Freitag, 23. November 2012

[Kunst-Ausstellungen] Privat. Das Ende der Intimität in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main

Hype in alten Laken

Alle Kunst ist sozial bedingt, doch nicht alles in der Kunst ist soziologisch definierbar. So vor allem die künstlerische Qualität nicht; diese hat kein soziologisches Äquivalent.[1] (Arnold Hauser)

Die Schirn Kunsthalle präsentiert in ihrer Gruppenausstellung "Privat" rund 30 künstlerische, vor allem moderne und zeitgenössische, Positionen. Ausflüge an die "fragilen Grenzen" zwischen Öffentlichem und Privatem will die Ausstellung mit Fotos, Objekten, Installationen und Filmen unternehmen. Vom Tagebuch zum Pornofilm - mehr oder weniger intime Details in Kunstform verpackt werden öffentlich. 

"Privat" - der Aufschrift begegnen Sie heute doch bestenfalls auf der Suche nach den Toiletten im Restaurant. Denn wo gibt es noch das Eigene, Private, Intime - in Zeiten von linked, shared und liked? Soziale Netzwerke und Online-Communitys - wo sind Sie denn nicht angemeldet, haben also den Anschluss verpasst, sind out und außen vor? Ja, da ist der gesellschaftliche Druck am und im Netz teilzunehmen: Einladungen zu Veranstaltungen? Wie, kein Facebook-Account? Bewerbungen? Bei uns nur noch online. Keine Website, kein Blog und nicht bei Twitter? Buh. "Datensparsamkeit" wird allerorten als Gegenmittel postuliert. Häufig hilft aber auch die nicht. Informationen über Sie müssen ja zum einen nicht von Ihnen stammen und zum anderen helfen auch gerne nette und hochentwickelte Algorithmen beim Kombinieren und Interpretieren. Ihre sexuellen Vorlieben? Schnell mal Ihre Freundesliste durchrechnen. Der Online-Buchhändler Ihres Vertrauens weiß schließlich auch schon seit Jahren, welches Buch Sie als nächstes kaufen (wollen/sollen/sollten/müssen). „Oversharing”, Profilbildung und Gesichtserkennung - eben Datamining im Sozialkosmos. Also lieber als altmodisch verrufen oder kontrollverlustig gläsern-transparent? Befreiung oder Bedrohung? Und wenn man sein Innerstes nach außen kehrt - was passiert mit dem Äußeren?

Na, dann treten Sie mal ein! Aber Halt, bitte nicht gegen die Tür prallen! Christian Marclay zeigt uns mit seinem Ready-Made "80 East 11th Street" aus dem Jahr 1991 gleich zu Anfang der Ausstellung "Privat" die Grenzen auf. Hier, draußen, offensichtlich, öffentlich - dort, huis clos, drinnen, privat. Weinen, Streit, Stöhnen - was auch immer die Geräusche hinter der Tür uns sagen (wollen), geht uns nichts an, können wir nicht ergründen - geschlossen. Wir betreten das Innere der Ausstellung. Beinahe spielerisch führt sie mit Tagebüchern, Fotoalben und Super-8-Filmen in die Thematik ein - säuselnde Reminiszenzen an Kindheit, Strandurlaub am Mittelmeer und traute Weihnachten im Kreise der Lieben.

Die Sechziger Jahre - eine Zeit der Privat-Politisch-Öffentlichen Widersprüchlichkeiten. Homosexualität: strafbar, die sexuelle Revolution in vollem Gang. Die ersten Gastarbeiter, der Bau der Berliner Mauer, Kuba-Krise, Prager Frühling und sein jähes Ende. Schlagerparade und Woodstock. Volljährig mit 21. Kalter Krieg. Dazwischen Stan Brakhages 12-minütiger Experimental-Film "Window Water Baby Moving" (1958/59) von der Geburt seiner Tochter - Harmonie geschnitten mit Blut und Schmerz in Nahaufnahme, Andy Warhols "Sleep" (1963), in dem er in Loops und verlangsamter Abspielgeschwindigkeit über mehr als fünf Stunden seinen Liebhaber im Schlaf zeigt und Marilyn Minters Schwarzweiß-Fotos (ab 1969), auf denen der Besucher die suchtkranke Mutter bei ihren grotesk anmutenden Beauty-Ritualen beobachten kann.

Voyeuristische Blicke auf die Parentalgeneration werfen später auch Richard Billingham, hier in Sinn- und Trostlosigkeit (1989-1996), und Leigh Ledare, der seine Mutter und die Mutter-Sohn-Beziehung dokumentiert (2002-2008). Exzentrisch und exhibitionistisch die Fotos von Mark Morrisoes Selbstfindung (1982-1988) - zwischen Authentizität und Inszenierung. Zu den bekanntesten Arbeiten der Ausstellung zählt neben jenen von Ai Weiwei Tracey Emins "My Bed" (1998) - mit einer Performance-Zeremonie immer wieder neu inszeniert, frisch bleibt es außerhalb von Ausstellungen in einem Tiefkühlraum.

Zu "Privat" stellen sich zwei Fragen: Ist das "privat" und wenn ja, wieviel? und die Killerfrage "Ist das Kunst?". Was wir hier sehen trägt - wenn es überhaupt jemals "privat" war - zwangsläufig den Plusquamperfekt von "privat", denn wir sehen es an. Die Frage nach der Kunst beantwortet sich zum einen durch die diskussionsfähige Definition des jeweiligen Schaffenden als Künstler - wenn es von Warhol ist, muss es eben Kunst sein. Zum anderen ist der starke Anteil einer Art "passiver", "gemachter" Kunst spürbar, die sich in der plakativ-vervielfältigenden, bestenfalls überdimensionierten Darstellung und/oder Filterung von Beliebigkeit, Belanglosigkeit und Einfallslosigkeit aus dem Internet erschöpft. Mark Wallingers überdimensionale Handyfotos (2010) von Schlafenden in öffentlichen Verkehrsmitteln - vergrößerte, aus dem Internet gefischte "Reposts", das Kollektiv Leo Gabin mit Video-Schnipseln - aus dem Internet (2009 bzw. 2011), Laurel Nakadates nachgestellte Szenen (2009), in denen sich Teenagerinnen vor der Kamera präsentieren - zumindest "wie" im Internet. Die Ausstellung endet mit einem Filmwandgeflirre aus 10.000 Pornofilmen von Mike Bouchet. 

Privat? Entscheiden Sie selbst.

"Privat" polarisiert nicht. "Privat" zeigt exzentrische, narzisstische, egomane, zum Voyeurismus einladende Ausstellungsstücke. Privatheit wird mit Intimität, Kontrollverlust, Lust am Beobachten Fremder, Vergangenheitsbewältigung und Persönlichkeitsfindung des Künstlers, Fotos aus dem Internet mit Kunst aus/über/mit dem Internet und Nachahmung des Internets vermischt, verwechselt, neu arrangiert.

Auf dem Rückweg zum Eingang höre ich hinter mir eine Frauenstimme: "Also weißt Du, Gerda, am schlimmsten finde ich das ungemachte Bett dahinten.", drehe mich um und sehe sie zum Handy greifen. Tja, vielleicht ruft sie gerade das Fachpersonal an, das auch schon mit Badewanne und Fettecke kurzen Prozess machte - aber ein Algorithmus hat sich bestimmt schon auf ihre Fährte gesetzt :)

"Privat" in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt am Main. Noch bis zum 3. Februar 2013. Online-Kunstprojekte von Edgar Leciejewski und Leo Gabin im Rahmen der Ausstellung, ebenso wie eine Blogparade.


[1] Hauser, Arnold. Methoden moderner Kunstbetrachtung. München: C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung, 1974, S. 6.

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