und Ohren frei haben, um sich ganz auf die Kunst einzulassen. Der wertige Hardcover-Katalog mit ausgezeichneten (wenn auch eine Spur gedunkelten) Abbildungen, interessanten Texten - insbesondere der dynamische, frische Einleitungsteil von Ada Raev - gefällt mir sehr.

Die Kunst ist ein kompliziertes Phänomen.[4] (Wassily Kandinsky)

Fazit: "Schwestern der Revolution" ist keine "leichte Kost", wenn man sie über rein ästhetische Aspekte und Farbgestaltung hinaus betrachten möchte. Inwiefern den Russischen Avantgardistinnen die Emanzipation von westeuropäischen Vorbildern und Impulsen gelang, muss der Besucher für sich selbst entscheiden. Vor dem Besuch schadet es nicht, sich kurz in historische Voraussetzungen einzulesen und den Stilpluralismus zu vergegenwärtigen. Dann kann man auch nach dem Ausstellungsbesuch sagen: "I love Avantgarde" :)

Schwestern der Revolution. Künstlerinnen der Russischen Avantgarde im Wilhelm-Hack-Museum in Ludwigshafen. Noch bis zum 24. Februar 2013. Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit der Tretjakow-Galerie, Moskau und mit der Unterstützung der BASF SE im Deutsch-Russischen Kulturjahr 2012/13.



[1] de Vries, Gerd: Über Kunst - On Art. Künstlertexte zum veränderten Kunstverständnis nach 1965 /Artists' Writings on the Changed Notion of Art After 1965. Köln: DuMont Verlag, 1974, Seite 21.
[2] Rodtschenko, Alexander. Arbeit mit Majakowski. Zitiert nach Gaßner, Hubertus. Alexander Rodschenko. Konstruktion 1920 oder die Kunst, das Leben zu organisieren. Frankfurt am Main: Fischer Verlag, 1984, S. 36. 
[3] Kandinsky, Wassily. Über das Geistige in der Kunst. Bern: Benteli Verlag, 1952, S. 92f. 
[4] Kandinsky, Wassily. Essays über Kunst und Künstler. Hrsg. Max Bill. Stuttgart: Verlag Gerd Hatje, 1955, S. 229.

Dienstag, 16. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Community-Abend mit Tweetup und Blogparade im Städel Museum Frankfurt am Main

Must see, must tweet, must dark romanticism - Städel folgt Schirn

Die Ankündigung des Community-Abends am 25. Oktober 2012 auf dem hauseigenen Blog will Social Media-Praktizierende ins Städel Museum Frankfurt am Main locken; "Freunden und Followern" soll Gelegenheit zum Kennenlernen und gemeinsamem Austausch gegeben werden.

Das geplante Kultup beschließt den ersten Tag des stARTcamp in Frankfurt, das als kostenpflichtiges Barcamp Kulturschaffende, - interessierte und -dienstleister zum Austausch ins Atelierfrankfurt einlädt. Ab 18:00 Uhr findet im Metzler-Foyer des Städel Museums ein Tweetup mit Führungen zur Ausstellung „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“ und anschließendem, geselligen Beisammensein statt. Gleichzeitig ruft das Städel Museum bis zum 31. Oktober 2012 zur (Micro-)Blogparade zum Thema "Ich bin ein/e schwarz/e Romantiker/in, weil..." auf. Die Teilnahme am Community-Abend ist kostenfrei, jedoch nur mit vorheriger Anmeldung möglich.

Das Städel folgt mit dem Community-Abend konzeptionell dem erfolgreichen Bloggertreffen/Tweetup der Schirn Kunsthalle am 26. Juli 2012 anlässlich der Doppelausstellung „Jeff Koons. The Painter“ und „Jeff Koons. The Sculptor“- wobei der Vortrags-/Diskussionsteil ins zweitägige Barcamp ausgelagert wurde, während der Bespaßungsteil - ähm, die Führungen durch das graußlige Grauen einschließlich Dunkelzwitschern :) im Städel stattfindet.

Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst im Städel Museum in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum. Noch bis 20. Januar 2013.

Sonntag, 14. Oktober 2012

[Gedanken zwischendurch] Freier Fall 2

Es ist nicht Mond, noch Mars. 1969 wäre es auch gar nicht möglich gewesen - da gab es kein Energiedrink-Sponsoring. Er springt, die Geschwindigkeit nimmt zu, die Kamera kann den kleinen, weißen Ball kaum für einen Moment einfangen. 4:22 min - kein neuer Rekord im Freifall. Aber er landet - und lebt.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

[Gedanken zwischendurch] Buchmesse am Mittwoch 2012

"Bekannte kommen und vergehen, Freunde nicht. Bücher, die wir zu unsern Freunden machen, werden uns nie zum E[c]kel. Sie nützen sich durch den Gebrauch nicht ab; sie reproduciren sich immer von Neuem, wie das Leben; ihr Genuß ist unerschöpflich."[1]
(Ludwig Feuerbach)

Über Halle 1 hinaus kommt nur wer nach oben strebt - übers Laufband, unten Exit. Hot Spots "Digital Innovation", "Education" - aber "Kids & eReading"? Sind Social Media, Crowdfunding, Twitter denn für Erwachsene geeignet? Das "Kunstbuch" ist vielschichtig; hier lustige, bunte Tierzeichnungen, um die Ecke Nackte-Frauen-Bücher. Beim Taschen-Verlag von Klimt-schwelgendem Hintergrund mit schweren Prachtexemplaren niedergestreckt. Klitzekleine Verlage in winzigen Parzellen - Kredit für die Standgebühr aufgenommen? Dazwischen drängen Security, Bodyguards, Polizei um Arnie. "Es wurden viele Fehler gemacht" - hm, stand wohl manchmal neben sich... Mancherorts hat der Supermarkt 24/7, die Buchmesse schließt um 18:30 Uhr - Content geht eben mit der Zeit... Kontrollierter Zugang im Pressebereich-Vakuum. Um 17:30 das Gefühl, an den meisten Ständen könne ein Gespräch nur mit mindestens x-stelligem Abnahmeangebot beginnen - also: psst, bitte nicht ansprechen. Nur Gutenberg druckt, druckt und druckt - 6 Standard-Exlibris, 4 Euro. Reden werden gehalten, gefeiert - mit Weißwein, preisgünstigem Knabbergebäck aus der Kunststoffbox und grau-grünen Pasten bestrichenen Self-Made-Schnittchen, Geruch von abgestandenem Bier. Ab 18:00 beginnt die Besucherflucht, Exodus-Stimmung, ist da nicht das Geräusch eines Besens? Die Transferbusse überfüllt, im Strom an den Ausgang gespült.

Bücher? Neue Freunde heute nicht gefunden, mal im Internet stöbern.



[1] Feuerbach, Ludwig. Abälard und Heloise oder der Schriftsteller und der Mensch. Eine Reihe humoristisch-philosophischer Aphorismen. Ansbach: Carl Brügel, 1834, S. 1.

Freitag, 5. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main

Ein Museum fordert seine Besucher (heraus)

In dem von mir genutzten Browser sichtbar, aber - vielleicht durch das flatternde Fledermaus-Gimmick der "Schwarzen Romantik" beeinträchtigt? - nicht anwählbar, findet sich mittig auf der Website des Städel Museums die Ankündigung zur Ausstellung Raffael. Zeichnungen, die am 7. November 2012 eröffnet werden wird. Hinter einem Klick in der Menuleiste kann ich eine Vorschauseite öffnen, rechts erscheint ein Hinweis "Raffael entdecken. Meisterzeichnungen unter der Lupe". Darunter kommt der erste Teil einer Online-Serie "Einstimmung auf die Ausstellung in fünf Episoden" zum Vorschein. Ein Pilotprojekt sozusagen, denn Besucher in spe sollen bereits mehrere Wochen vor Ausstellungsbeginn mit Hintergrundinformationen auf Raffael und seine hervorragenden Zeichnungen, die hier nicht nur aus der hauseigenen Sammlung, sondern aus aller Welt stammen, eingestimmt werden.

Ohne auf die Marketingstrategie der Vor-Ankündigungen einzugehen: Das Angebot scheint sich an den bildungswilligen, kunstinteressierten Laien zu richten. Bildung zu vermitteln ist sicher keine einfache Angelegenheit, aber die erste Episode "Wer war eigentlich Raffael?" hinterlässt leider - vor allem zu Textbeginn - einen blassen Eindruck. Der Leser lässt sich hier eben nicht gerade in einem VHS-Kurs weiterbilden oder von einem Vortrag berieseln, sondern hält sich zum Zeitpunkt des Episoden-Konsums im - zwar nicht allwissenden, aber recherchierbaren - Internet auf. Das "eigentlich" in der Überschrift einmal beiseite gelassen, werden Allgemeinplätze ("Raffael ist einer der berühmtesten Künstler aller Zeiten.", "Bilderbuchkarriere", "Höchstpreise auf dem Kunstmarkt") mitsamt der berühmten Engelchen abgearbeitet, Unklarheiten ("Ein reiches, aber kurzes Leben" - monetär reich oder reich an Schaffenskraft / hinterließ ein großes / kunsthistorisch wichtiges Oeuvre? , Was ist ein "Renaissancemeister", wie sind "Grenzerweiterungen" hier zu verstehen?) zu Stolperfallen und Auslassungen (z.B. sein Wirken als Architekt und Bauleiter, u.a. des Petersdoms in Rom - sorry, aber soviel Platz muss sein...) tragen zu einem unstimmigen Gesamteindruck bei.

Es bleibt abzuwarten, was die nächste Episode bietet, ob die Vorabinformationen die Besucher - wenn sie diese denn entdecken - zu einem "besonders intensiven Ausstellungserlebnis" führen, oder im Nachhinein zu einem schlechten Gewissen, weil sie nicht alles Angebotene inhalliert haben. Vielleicht hat sich der versierte Ausstellungsgänger aber da auch bereits anderweitig informiert.

"Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main. Vom 7. November 2012 bis 3. Februar 2013.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

[Kunst-Ausstellungen] Die Frankfurter Buchmesse 2012 - Kunst zum Schwerpunkt

Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2012 ist: Neuseeland

Das jeweilige Schwerpunktland der Frankfurter Buchmesse wurde in den vergangenen Jahren gerne zum Anlass für Kunst-Ausstellungen. Beispielsweise zeigte 2009 die Schirn Kunsthalle "100 Skulpturen der Mao-Zeit" zum Gastland China und 2011 "Gabríela Friðriksdóttir. Crepusculum" sowie "Erró. Porträt und Landschaft" zu Island. Leider nicht in diesem Jahr. Während das Städel für den Herbst auf "Schwarze Romantik" setzt und im Liebieghaus der Koons-Rückbau in vollem Gange ist, wird ab 18. Oktober in der Schirn eine Ausstellung zu dem französischen Kunstmäzen und Maler "Gustave Caillebotte", ab 1. November "privat" zum Thema Post-Privacy eröffnet.

Die Kunst Neuseelands wurde anlässlich der Frankfurter Buchmesse über der Stadt verstreut. Neben dem Weltkulturen Museum sind u.a. der Frankfurter Kunstverein, der Portikus und das MMK mit Ausstellungen Bildender Kunst beteiligt. Zudem werden die Künstler Erica Duthie und Struan Ashby sowie die Dichterin Kate Camp in einem Public Art-Projekt "Tagträumer / Daydreamers: Tape art and poetry" Frankfurts Plätze - teils von Passanten inspiriert - mit aus Klebeband gefertigten Bildern und Poesie schmücken.

Neugierig zu werden, sich über die Ausstellungen und einzelnen Events nicht nur zu informieren, sondern einen Überblick zu erhalten und sie sich dann auch zu erschließen, ist nicht ganz trivial. Weit weg ist Neuseeland - und seine Kunst begegnet uns nicht alltäglich in Museen und Galerien. Hinzukommt, dass teils ungewöhnliche künstlerische Formen und Techniken vorgestellt werden, die der Erläuterung bedürfen. So zeigt das Weltkulturen Museum unter dem Titel "INCREDIBLY HOT SEX WITH HIDEOUS PEOPLE" eine Ausstellung über Zines und Underground-Publikationen mit Texten von Maori und pazifischen Inselbewohnern. In einer zweiten Ausstellung "FACE TO FACE / KANOHI KI TE KANOHI / FA'AFESAGA'I" werden Portraits prominenter samoanischer Persönlichkeiten des Künstlers Francis Pesamino zusammen mit Objekten aus der Polynesien-Sammlung des Museums vorgestellt. Der Portikus verspricht mit "A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness" eine Tageslicht-Installation von Michael Stevenson, die das "gesamte Gebäude in eine Camera Obscura verwandeln" wird und deren Hauptinspirationsquelle der panamaische Mathematiker und marxistische Philosoph, José de Jesús Martínez (Chuchú), war. Nicht mit dem Flugzeug, aber mit dem Helikopter ist der Besucher im MMK unterwegs. Das Museum für Moderne Kunst zeigt die raumgreifende 3-Kanal Video-Installation "Composition with RNZAF 3 Squadron Exercise Blackbird" von Alex Monteith, die den Betrachter auf einen Flug über das verschneite Neuseeland einlädt. Auch der Frankfurter Kunstverein präsentiert mit "Contact" Visual Art, hier gleich ca. 20 Künstler. Namensgebend für die Ausstellung ist eine Performance des neuseeländischen Konzeptkünstlers Jim Allen aus dem Jahr 1974; zudem verweist der Titel auf das bikulturelle Beziehungsgeflecht zwischen Māori und weißen Siedlern. Tanz und Theater in English Theatre und Mousonturm, sowie Vorführungen im Deutschen Filmuseum ergänzen das Programm zum Ehrengast Neuseeland.
  
Auf den ersten Blick keine leichte Kost - aber zumindest einen Annäherungsversuch ist es wert :) 

Dienstag, 2. Oktober 2012

[Kino] Wie beim ersten Mal - seit 27. September 2012 in deutschen Kinos

Beziehungsanalyse unter dem Mikroskop

In Deutschland läuft "Wie beim ersten Mal" mit "FSK 6", in den USA als "PG-13 (Sexual Content)", aber Kinder und Jugendliche wird es kaum in diesen Film ziehen, denn der Plot zielt auf die sogenannten Best Agers.

Zum 31. Hochzeitstag schenken sich Kay (Meryl Streep) und Arnold Soames (Tommy Lee Jones): ein Pay TV-Abo. Arnold geht zur Arbeit, blättert in seiner Freizeit in Golfzeitschriften und sitzt abends vor dem Fernseher, bis er einschläft. Befriedigend ist das für beide nicht. Während Arnold aber die Situation "aussitzt", versucht Kay durch spontanes Buchen einer Paartherapie neuen Schwung in die Beziehung zu bringen. Arnold folgt ihr dazu widerwillig von Nebraska in eine abgeschiedene Kleinstadt in Maine.

Der Trailer verspricht eine ernst(haft)e Auseinandersetzung, aber dennoch humorvollen Umgang mit dem Thema. Der interessante Plot könnte in eine lockere Komödie mit ernsten Untertönen münden. Doch die Story ist vor allem in den Therapiegesprächen, die die Beziehung der beiden Akteure regelrecht "seziert", auf 100 Minuten extrem langatmig umgesetzt - leider können auch die beiden hervorragenden Hauptdarsteller Meryl Streep und Tommy Lee Jones daran nicht vorbeiagieren. Der Film hat zarte Untertöne, sehr warmherzige Momente und die Figuren sind detailliert und präzise herausgearbeitet. Aber unter der Ankündigung "vom Regisseur von "Der Teufel trägt Prada"" werden Erwartungen geweckt, die nicht eingelöst werden können. Da ist selbst der beste Best Ager erschöpft und enttäuscht. Schade.

Wie beim ersten Mal. Seit 27. September 2012 in deutschen Kinos. Regie David Frankel, Hauptdarsteller Meryl Streep, Tommy Lee Jones, Steve Catrell. Originaltitel: Hope Springs.