Donnerstag, 1. November 2012

[Rezension] "Verflixtes Blau!" von Christopher Moore

Oder wie der raffgierige Farbenmann van Gogh erschoss...

" 'Hat sich erschossen. Mitten auf dem Maisfeld.", sagte das Mädchen. "Ach, und eine von diesen Lammpasteten, bitte.' "[1] 
 

Absinth, Kokain, Laudanum oder Bleivergiftung? Wahnvorstellungen, Trunkenheit, Melancholie, ein abgeschnittenes Ohr? Haben Sie sich schon mal gefragt, warum die Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts so schräg drauf waren? Jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit sozialer Aufbruch- und wirtschaftlicher Umbruchstimmung, gesellschaftlichen Revolutionen, kulturellen Evolutionen - oder der Verbreitung der Dampfmaschine... Denn Hilfe naht. Christopher Moores Buch liefert die Erklärung für dieses Phänomen und räumt und rollt nebenbei die Kunstgeschichte auf. "Verflixtes Blau!" - oder schöner und treffender im Original "Sacré Bleu" - bietet auf breiter Basis: Liebesgeschichten mit Herzschmerz, Action und allem was dazugehört, eine Detektivgeschichte inklusive Abtauchen in den Pariser Untergrund, kunst-historische Unterweisungen vom Impressionismus über Botticelli, Hieronymus Boschs "Garten der Lüste" und Gutenbergs Druckkunst zurück bis zur Enträtselung der Pikten und prähistorischer Höhlenmalereien einschließlich nummerierter Referenzgemälde, sowie einer Anleitung zum Testen der Knusprigkeit eines Baguettes; garniert mit witzigen und/oder ironischen Momenten, einigen augenzwinkernde Beigaben, ein bisschen Münchhausen und Bleu in allen Facetten. Alles ist wahr, manches gelogen.

"Blau ist nicht zu fassen.
Blau ist der Himmel, das Meer, ein Götterauge, ein Teufelsschwanz, eine Geburt, eine Strangulierung, ein Marienmantel, ein Affenarsch. Er ist ein Schmetterling, ein Vogel, eine bestimmte Stunde, das traurigste Lied, der sonnigste Tag.
...
Blau ist Schönheit, nicht Wahrheit.
...
Blau ist Macht und Herrlichkeit, eine Woge, ein Partikel, eine Wellenlänge, ein Gemütszustand, eine Passion, eine Erinnerung, eine Nichtigkeit, eine Metapher, ein Traum."
[2  

Im neuen, haussmannisierten Paris um 1890. Ein alter, hässlicher Mann und eine junge, hübsche Frau in den Hauptrollen - also eine Art "Beauty and the Beast"-Konstellation. Der kleine, bucklige Fiesling (..."wie die Kreuzung einer Ratte mit einem Pfifferling..."[3]), der sich "Der Farbenmann" nennt, verschreckt mit exhibitionistischer Vorliebe Dienstmädchen und würde wohl selbst durch innigstes Küssen nicht zum schönen Jüngling mit ehrbaren Absichten. Neben der namensgebenden, undurchschaubaren und zeitlosjungen "Bleu" und ihrem Lover, Lucien Lessard, einem jungen Bäcker mit großen Malambitionen, spielt der des Alkohols und der Demimonde einschließlich Bordellbesuche nicht abgeneigte Bon Vivant Henri Toulouse-Lautrec eine tragende Rolle. In Rückblicken und Vorwärtssprüngen wird die Geschichte um das Liebespaar, ausgehend vom Tod van Goghs mit diversen Nebenschauplätzen, einem Paar rauchenden Beinverlängerungen, der Syphillis, einem verrückten Professor und diversen Malern der Jahrhundertwende sowie ihrer Musen entwickelt. 

" 'Die Heilige Mutter hat viele Gesichter, aber man erkennt sie an ihrem blauen Umhang. Man sagt, sie sei der Geiste, der allen Frauen innewohnt.' "[4

Musen inspirieren Maler zu ihren Bildern, durch sie wachsen sie in ihrer Ausdruckskraft über sich hinaus, können stunden-, ja tage- und wochenlang konzentriert arbeiten; wie im Flug vergeht die Zeit. Für Seurat heißt sie Pünktchen, für Toulouse-Lautrec Carmen Gaudin, für Lucien Lessard zu Beginn Minette Pissarro und später Juliette, dazu Monets Camille, Renoirs Margot, Manets Victorine. Aber die wundervollen Gemälde haben ihren Preis - und so mancher kann sich später nicht mehr an die schöne, gemeinsame Zeit erinnern und an die derzeit entstandenen Gemälde - und wo sind diese Meisterwerke geblieben? ... Zu viel Alkohol? Ist Magie im Spiel? Und was hat es mit dem Ultramarin auf sich? Lucien und Henri werden das Geheimnis lüften. 

"Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen."
[5]
(Rainer Maria Rilke)

Christopher Moore greift mit seinem Roman die von Steven Naifeh und Gregory White Smith im Buch "Van Gogh: The Life" (New York: Randomhouse, Oktober 2011) geäußerten Zweifel am Selbstmord van Goghs auf und spinnt das Thema in der ihm eigenen, launigen Art weiter. Das Buch unterhält, ist teils lehrreich, manchmal derb, dann anekdotenhaft - Fakten und surreale Fiktion, Realität und ausschweifende Phantasie vermischen sich zu kurzweiliger Lektüre. Zu Ende hin ist manches Input sehr "gewollt" und all das recherchierte Wissen wird vordergründig in den Vordergrund gerückt. Dann, wenn beim Betreten der Katakomben die lateinischen Namen der menschlichen Bein- und Armknochen einzeln aufgezählt werden und obenauf Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" in die Waagschale geworfen wird.

Kleine Kritikpunkte: Das Buch hat einen schön gestalteten Einband, aber der Roman hätte Papier ohne Holzstückchen verdient. Und ich vermisse drei Figuren: Yves Klein und Marc Chagall, die zugegebenermaßen aufgrund des historischen Zeitfensters entschuldigt fehlen, sowie den Weihnachtsmann. Tja, letzterer passt eben nicht ins Farbkonzept. Aber vielleicht hat Christopher Moore ja schon den nächsten Roman in Vorbereitung - "Santa - Absturz über dem Roten Meer!", "Skandal im Wald - Rotkäppchen von Wolf geküsst" oder "Rote Bete - die ganze Wahrheit" :)

Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012. Originaltitel: Sacré Bleu. A comedy d'art. New York: William Morrow, April 2012.

[1] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 19. 
[2] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 7. 
[3] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 333.
[4] Moore, Christopher. Verflixtes Blau!. München: Goldmann Verlag, Oktober 2012, S. 36. 
[5] Endstrophe aus "Blaue Hortensie" von Rainer Maria Rilke, in Neue Gedichte. Leipzig: Insel-Verlag, 1907, S. 57.

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