Freitag, 23. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Privat. Das Ende der Intimität in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Hype in alten Laken

Alle Kunst ist sozial bedingt, doch nicht alles in der Kunst ist soziologisch definierbar. So vor allem die künstlerische Qualität nicht; diese hat kein soziologisches Äquivalent.[1] (Arnold Hauser)

Die Schirn Kunsthalle präsentiert in ihrer Gruppenausstellung "Privat" rund 30 künstlerische, vor allem moderne und zeitgenössische, Positionen. Ausflüge an die "fragilen Grenzen" zwischen Öffentlichem und Privatem will die Ausstellung mit Fotos, Objekten, Installationen und Filmen unternehmen. Vom Tagebuch zum Pornofilm - mehr oder weniger intime Details in Kunstform verpackt werden öffentlich. 

"Privat" - der Aufschrift begegnen Sie heute doch bestenfalls auf der Suche nach den Toiletten im Restaurant. Denn wo gibt es noch das Eigene, Private, Intime - in Zeiten von linked, shared und liked? Soziale Netzwerke und Online-Communitys - wo sind Sie denn nicht angemeldet, haben also den Anschluss verpasst, sind out und außen vor? Ja, da ist der gesellschaftliche Druck am und im Netz teilzunehmen: Einladungen zu Veranstaltungen? Wie, kein Facebook-Account? Bewerbungen? Bei uns nur noch online. Keine Website, kein Blog und nicht bei Twitter? Buh. "Datensparsamkeit" wird allerorten als Gegenmittel postuliert. Häufig hilft aber auch die nicht. Informationen über Sie müssen ja zum einen nicht von Ihnen stammen und zum anderen helfen auch gerne nette und hochentwickelte Algorithmen beim Kombinieren und Interpretieren. Ihre sexuellen Vorlieben? Schnell mal Ihre Freundesliste durchrechnen. Der Online-Buchhändler Ihres Vertrauens weiß schließlich auch schon seit Jahren, welches Buch Sie als nächstes kaufen (wollen/sollen/sollten/müssen). „Oversharing”, Profilbildung und Gesichtserkennung - eben Datamining im Sozialkosmos. Also lieber als altmodisch verrufen oder kontrollverlustig gläsern-transparent? Befreiung oder Bedrohung? Und wenn man sein Innerstes nach außen kehrt - was passiert mit dem Äußeren?

Na, dann treten Sie mal ein! Aber Halt, bitte nicht gegen die Tür prallen! Christian Marclay zeigt uns mit seinem Ready-Made "80 East 11th Street" aus dem Jahr 1991 gleich zu Anfang der Ausstellung "Privat" die Grenzen auf. Hier, draußen, offensichtlich, öffentlich - dort, huis clos, drinnen, privat. Weinen, Streit, Stöhnen - was auch immer die Geräusche hinter der Tür uns sagen (wollen), geht uns nichts an, können wir nicht ergründen - geschlossen. Wir betreten das Innere der Ausstellung. Beinahe spielerisch führt sie mit Tagebüchern, Fotoalben und Super-8-Filmen in die Thematik ein - säuselnde Reminiszenzen an Kindheit, Strandurlaub am Mittelmeer und traute Weihnachten im Kreise der Lieben.

Die Sechziger Jahre - eine Zeit der Privat-Politisch-Öffentlichen Widersprüchlichkeiten. Homosexualität: strafbar, die sexuelle Revolution in vollem Gang. Die ersten Gastarbeiter, der Bau der Berliner Mauer, Kuba-Krise, Prager Frühling und sein jähes Ende. Schlagerparade und Woodstock. Volljährig mit 21. Kalter Krieg. Dazwischen Stan Brakhages 12-minütiger Experimental-Film "Window Water Baby Moving" (1958/59) von der Geburt seiner Tochter - Harmonie geschnitten mit Blut und Schmerz in Nahaufnahme, Andy Warhols "Sleep" (1963), in dem er in Loops und verlangsamter Abspielgeschwindigkeit über mehr als fünf Stunden seinen Liebhaber im Schlaf zeigt und Marilyn Minters Schwarzweiß-Fotos (ab 1969), auf denen der Besucher die suchtkranke Mutter bei ihren grotesk anmutenden Beauty-Ritualen beobachten kann.

Voyeuristische Blicke auf die Parentalgeneration werfen später auch Richard Billingham, hier in Sinn- und Trostlosigkeit (1989-1996), und Leigh Ledare, der seine Mutter und die Mutter-Sohn-Beziehung dokumentiert (2002-2008). Exzentrisch und exhibitionistisch die Fotos von Mark Morrisoes Selbstfindung (1982-1988) - zwischen Authentizität und Inszenierung. Zu den bekanntesten Arbeiten der Ausstellung zählt neben jenen von Ai Weiwei Tracey Emins "My Bed" (1998) - mit einer Performance-Zeremonie immer wieder neu inszeniert, frisch bleibt es außerhalb von Ausstellungen in einem Tiefkühlraum.

Zu "Privat" stellen sich zwei Fragen: Ist das "privat" und wenn ja, wieviel? und die Killerfrage "Ist das Kunst?". Was wir hier sehen trägt - wenn es überhaupt jemals "privat" war - zwangsläufig den Plusquamperfekt von "privat", denn wir sehen es an. Die Frage nach der Kunst beantwortet sich zum einen durch die diskussionsfähige Definition des jeweiligen Schaffenden als Künstler - wenn es von Warhol ist, muss es eben Kunst sein. Zum anderen ist der starke Anteil einer Art "passiver", "gemachter" Kunst spürbar, die sich in der plakativ-vervielfältigenden, bestenfalls überdimensionierten Darstellung und/oder Filterung von Beliebigkeit, Belanglosigkeit und Einfallslosigkeit aus dem Internet erschöpft. Mark Wallingers überdimensionale Handyfotos (2010) von Schlafenden in öffentlichen Verkehrsmitteln - vergrößerte, aus dem Internet gefischte "Reposts", das Kollektiv Leo Gabin mit Video-Schnipseln - aus dem Internet (2009 bzw. 2011), Laurel Nakadates nachgestellte Szenen (2009), in denen sich Teenagerinnen vor der Kamera präsentieren - zumindest "wie" im Internet. Die Ausstellung endet mit einem Filmwandgeflirre aus 10.000 Pornofilmen von Mike Bouchet. 

Privat? Entscheiden Sie selbst.

"Privat" polarisiert nicht. "Privat" zeigt exzentrische, narzisstische, egomane, zum Voyeurismus einladende Ausstellungsstücke. Privatheit wird mit Intimität, Kontrollverlust, Lust am Beobachten Fremder, Vergangenheitsbewältigung und Persönlichkeitsfindung des Künstlers, Fotos aus dem Internet mit Kunst aus/über/mit dem Internet und Nachahmung des Internets vermischt, verwechselt, neu arrangiert.

Auf dem Rückweg zum Eingang höre ich hinter mir eine Frauenstimme: "Also weißt Du, Gerda, am schlimmsten finde ich das ungemachte Bett dahinten.", drehe mich um und sehe sie zum Handy greifen. Tja, vielleicht ruft sie gerade das Fachpersonal an, das auch schon mit Badewanne und Fettecke kurzen Prozess machte - aber ein Algorithmus hat sich bestimmt schon auf ihre Fährte gesetzt :)

"Privat" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Noch bis zum 3. Februar 2013. Online-Kunstprojekte von Edgar Leciejewski und Leo Gabin im Rahmen der Ausstellung, ebenso wie eine Blogparade.


[1] Hauser, Arnold. Methoden moderner Kunstbetrachtung. München: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1974, S. 6.

Mittwoch, 21. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Workshop zu "Control" im Museum für Kommunikation Frankfurt

Überwachung, Identifizierung, Kontrollverlust

Zur Vorbereitung der Ausstellung "Control - Selbstbestimmung in einer überwachten Welt?" (ab September 2013) veranstaltet das Museum für Kommunikation Frankfurt am 29. November 2012 einen kostenfreien, (mit Anmeldung) öffentlichen, interdisziplinären Workshop und geht damit konzeptionell innovative Wege.

Der Vortragstag startet mit historischen Ausführungen von Prof. Dr. Josef Foschepoth (Universität Freiburg) zur Postzensur und Fernmeldeüberwachung in der alten Bundesrepublik. Experten in Informationstechnik/-wissenschaften, Kultur- und Kommunikationswissenschaften stellen ihre Forschungsfelder und -erkenntnisse zu biometrischen Verfahren, Beleuchtungsinfrastrukturen im Stadtraum, Videoüberwachung und Internet / Smartphone zu digitalen Spuren, Datamining sowie Kontrollverlust, vor und in bezug auf die Ausstellung zur Diskussion. Ein Umtrunk und eine Lesung von Benjamin Stein aus seiner fiktionalen Erzählung "Replay" bilden den Abschluss der Veranstaltung.   

Eine spannende Idee. Anmelden und Hingehen :)

Control - Selbstbestimmung in einer überwachten Welt? im Museum für Kommunikation Frankfurt ab September 2013.

Dienstag, 13. November 2012

[Rezension] Der Nachtzirkus von Erin Morgenstern

Magie flirrt in der Luft

Im ausgehenden 19. Jahrhundert leuchtet er von Weitem. Ein bunter Zirkus in Schwarzweiß mit grau-silbernen Untertönen. Ein Geheimtipp, der auftaucht, verzaubert und verschwindet. Ein alter Wettstreit zwischen zwei alten Zauberern, ein Spiel mit zwei Figuren, Mann und Frau, Ringe in die Haut gebrannt - binden sie auf ewig. Kann nur eine/r überleben? Eine nicht greifbare Bedrohung schwingt mit. Ein Traum, Illusionen, die Realität? Die Fassade bröckelt. Die Fragilität des Konstrukts - wird es halten?

"Das Wolkenlabyrinth
Ein Ausflug in den multidimensionalen Raum
Eine Kletterpartie durch das Firmament
Ohne Anfang
Ohne Ende
Tritt ein, wo du willst
Steig aus, wann du willst
Steig aus, wo du möchtest
Hab keine Angst zu fallen"[1]

Das Erstlingswerk von Erin Morgenstern entführt uns in eine magische Welt, jene der Kindheit, Sehnsüchte, Geborgenheit, der heimeligen Gerüche, aber auch der latenten Angst. Mit Zeitsprüngen, Zwischenkapiteln und Ortswechseln wächst der Zirkus, die Arena als Austragungsort einer ominösen Wette. Die Bedingungen sind unklar und erst im Laufe des verwobenenen Geschehens werden Hindernisse, Fallstricke und Möglichkeiten offenbar. Bewunderer folgen dem Nachtzirkus, setzen rote Farbtupfer - und mancher der "rêveurs" ist in Gefahr. Aber auch mancher Eigentümer, die Spieler natürlich. Wird sich der tragische Konflikt lösen?

"Der Nachtzirkus" ist eine komplexe, poetische Fantasy-Erzählung mit einem Hauch "magischen Theater" aus "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse. Liebevoll und detailreich beschrieben und dennoch bleibt Freiraum für eigene Gedanken. Immer wieder gibt es im Labyrinth der Zelte Neues zu entdecken. Eine handgearbeitete Wunschtraumuhr, geheimnisvolle Schlangenfrau, eine ominöse Wahrsagerin und ein zarter Garten aus Eis, ein Karussell mit lebensechten Tieren, ein beleuchteter Wunschbaum, ein facettenreicher Rausch.

Einige werden wünschen, hoffen und sich fragen, wann kommt der Nachtzirkus endlich in meine Stadt, wann wird die Sehnsucht erfüllt? Andere werden ihn gar nicht bemerken - bevor er weiterzieht. Eine wärmende Lektüre für kalte Tage :) Nichtzuletzt zwischen zwei Buchdeckel in einen formschön gestalteten Mantel gehüllt.

"Ein Kind neben dir zupft seine Mutter am Ärmel und will von dir wissen, was da steht. "Der Zirkus der Träume", lautet die Antwort. Das Mädchen lächelt glücklich. Dann bebt das Eisentor kurz und öffnet sich wie von selbst. Die Torflügel schwingen auf und laden die Menschen ein. Jetzt ist der Zirkus geöffnet. Jetzt darfst du eintreten."[2]

Morgenstern, Erin. Der Nachtzirkus. Ullstein Buchverlage GmbH: Berlin, 2012. Originaltitel: The Night Circus. Knopf Doubleday: New York, 2011.

[1] Morgenstern, Erin. Der Nachtzirkus. Ullstein Buchverlage GmbH: Berlin, 2012, S. 236.
[2] Morgenstern, Erin. Der Nachtzirkus. Ullstein Buchverlage GmbH: Berlin, 2012, S. 9.

Samstag, 10. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main

Ideen, Entwicklung, Entstehung, Realisierung

Die wahrscheinlich meistgestellte Frage an Max Hollein, Direktor des Städel Museums, am Tag der Eröffnung war: "Sind die auch echt?" Mancher vermutete gar eine gezielt lancierte Marketing-"Must See"-Aktion des Städels. Die Anspielungen fußten auf der von der Süddeutschen Zeitung in der letzten Woche losgetretenen Medienwelle um die Frage der Zuschreibung des bereits in 2010 aus einer Privatsammlung angekauften, sog. "Julius-Porträts". Lange als Raffael-Nachahmung verstanden, wird das Gemälde Papst Julius II. aus der Zeit der italienischen Hochrenaissance heute "Raffael und Werkstatt" zugeschrieben. In den Jahren 1511/1512, der Datierung des Bildnisses, war Raffael auf malerischen Höhenflügen und viel beschäftigt, u.a. mit der Ausstattung der berühmten Stanzen im Papstpalast des Vatikans und der "Sixtinischen Madonna". Schon das Sujet herrscherlicher Bildpropaganda verlangte nach mehreren Ausführungen des Motivs; so sind heute u.a. in London und Florenz vergleichbare Werke erhalten. Zweifel an Qualität und Duktus regen die Diskussion um Zuschreibung und etwaigen Anteil verschiedener Protagonisten an. Zur Frage, ob das Gemälde "mehr Raffael" oder "mehr Werkstatt" oder vielleicht "ganz anders" zuzuschreiben ist, wird die für November 2013 geplante Ausstellung im Städel Museum sicher weitere Anregungen und vielleicht näheren Aufschluss geben.

Nun aber zur aktuellen Ausstellung mit hervorragenden und spannenden Zeichnungen Raffaels - und auch ein bisschen Werkstatt :) In 48 Zeichnungen, davon 11 aus der hauseigenen Grafiksammlung plus Leihgaben aus hochkarätigen Museumssammlungen der Welt, präsentiert das Städel Museum "Raffael. Zeichnungen". Als bedeutendste deutsche Sammlung von Raffael-Zeichnungen, deren Grundstein bereits durch Johann David Passavant gelegt wurde, zeigt das Städel die erste Ausstellung dieser Größenordnung in Deutschland. Erfolgreich führt es den Besucher an unplakative, fast fragile, häufig unterschätzte Meisterwerke heran. Das Licht - den millionenteuren Ausstellungsstücken geschuldet - stark gedimmt, teilt die in blauem Farbton gehaltene Ausstellungsarchitektur den Raum in vier, nicht rechtwinklige Kompartimente plus zwei Schaukojen, in denen eigens produzierte Filme zu Zeichentechniken und zur Dekoration der Chigi-Kapelle in Sta. Maria della Pace in Rom gezeigt werden. Die Themen der Ausstellung sind: Madonna mit Kind, "Erzählung ohne Handlung", Historienbilder und die Ausstattung der Chigi-Kapelle. Museumsdidaktisch - und heute oft nicht mehr selbstverständlich - wurde jedem Blatt eine erläuternde Erklärung beigefügt und, wo möglich, eine Abbildung des aus ihr hervorgegangenen Gemäldes.

Viel gibt es zu entdecken. Themen, Techniken, Übermalungen, Ideen, Entwicklungen. Die Faszination der - mal detailliert linierten, mal grob und schwungvoll skizzierten - Zeichnungen liegt darin, in den Entstehungsprozess der Gemälde Raffaels einzutauchen, einen Blick über seine Schulter zu erhaschen. Bei manchen Skizzen, wie der als Vorzeichnung zur Sixtinischen Madonna bezeichneten Kompositionsstudie "Madonna mit Kind in einer Glorie; zwei Armstudien" (1511/1512), ist nur schwer zu erahnen, wie der Wandlungsprozess bis hin zum Gemälde verlief. Bei anderen, wie den drei Studien für die "Madonna im Grünen", die schwerpunktmäßig Komposition, Lichtführung und figurale Ausgestaltung zeigen, gelingt dies nahezu mühelos. 

Augenmerk der Ausstellung liegt auf der bildlichen Erzählkunst Raffaels. Dies wird besonders deutlich in den narrativen Umsetzungen des Themengebiets "Erzählung ohne Handlung", das Motive zu abstrakten Begrifflichkeiten - von "Der Traum des Ritters" (1502/1503) über mehrere Studien zur Disputa (des allerheiligsten Sakraments, 1508/1509) für das Fresko in der Stanza della Segnatura im Vatikan bis hin zu "Die Lehre der zwei Schwerter" (1512) - lebendig werden lässt. Den Historienbildern im dritten Themenbereich ist das Erzählerische inhärent und so wird gekämpft und erobert, mit Schild zu Fuß und zu Pferde. Bildkomposition, kraftvolle Bewegung und Rhythmik kommen besonders in der sehr modern wirkenden Zeichnung "Nackte Krieger im Kampf um eine Standarte" (um 1505/1506) zum Ausdruck, deren Entstehung in die Phase nach Raffaels Ankunft in Florenz fällt. Manche thematische Zuordnungen allerdings sind ungewöhnlich, wie eine regelrecht eingefrorene Darstellung der "Pietá" (um 1511/12) zu den Historienbildern - auch scheint das narrative Moment hier aufs Minimum reduziert.

Der abschließende Themenbereich "Die Chigi-Kapelle in Santa Maria della Pace, Rom" beschäftigt sich mit dem wohl um 1511/1512 von Raffael begonnenen Dekorationsvorhaben dieser Kapelle. Hier können mit der zeichnerischen Entstehung der Ausstattung auch einige der unterschiedlichen Techniken Raffaels studiert werden. Häufig warf er einen ersten Gedanken in einer Federzeichnung auf Papier. Die Weiterentwicklung der Figuren, deren Kombinationen und Lichtstudien erfolgten dann teils in Mischtechniken aus vorgeritzten Linien mittels Griffel, in Tinte, Silberstift, schwarzer Kreide, in Deckweiß überhöht und/oder - ab ca. 1510 vermehrt - in Rötel. Der Karton als Endstufe der Vorbereitung zum Gemälde wurde häufig in Kohle ausgeführt. Transfers von Blättern erfolgten bis hin zur direkten Vorlage für Fresken über (seitenverkehrten) Abklatsch, einfaches Pausen mit Kohle oder mittels Einstichen im Pauspunktverfahren.

Raffael starb am 6. April 1520 in Rom. Weder er noch sein Auftraggeber Agostino Chigi erlebten die Fertigstellung der Kapellenausstattung, die durch Arbeiten von Raffaels Schülern bis hin zur Skulptur "Habakuk und der Engel" von Gian Lorenzo Bernini über die Mitte des 17. Jahrhunderts andauerte.

Die Ausstellung "Raffael.Zeichnungen" leitet den Besucher an, Zeichnungen nicht nur als Vorlagen, sondern als Dokumente der Entstehung von Gemälden Raffaels wahrzunehmen. Denkprozesse von den ersten Ideen bis hin zum vollendeten Kunstwerk werden nachvollziehbar. Auch die unterschiedlichen Techniken, die Raffael virtuos beherrscht, faszinieren. Ein schöneres Entrée und eine bessere optische Lesbarkeit der Textbeiträge könnten zusätzliches Wohlgefühl auslösen. 

Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis 3. Februar 2013.

Sonntag, 4. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Der objektive Blick eines Malers

Technische Neuerungen verschrecken - und machen neugierig. Nach der Jahrhundertwende und verstärkt ab etwa 1870 tritt die Fotografie in der Kunstwelt in Konkurrenz zur Malerei. Ja, es gab kritische, konservative, traditionelle Stimmen - Fotografie könne keine Kunst sein... Aber es gab auch begeisterte Hobbyfotografen unter den Malern, wie Toulouse-Lautrec, Munch und Bonnard - und praktische Vorteile, so nutzten z. B. Degas und Monet Fotografien anstelle aufwändiger Vorzeichnungen zu ihren Gemälden. Der Augenblick kann bei schnittigen Rennpferden und wallenden Tutus mit Hilfe der Fotografie eben einfach, schnell und zuverlässig festgehalten werden :)

Die Werkschau des Kunstsammlers, Mäzens und Malers Gustave Caillebotte in der Schirn Kunsthalle zeigt rund 50 seiner Gemälde und Zeichnungen ergänzt durch mehr als 150 Fotografien des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts von Künstlern wie Eugène Atget und Éduard Baldus sowie Vertretern der Neuen Fotografie, wie László Moholy-Nagy oder Alexander Rodtschenko. Zurückhaltend, mit grauen Stellwänden gestaltet, ist die Ausstellung in vier Themenbereiche unterteilt: Stadt- und Architekturansichten gefolgt von Porträts und Interieurs, danach Stillleben und schließlich Landschaftsansichten.

Für zeitgenössische Kunst gab es in Frankreich vor der ersten Impressionisten-Ausstellung 1874 nur einen wichtigen Ort - mit strengen Vorgaben, universitärer Kungelei und akademischer Stagnation: den Salon de Paris. Für viele Künstler war die Annahme oder Ablehnung ihrer Gemälde wichtig, ja überlebenswichtig, denn ohne breite Öffentlichkeit kein Mitmischen am Kunstmarkt, kein Geld für die Miete.

Geldsorgen hatte Gustave Caillebotte nicht. 1848 als ältester Sohn eines Tuch- und Immobilienhändlers sowie Handelsrichters in Paris geboren, starben seine Eltern bereits 1874 bzw. 1878. Das beachtliche Erbe in Form von Grundbesitz, wie u.a. ein Landgut in Yerres mit der Nachbildung eines Schlosses aus dem 18. Jh., Wertpapieren und liquiden Mitteln, ermöglichte Caillebotte Unabhängigkeit. Er plante und finanzierte mit seinen Freunden und Mitstudenten Degas, Monet und Renoir nicht nur die großen Ausstellungen der Impressionisten, war Sammler und Mäzen - er zahlte auch häufig die Rechnungen bei ihren Treffen in den Cafés sowie zeitweise die Miete für Monet.

Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle führt den Besucher am Beginn ein wenig in die Irre. Begrüßt ihn doch ein fast 2,30 m hohes Porträt "Paul Hugot" von Caillebotte - im ersten Augenblick denkt man, es handele sich um Caillebotte selbst; dabei heften sich die Augen von Caillebotte an den Rücken des Betrachters - auch eine Form von Realismus :)

Die Diagonalachse des Saals lenkt zu Caillebottes Schlüsselwerk "Les raboteurs de parquet" (Die Parkettschleifer) aus dem Jahr 1875 - ein Refusé des Salons, das Caillebotte in der zweiten Impressionisten-Ausstellung 1876 zeigte. Ausschnitthaft, in leichter Aufsicht aus dem Türrahmen beobachtet er ausführlich die Arbeiter, die mit nackten Oberkörpern, auf allen Vieren den Holzboden abschleifen. Vulgärer Schweißgeruch in bürgerlichem Ambiente auf einem Ölgemälde - ein Skandal!

Caillebottes Gemälde zeichnen sich durch eine stark an der Realität orientierte Motivwahl und Ausführung aus. Seine Freude am fotografischen Blick mit ungewöhnlicher Perspektive und Ausschnitthaftigkeit werden nicht nur am Gemälde der "Parkettschleifer" deutlich. Dieser - aus heutiger Sicht modernen - Herangehensweise können manche Zeitgenossen nicht folgen; so Émile Zola: "Die Parkettschleifer und Junger Mann an seinem Fenster drücken zwar eine erstaunliche Leichtigkeit aus. Allerdings ist es eine völlig anti-künstlerische Malerei, eine Malerei klar wie Glas, mit einer durch seine Exaktheit mittelklassige Behandlung. Die fotografische Wiedergabe der Wirklichkeit ist, wenn sie nicht vom künstlerischen Talent gesteigert wird, eine erbärmliche Sache."[1]

Ergänzend, im Dialog und kontrastierend stehen als Konzept der Ausstellung Fotografien. Hier zeigen die Aufnahmen von Eugène Atget Asphaltierer - in ähnlicher Haltung bei schwerer körperlicher Arbeit. Allerdings, wie bei vielen der folgenden Gemälde-Foto-Vergleiche, in zeitlichem Abstand - 10, 20 manchmal 25 Jahre.

Erst nach zahlreichen Vorzeichnungen und Studien - und wohl häufig nicht "plein-air" / vor Ort - entstanden Caillebottes Gemälde. Die vermeintlichen "Momentaufnahmen" Caillebottes waren also meist aufwändig konstruiert und es ist zu vermuten, dass er auch Fotografien dazu nutzte. Ob er selbst fotografiert hat? Es ist nicht bekannt. Caillebotte besaß wohl eine Fotosammlung, die jedoch nicht auffindbar ist. Sein Bruder Martial war allerdings neben seiner Tätigkeit als Komponist auch als Fotograf tätig - das enge Verhältnis der Brüder wurde bereits 2011/2012 in der Ausstellung "Dans l'intimité des frères Caillebotte, Peintre et Photographe" gewürdigt.

Neben der reichen Auswahl an Gemälden Caillebottes durch Karin Sagner - immerhin befinden sich etwa 2/3 der ca. 500 erhaltenen Werke in Privatbesitz - gewinnt die Ausstellung vor allem durch die Gegenüberstellung der zum großen Teil qualitativ hervorragenden Fotografien, die Ulrich Pohlmann ausgewählt hat. Manchmal hätte ich mir zeitlich stärker korrelierende Arbeiten gewünscht. Dass dem häufig nicht so ist, ist wohl dem sehr hoch angesetzten Anspruch zu schulden, der Caillebotte nahezu als revolutionär, jedenfalls als ausgesprochen progressiven Künstler, darstellen möchte.   

Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Noch bis zum 20. Januar 2013. Ab dem 2. Februar 2013 im Gemeentemuseum Den Haag.

[1] zitiert aus: Brodskaïa, Nathalia und Charles, Victoria. Caillebotte (1848-1894). New York: Parkstone Press International, S. 208.

Donnerstag, 1. November 2012

[Gedanken zwischendurch] Segel setzen, Kurs nehmen

Beim Literaturblättern zu Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie begegnete mir 1876 anlässlich der zweiten Impressionisten-Ausstellung in Paris eine spannende Metapher aus der Feder Louis-Edmond Durantys:

"Et, maintenant, je souhaite bon vent à la flotte, pour qu’il la porte aux Îles-Fortunées ; j’invite les pilotes à être attentifs, résolus et patients. La navigation est périlleuse, et l’on aurait dû s’embarquer sur de plus grands, de plus solides navires ; quelques barques sont bien petites, bien étroites, et bonnes seulement pour de la peinture de cabotage. Songeons qu’il s’agit, au contraire, de peinture au long cours ![1] 

Und nun wünsche ich der Flotte guten Wind, der sie zu den Inseln der Glücklichen trägt; die Lotsen fordere ich auf, wachsam, entschlossen und geduldig zu sein. Die Kursbestimmung ist riskant, und man soll pflichtschuldig an Bord der größten, der solidesten Schiffe gehen; einige Boote sind recht klein, recht eng und nur für die Küstenschifffahrt geeignet. Bedenken wir, das es sich - im Gegenteil - um Malerei auf großer Fahrt handelt!

[1] Duranty, Louis-Edmond. La Nouvelle Peinture: à propos du groupe d'artistes qui expose dans les galeries Durand-Ruel. Paris: E. Dentu, 1876, S. 29. 

[Rezension] "Verflixtes Blau!" von Christopher Moore

Oder wie der raffgierige Farbenmann van Gogh erschoss...

" 'Hat sich erschossen. Mitten auf dem Maisfeld.", sagte das Mädchen. "Ach, und eine von diesen Lammpasteten, bitte.' "[1] 
 

Absinth, Kokain, Laudanum oder Bleivergiftung? Wahnvorstellungen, Trunkenheit, Melancholie, ein abgeschnittenes Ohr? Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts so schräg drauf waren? Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit sozialer Aufbruch- und wirtschaftlicher Umbruchstimmung, gesellschaftlichen Revolutionen, kulturellen Evolutionen - oder der Verbreitung der Dampfmaschine... Denn Hilfe naht. Christopher Moores Buch liefert die Erklärung für dieses Phänomen und räumt und rollt nebenbei die Kunstgeschichte auf. "Verflixtes Blau!" - oder schöner und treffender im Original "Sacré Bleu" - bietet auf breiter Basis: Liebesgeschichten mit Herzschmerz, Action und allem was dazugehört, eine Detektivgeschichte inklusive Abtauchen in den Pariser Untergrund, kunst-historische Unterweisungen vom Impressionismus über Botticelli, Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" und Gutenbergs Druckkunst zurück bis zur Enträtselung der Pikten und prähistorischer Höhlenmalereien einschließlich nummerierter Referenzgemälde, sowie einer Anleitung zum Testen der Knusprigkeit eines Baguettes; garniert mit witzigen und/oder ironischen Momenten, einigen augenzwinkernde Beigaben, ein bisschen Münchhausen und Bleu in allen Facetten. Alles ist wahr, manches gelogen.

"Blau ist nicht zu fassen.
Blau ist der Himmel, das Meer, ein Götterauge, ein Teufelsschwanz, eine Geburt, eine Strangulierung, ein Marienmantel, ein Affenarsch. Er ist ein Schmetterling, ein Vogel, eine bestimmte Stunde, das traurigste Lied, der sonnigste Tag.
...
Blau ist Schönheit, nicht Wahrheit.
...
Blau ist Macht und Herrlichkeit, eine Woge, ein Partikel, eine Wellenlänge, ein Gemütszustand, eine Passion, eine Erinnerung, eine Nichtigkeit, eine Metapher, ein Traum."
[2  

Im neuen, haussmannisierten Paris um 1890. Ein alter, hässlicher Mann und eine junge, hübsche Frau in den Hauptrollen - also eine Art "Beauty and the Beast"-Konstellation. Der kleine, bucklige Fiesling (..."wie die Kreuzung einer Ratte mit einem Pfifferling..."[3]), der sich "Der Farbenmann" nennt, verschreckt mit exhibitionistischer Vorliebe Dienstmädchen und würde wohl selbst durch innigstes Küssen nicht zum schönen Jüngling mit ehrbaren Absichten. Neben der namensgebenden, undurchschaubaren und zeitlosjungen "Bleu" und ihrem Lover, Lucien Lessard, einem jungen Bäcker mit großen Malambitionen, spielt der des Alkohols und der Demimonde einschließlich Bordellbesuche nicht abgeneigte Bon Vivant Henri Toulouse-Lautrec eine tragende Rolle. In Rückblicken und Vorwärtssprüngen wird die Geschichte um das Liebespaar, ausgehend vom Tod van Goghs mit diversen Nebenschauplätzen, einem Paar rauchenden Beinverlängerungen, der Syphillis, einem verrückten Professor und diversen Malern der Jahrhundertwende sowie ihrer Musen entwickelt. 

" 'Die Heilige Mutter hat viele Gesichter, aber man erkennt sie an ihrem blauen Umhang. Man sagt, sie sei der Geiste, der allen Frauen innewohnt.' "[4

Musen inspirieren Maler zu ihren Bildern, durch sie wachsen sie in ihrer Ausdruckskraft über sich hinaus, können stunden-, ja tage- und wochenlang konzentriert arbeiten; wie im Flug vergeht die Zeit. Für Seurat heißt sie Pünktchen, für Toulouse-Lautrec Carmen Gaudin, für Lucien Lessard zu Beginn Minette Pissarro und später Juliette, dazu Monets Camille, Renoirs Margot, Manets Victorine. Aber die wundervollen Gemälde haben ihren Preis - und so mancher kann sich später nicht mehr an die schöne, gemeinsame Zeit erinnern und an die derzeit entstandenen Gemälde - und wo sind diese Meisterwerke geblieben? ... Zu viel Alkohol? Ist Magie im Spiel? Und was hat es mit dem Ultramarin auf sich? Lucien und Henri werden das Geheimnis lüften. 

"Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen."
[5]
(Rainer Maria Rilke)

Christopher Moore greift mit seinem Roman die von Steven Naifeh und Gregory White Smith im Buch "Van Gogh: The Life" (New York: Randomhouse, Oktober 2011) geäußerten Zweifel am Selbstmord van Goghs auf und spinnt das Thema in der ihm eigenen, launigen Art weiter. Das Buch unterhält, ist teils lehrreich, manchmal derb, dann anekdotenhaft - Fakten und surreale Fiktion, Realität und ausschweifende Phantasie vermischen sich zu kurzweiliger Lektüre. Zu Ende hin ist manches Input sehr "gewollt" und all das recherchierte Wissen wird vordergründig in den Vordergrund gerückt. Dann, wenn beim Betreten der Katakomben die lateinischen Namen der menschlichen Bein- und Armknochen einzeln aufgezählt werden und obenauf Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" in die Waagschale geworfen wird.

Kleine Kritikpunkte: Das Buch hat einen schön gestalteten Einband, aber der Roman hätte Papier ohne Holzstückchen verdient. Und ich vermisse drei Figuren: Yves Klein und Marc Chagall, die zugegebenermaßen aufgrund des historischen Zeitfensters entschuldigt fehlen, sowie den Weihnachtsmann. Tja, letzterer passt eben nicht ins Farbkonzept. Aber vielleicht hat Christopher Moore ja schon den nächsten Roman in Vorbereitung - "Santa - Absturz über dem Roten Meer!", "Skandal im Wald - Rotkäppchen von Wolf geküsst" oder "Rote Bete - die ganze Wahrheit" :)

Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012. Originaltitel: Sacré Bleu. A comedy d'art. New York: William Morrow, April 2012.

[1] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 19. 
[2] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 7. 
[3] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 333.
[4] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 36. 
[5] Endstrophe aus "Blaue Hortensie" von Rainer Maria Rilke, in Neue Gedichte. Leipzig: Insel-Verlag, 1907, S. 57.