Sonntag, 4. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Der objektive Blick eines Malers

Technische Neuerungen verschrecken - und machen neugierig. Nach der Jahrhundertwende und verstärkt ab etwa 1870 tritt die Fotografie in der Kunstwelt in Konkurrenz zur Malerei. Ja, es gab kritische, konservative, traditionelle Stimmen - Fotografie könne keine Kunst sein... Aber es gab auch begeisterte Hobbyfotografen unter den Malern, wie Toulouse-Lautrec, Munch und Bonnard - und praktische Vorteile, so nutzten z. B. Degas und Monet Fotografien anstelle aufwändiger Vorzeichnungen zu ihren Gemälden. Der Augenblick kann bei schnittigen Rennpferden und wallenden Tutus mit Hilfe der Fotografie eben einfach, schnell und zuverlässig festgehalten werden :)

Die Werkschau des Kunstsammlers, Mäzens und Malers Gustave Caillebotte in der Schirn Kunsthalle zeigt rund 50 seiner Gemälde und Zeichnungen ergänzt durch mehr als 150 Fotografien des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts von Künstlern wie Eugène Atget und Éduard Baldus sowie Vertretern der Neuen Fotografie, wie László Moholy-Nagy oder Alexander Rodtschenko. Zurückhaltend, mit grauen Stellwänden gestaltet, ist die Ausstellung in vier Themenbereiche unterteilt: Stadt- und Architekturansichten gefolgt von Porträts und Interieurs, danach Stillleben und schließlich Landschaftsansichten.

Für zeitgenössische Kunst gab es in Frankreich vor der ersten Impressionisten-Ausstellung 1874 nur einen wichtigen Ort - mit strengen Vorgaben, universitärer Kungelei und akademischer Stagnation: den Salon de Paris. Für viele Künstler war die Annahme oder Ablehnung ihrer Gemälde wichtig, ja überlebenswichtig, denn ohne breite Öffentlichkeit kein Mitmischen am Kunstmarkt, kein Geld für die Miete.

Geldsorgen hatte Gustave Caillebotte nicht. 1848 als ältester Sohn eines Tuch- und Immobilienhändlers sowie Handelsrichters in Paris geboren, starben seine Eltern bereits 1874 bzw. 1878. Das beachtliche Erbe in Form von Grundbesitz, wie u.a. ein Landgut in Yerres mit der Nachbildung eines Schlosses aus dem 18. Jh., Wertpapieren und liquiden Mitteln, ermöglichte Caillebotte Unabhängigkeit. Er plante und finanzierte mit seinen Freunden und Mitstudenten Degas, Monet und Renoir nicht nur die großen Ausstellungen der Impressionisten, war Sammler und Mäzen - er zahlte auch häufig die Rechnungen bei ihren Treffen in den Cafés sowie zeitweise die Miete für Monet.

Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle führt den Besucher am Beginn ein wenig in die Irre. Begrüßt ihn doch ein fast 2,30 m hohes Porträt "Paul Hugot" von Caillebotte - im ersten Augenblick denkt man, es handele sich um Caillebotte selbst; dabei heften sich die Augen von Caillebotte an den Rücken des Betrachters - auch eine Form von Realismus :)

Die Diagonalachse des Saals lenkt zu Caillebottes Schlüsselwerk "Les raboteurs de parquet" (Die Parkettschleifer) aus dem Jahr 1875 - ein Refusé des Salons, das Caillebotte in der zweiten Impressionisten-Ausstellung 1876 zeigte. Ausschnitthaft, in leichter Aufsicht aus dem Türrahmen beobachtet er ausführlich die Arbeiter, die mit nackten Oberkörpern, auf allen Vieren den Holzboden abschleifen. Vulgärer Schweißgeruch in bürgerlichem Ambiente auf einem Ölgemälde - ein Skandal!

Caillebottes Gemälde zeichnen sich durch eine stark an der Realität orientierte Motivwahl und Ausführung aus. Seine Freude am fotografischen Blick mit ungewöhnlicher Perspektive und Ausschnitthaftigkeit werden nicht nur am Gemälde der "Parkettschleifer" deutlich. Dieser - aus heutiger Sicht modernen - Herangehensweise können manche Zeitgenossen nicht folgen; so Émile Zola: "Die Parkettschleifer und Junger Mann an seinem Fenster drücken zwar eine erstaunliche Leichtigkeit aus. Allerdings ist es eine völlig anti-künstlerische Malerei, eine Malerei klar wie Glas, mit einer durch seine Exaktheit mittelklassige Behandlung. Die fotografische Wiedergabe der Wirklichkeit ist, wenn sie nicht vom künstlerischen Talent gesteigert wird, eine erbärmliche Sache."[1]

Ergänzend, im Dialog und kontrastierend stehen als Konzept der Ausstellung Fotografien. Hier zeigen die Aufnahmen von Eugène Atget Asphaltierer - in ähnlicher Haltung bei schwerer körperlicher Arbeit. Allerdings, wie bei vielen der folgenden Gemälde-Foto-Vergleiche, in zeitlichem Abstand - 10, 20 manchmal 25 Jahre.

Erst nach zahlreichen Vorzeichnungen und Studien - und wohl häufig nicht "plein-air" / vor Ort - entstanden Caillebottes Gemälde. Die vermeintlichen "Momentaufnahmen" Caillebottes waren also meist aufwändig konstruiert und es ist zu vermuten, dass er auch Fotografien dazu nutzte. Ob er selbst fotografiert hat? Es ist nicht bekannt. Caillebotte besaß wohl eine Fotosammlung, die jedoch nicht auffindbar ist. Sein Bruder Martial war allerdings neben seiner Tätigkeit als Komponist auch als Fotograf tätig - das enge Verhältnis der Brüder wurde bereits 2011/2012 in der Ausstellung "Dans l'intimité des frères Caillebotte, Peintre et Photographe" gewürdigt.

Neben der reichen Auswahl an Gemälden Caillebottes durch Karin Sagner - immerhin befinden sich etwa 2/3 der ca. 500 erhaltenen Werke in Privatbesitz - gewinnt die Ausstellung vor allem durch die Gegenüberstellung der zum großen Teil qualitativ hervorragenden Fotografien, die Ulrich Pohlmann ausgewählt hat. Manchmal hätte ich mir zeitlich stärker korrelierende Arbeiten gewünscht. Dass dem häufig nicht so ist, ist wohl dem sehr hoch angesetzten Anspruch zu schulden, der Caillebotte nahezu als revolutionär, jedenfalls als ausgesprochen progressiven Künstler, darstellen möchte.   

Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Noch bis zum 20. Januar 2013. Ab dem 2. Februar 2013 im Gemeentemuseum Den Haag.

[1] zitiert aus: Brodskaïa, Nathalia und Charles, Victoria. Caillebotte (1848-1894). New York: Parkstone Press International, S. 208.

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