Sonntag, 30. Dezember 2012

[Rezension] Der Lotse von Frederick Forsyth

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. (Lukas, Kap. 2, 8)

"Der Lotse" von Bestsellerautor Frederick Forsyth aus dem Jahr 1974, vom Piper Verlag im November 2012 neu aufgelegt, ist eine nachdenkliche Geschichte. Zeit der Handlung ist der 24. Dezember 1957, Ort der Luftraum zwischen Celle und Lakenheath.

In ihrer Eigenschaft als kurze Erzählung bzw. Novelle ist die Geschichte leider kaum buchfüllend. Das schmale Bändchen erstreckt sich über 86 Seiten in großer Schrift, einige buntstiftartige Abbildungen inbegriffen. An ein Kinderbuch lassen nicht nur große Buchstaben und Zeilenabstand sondern ebenso die randseitigen Flugzeugbildchen denken - man beachte auch das Daumenkino :) Den Preis des verspielten Heftes rechtfertigt vielleicht der Geschenkcharakter - kann auch Lesemuffeln unverfänglich als Einmaldosis verabreicht werden - sowie der ansprechende Einband und angesichts eines Taschenbuchs angenehmes Papier.

Leider lenken diese äußeren Umstände ein wenig von der spannenden, fantasievollen und warmherzigen Geschichte ab. Ein junger, englischer Pilot bricht am späten Weihnachtsabend im Jahr 1957 von Celle mit einem Kampfflugzeug in Richtung Heimat auf. Nebel zieht auf, Geräte versagen - das kann nicht gut gehen... Den symbolhaften Charakter der Geschichte lässt der englische Titel "The Shepherd" deutlicher hervortreten. Erinnert uns die Bezeichnung "Lotse" im übertragenen Sinne heute bestenfalls an Bismarcks "Der Lotse geht von Bord", dessen holprige Übersetzung aus dem Titel der 1890 entstandenen Karikatur "Dropping the Pilot" von Sir John Tenniel hervorging. Nicht nur Titel, sondern auch Wortwahl und Satzbau der Erzählung sind manchmal ein wenig gewöhnungsbedürftig, so auf Seite 11: "Denn heute nacht würden keine umherirrenden Piloten nach ihm Ausschau halten und ihre Peilung kontrollieren; heute war Christnacht, im Jahre des Heils 1957,...", Seite 16 "Die westfälischen Hausfrauen waren emsig mit der Zurüstung von Karpfen und Gänsen beschäftigt." und Seite 87 "...das schwanke, schlanke Profil...". Ob einer älteren Übersetzung oder dem Original geschuldet, ließe sich nur im direkten Vergleich feststellen.  

Die Geschichte ist sehr sinnlich geschrieben, lässt über Zufälle, Irrungen und Wirrungen des Lebens nachdenken und trägt letztlich memento mori-Züge. Ohne Forsyth zu nahe treten zu wollen, vermutet man autobiografische Züge oder die Verarbeitung einer Anekdote über diesen namenlosen Piloten - bestätigt hat Forsyth dies bisher wohl nicht. Jedoch war er von 1956 bis 1958 junger Royal Airforce Pilot und hat die Geschichte anscheinend als sehr persönliches Geschenk zu Weihnachten 1974 für seine damalige Frau Carrie geschrieben. 

Eine besinnliche Geschichte zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel. Mit Blick auf den Geldbeutel vielleicht einfach antiquarisch erwerben :)

Forsyth, Frederick. Der Lotse. München: Piper Verlag, November 2012. Erstausgabe: The Shepherd. London: Hutchinson Co. Ltd., 1975.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.