Montag, 8. Juli 2013

[Rezension] "In den Augen der anderen" von Jodi Picoult

Manche Stories sind anscheinend so gut, ...

... dass locker drei Romane nahezu identischen Inhalts verkäuflich sind... Wie "Der beste Tag meines Lebens" von Ashley Miller und Zack Stentz und das sozusagen ursprüngliche Werk "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" von Mark Haddon, entwickelt Jodi Picoult in dem bereits im März 2010 in der englischen Version, nun im Juni als Taschenbuch in Deutschland erschienenen "In den Augen der anderen" die Geschichte eines - da 14-, dort 15- und hier 18jährigen - Jungen im Themengewebe Autismus/Asperger/Heranwachsende. In allen drei Büchern wird hierzu - in mehr oder weniger unterhaltsamer Umsetzung - ein Kriminalfall bemüht.

Für den Preis von EUR 9,99 erhält der Leser zunächst einmal viel Papier; schwer und naja, nicht gerade das schönste haptische Erlebnis :) Weder das Cover noch der Titel sind übermäßig spannungsgeladen. Und 688 Seiten können lang werden... Während der Roman über die ausschweifende Einführung der Hauptfiguren spannend, bis über die nächsten etwa hundert Seiten noch interessant bleibt, wird ab ca. der Mitte des Buches die Auseinandersetzung mit zwar leicht verständlichen, jedoch zu ausführlich geratenen Gerichtsverhandlungsszenen gemischt mit sicherlich gut recherchierten, theoretischen Ausführungen zu Asperger und dem Rechtssystem der USA sowie den wiederholt ähnlichen und gleichen Missverständnissen zwischen den Protagonisten, grenzwertig lesbar. Da helfen auch die als Stilmittel eingesetzten Perspektivwechsel nichts, eher im Gegenteil. 150 übersprungene Seiten fehlen nicht merklich zum weiteren Verständnis der Story - leider.

Anstelle des Romanprotagonisten Jacob als Person steht Asperger als Syndrom im Vordergrund; stellenweise wird die Story so regelrecht zum Sachbuch neutralisiert. Eine Kriminalgeschichte mit Potenzial entwickelt sich leider nicht zu einem spannenden Verwirrspiel à la Christiescher "Mausefalle", sondern rutscht ins familiendramatisch Umsichkreisende ab. Ein spannendes Thema wird verschenkt, das Ende ist offensichtlich. Schade.

Asperger scheint immer noch in zu sein und als vermeintlich leichtere Form des Autismus gut verkäuflich. Vielleicht könnten die nächsten Romane zum Thema ja mehr Einfallsreichtum beweisen, indem sie nicht nur den Namen der Hauptfigur, die Farbphobie von Gelb/Braun über Blau nach Orange und/oder den Wechsel von Primzahlen zu Fibonaccifolgen variierten, sondern die Autoren sich mal eine neue, eigene Story ausdenken würden. Mein Favourite ist und bleibt das Original von Mark Haddon.

Picoult, Jodi. In den Augen der anderen. Bastei Luebbe Taschenbuch, Juni 2013. ISBN  978-3404168248. Originaltitel: House Rules, März 2010 bei Atria Books.

Samstag, 4. Mai 2013

[Gedanken zwischendurch] Wikipedia

"Das Projekt zur Erstellung eines freien Onlinelexikon(s)..."

Ja, es ist schon vorsichtig formuliert: Das Wiki-System sieht vor, dass jeder Besucher der Webseiten der Wikipedia Artikel und Beiträge verfassen und Texte ändern kann, ohne sich anmelden zu müssen.

"Kann" heißt aber eben nicht, dass jeder Freiwillige in der Community willkommen wäre - im Gegenteil. Der Kern der Wikipedianer ist eine im wesentlichen "Closed"-Community, in die kein Neuling eindringen kann. Nahezu jede textliche Änderung eines "neuen Mitarbeiters", sei er auch noch so bemüht - ein paar hundert Edits und Sichter-Status sind da kein Hindernis - wird kritisch unter die Lupe genommen und meist nacheditiert, auch wenn es sich um noch so kleine Änderungen handelt. Da werden nachweislich richtige Korrekturen erstmal reverted, weil der Hauptautor Ansprüche auf "seinen" Artikel erhebt, Links von Alt-Wikipedianern nachgetragen, die auch schon mal nicht zur vorgenannten Aussage passen, oder - ganz wichtig - ein Bindestrich in einen Gedankenstrich geändert. Pedanterie, Besserwisserei (ohne Fachwissen) und Selbstherrlichkeit - ach, ja...

Ist natürlich alles nur gut gemeint und im Dienste der Sache ;) Da bin ich wirklich froh, dass ich hier meinen Freiraum habe und meine Rechtshcreibfehler ein Zuhause finden :)

Könnte der Wikipedia frischer Wind schaden? Ist ja nur so ein Gedanke...

Freitag, 26. April 2013

[Theater] Der Meister und Margarita im Schauspiel Frankfurt

Sinn, Irrsinn, Unsinn

„Nun gut, wer bist du denn? Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ (Faust I, Verse 1334-1336)

Während der Besucher noch auf der Sinnsuche ist, ist das Stück schon längst beendet. Das mag anderenfalls ein "Das Spiel regt zum Denken über das Sein und das Nichtsein an, beflügelt und inspiriert." bedeuten. Aus der Inszenierung von Markus Bothe bleibt der Zuschauer allerdings verwirrt zurück und hat wahrscheinlich später einen unruhigen Schlaf...

Das Schauspiel Frankfurt inszeniert mit Der Meister und Margarita einen komplexen Klassiker der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts an dem der Satiriker Michail Bulgakow über ein Jahrzehnt schrieb. Während Bulgakow die letzte Fassung seines Lebenswerks bereits im März 1940 - kurz vor seinem Tod - beendet hatte, erschien der Roman erst 1966/67 zensiert und in Fortsetzungen in der Literaturzeitschrift Moskwa, später 1973 ungekürzt und in Buchform.

Die Vielschichtigkeit, den thematischen Umfang und das breite Spektrum an Arten von Literatur der Romanvorlage kann die Inszenierung nicht darstellen, einordnen und verorten. Entäuschend ist jedoch, dass sie es noch nicht einmal versucht. Der vielfältige Themenbogen von Der Meister und Margarita reicht von der Satire gegen den uns vielleicht bereits befremdlich anmutenden, atheistischen, bürokratisierten Staatssozialismus der Sowjetunion unter Stalin - teils in Allegorien und symbolhaft -, über den Bereich Teufel (als eine der Hauptfiguren) und Gott (aus dem Off), Leben, Liebe und Tod (der Meister und Margarita), über Jesus und Pontius Pilatus mit "Was ist Wahrheit?" und dem Nebenthema des Künstlers und der Kunst hin bis zu den Schwerpunktthemen: dem Faustmotiv, der Feigheit und der Erlösung. Der Zuschauer, der nicht wenigstens eine Zusammenfassung des Romans und eine Kurzbiografie Bulgakows gelesen hat, verliert sich alsbald im Treiben der Gestalten auf der großen Drehbühne mit rotem Stern vor offenem, schwarzen Bühnenhintergrund. Klamauk, Langeweile und spritzendes Theaterblut wechseln mit einigen spannenden Ideen und interessantem Vortrag. Leider werden Themen und Motive des Romans nur geteast, aber nicht getaggt. Hier trifft dichter Kontext auf blasse Umsetzung.

Teufel, Meister und Margarita kennt der Zuschauer aus dem Goetheschen Faust. Der Pakt mit dem Satan, der Ball mit Margarita als Königin und letztlich die Rettung des Meisters und Margaritas sind grotesk überhöhte Versatzstücke. Zudem ist das Werk Bulgakows in weiten Teilen autobiografisch. Wie der Meister unterlag der Autor stalinistischer Zensur und verbrannte die erste Fassung seines Werks. Und in der Wohnung Nr. 50 in der Bolschaja Sadowaja Straße 10, in der Bulgakow von 1921 bis 1924 lebte, bezieht der Teufel mit seinen beiden Gespielen Quartier. Der Roman bietet phantastische Kompositionslösungen und eine synthetische Zusammenführung auch der von Bulgakow genutzten Literaturspielarten, wie der (zumindest vordergründig) exakten Schilderung historischer Ereignisse sowie der realistischen Erzählung zeitgenössischer Gegebenheiten mit Fiktion, Sagenhaftem, Satire, seichtem Witz sowie der Philosophie und religiösen Einstellung Bulgakows. Nicht jedoch die Frankfurter Inszenierung. Auch die Musik von Get Well Soon (Konstantin Gropper) schwächelt: Zwar teils live gespielt, aber in musicalhafter Liedermacher-Manier mit eigens getextetem Reim-Dich-oder-halt-nicht an manch unpassender Stelle - das kann Gropper besser :)

Das Ende versöhnt mit dem Spiel. Der rote Stern zerfällt. Die Erlösung steht im Mittelpunkt - die Ruhe und nicht das Licht. Selbst der Teufel ist schließlich nur Werkzeug von Vergebung und erlangter Freiheit.

Leider gelingt es der Inszenierung von Der Meister und Margarita im Schauspiel Frankfurt nicht, den komplexen Sachverhalt des Romans von Michail Bulgakow verständlich und anschaulich in seinen thematischen Handlungssträngen darzustellen. Letztlich wird das angerichtete Durcheinander mit der Erlösung der Hauptfiguren beendet, aber nicht aufgelöst. Schade.

Der Meister und Margarita im Schauspiel Frankfurt.

Donnerstag, 4. April 2013

[Kunst-Ausstellung] Give me five! im Städel Museum in Frankfurt am Main

Hochkarätig unerklärt. Ausstellungskonzeption in Reinstkultur - oder to whom it may concern

"Mit der Ausstellung "Give me five!" gibt das Frankfurter Städel Museum vom 6. März bis 23. Juni 2013 einen eindrucksvollen Überblick über 100 zentrale Neuerwerbungen der Graphischen Sammlung aus den letzten Jahren. Der Bogen der ... versammelten Arbeiten spannt sich von Adam Elsheimer über Giovanni Domenico Tiepolo bis Louis Soutter, von Max Beckmann über Alfred Hrdlicka und Jim Dine bis David Hockney, Anish Kapoor und Antony Gormley."[1]

Die Ausstellung von Neuerwerbungen einer Grafiksammlung können eine spannende Angelegenheit sein. Ja, neugierig war ich schon auch. Leider hatte ich keine Zeit an der Pressekonferenz Anfang März 2013 teilzunehmen und daher Material zur Ausstellung per Post angefordert. Merkwürdigerweise habe ich bis heute nichts erhalten, auch keine anderweitige Rückmeldung des Städel Museums.

Also dachte ich: Da schaue ich bei Gelegenheit vor Ort vorbei. Leider das übliche Blogger-Drama ohne Presseausweis an der Kasse. Man gönnt sich ja sonst nichts, also eine Eintrittskarte gekauft - und festgestellt, dass es keinen Katalog gibt... Vielleicht eine Pressemappe? Irgendetwas Ge-druck-tes? 

Links hinein in die Ausstellungsräume der Grafiksammlung. Hm, das sind die Stellwände der Raffael-Ausstellung, oder? Kurz umgeschaut. Da, Dines. Hm, Hockney. Hochkarätiges eng auf Spalt gehängt. Wohl teuer? Wer, was ist das? Pfh, schon arg jung der Künstler, kein Wikipedia-Eintrag... - gehört das nicht ins MMK? Jetzt bloß nicht kunsthistorisch abschweifen :)

Sinn, Ordnung, Überblick? Viel 20. Jahrhundert und jünger, ein wenig dazwischen, davor, Älteres. Namen, Orte, Jahreszahlen. Erklärungen? Bildungsauftrag? Zaghafte Worte auf der Website: "Schwerpunkt: amerikanische Druckgrafik", "Beispielhafte Paarungen"... Eine Parallelwelt?

Die Frage nach dem Warum der Ausstellung. Die übliche Antwort aller Antworten? Geld; Sponsoren, Förderverein... Hm, eine Ausstellung für die Geldgeber. Oder gibt es eine andere Erklärung? Eine kleine Gruppe Honoratioren verstellt uns den Weg...

Wo liegt der Sinn? Was will die Ausstellung wem sagen? Ach, kann man sich ja an den fünf Fingern abzählen, ab/klatschen. Schlag ein - alles klar, oder?

Give me five! im Städel Museum in Frankfurt am Main. Noch bis zum 23. Juni 2013.

[1] http://www.staedelmuseum.de/sm/index.php?StoryID=1742

Samstag, 9. März 2013

[Theater] Master Class im English Theatre Frankfurt am Main

What's the price you might pay?

"You are on a stage. ... An artist enters and is." So Maria Callas (Karen Mann) in Master Class von Terrence McNally, das 1995 in Philadelphia uraufgeführt, 1996 mit dem Tony Award prämiert wurde und zur Zeit im English Theatre Frankfurt inszeniert wird. Wow, eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Karen Mann tritt auf und hat das Publikum innerhalb weniger Minuten für sich gewonnen. Sie ist einfach: da. Dies ist freilich durch den Plot so gewollt, beginnt die Geschichte doch mit direkter Ansprache an das Publikum, hat die Diva den weitaus größten Sprechanteil im Stück und die kleine Bühne im English Theatre begünstigt räumlich die Nähe zu den Zuschauern. Nichtsdestotrotz: Karen Mann agiert souverän, gleichzeitig emotional und mit großer Liebe und Fingerspitzengefühl am Spiel, an der Figur, an der Person Maria Callas. Beeindruckend.

"Kunst ist das, was Welt wird, nicht was Welt ist."[1]

Die Story ist schnell erzählt. In der Hauptrolle Maria Callas, in den Nebenrollen drei ihrer Gesangsschüler, ihr Pianist (David Randall) und ein Bühnenhelfer (Oliver Meredith). Aufgrund der doch eher beengten Bühne im English Theatre kommen häufig trick- und wandlungsreiche Bühnenbilder und -ausstattung, sowie Lichteffekte zum Einsatz. Bei Master Class ist dies nicht nötig: Ein Flügel, Tisch, Stuhl, ein paar Requisiten vor einem schwarzen Bühnenvorhang. Alles sehr reduziert.

"Our first victim, where is she?" (Maria Callas' in Master Class)

In New York gab Maria Callas in den Jahren 1971/1972 an der Juilliard School Meisterschülern Gesangsunterricht; sie soll ungeduldig, unnachsichtig und mit wenig didaktischem Gespür unterrichtet haben, gleichzeitig wird ihre gute inhaltlich-fachliche Kompetenz mit Schwerpunkt im Dramatischen hervorgehoben. Diese Zeit wird in Master Class erzählt. Die Zeit nach ihren Triumphen an den Opernhäusern der Welt, ihrem Zusammenbruch im Mai 1965 in Paris, nach ihrem letzten Opernauftritt am 5. Juli 1965 in Covent Garden, der Eheschließung von Aristoteles Onassis und Jaqueline Kennedy im Jahr 1968 - nachdem der Zenit ihre Karriere mit dem Verlust ihrer Gesangsstimme überschritten war. Fast ein letztes Bild.

"Art is domination. It's making people think that for that precise moment in time there is only one way, one voice." (Maria Callas' in Master Class)

Wenn auch als Sprechstück angelegt, bedingt der Stoff natürlich den Rückgriff auf Opernmusik - live und vom Band. Die Figur der Maria Callas singt allerdings nicht, ihre Gesangsschüler interpretieren allerdings je ein Stück aus drei großen Opern: Jennifer Rhodes, als schüchterne Sophie de Palma im von der Diva als allzu kurz kritisierten Faltenröckchen, singt oder besser gesagt sänge, wenn Callas sie nicht daran hindern würde, Ah non credea mirarti aus Bellinis La Sonnambula. Ciarán O'Leary als selbstbewusster Tony Candolino performt Recondita Armonia, die Arie, die Mario Cavardossi in Liebe zu Puccinis Tosca sinniert. Schließlich gibt Robine Landi die energische, teils trotzig-zornige Sharon Graham in der Arie der Lady Macbeth der Oper Verdis. Streng und perfektionistisch, hart in ihrer Kritik und Hingabe fordernd tritt die Diva ihren Schülern entgegen. Mal sehr bestimmt, dann auch verständnisvoll, mitunter vergesslich, hier witzelnd-ironisch, dort sarkastisch, in vielen Facetten gibt Karen Mann im schwarzen Outfit die Diva mit Starallüren.

"My fire it's here, it's mine, it's not for sale." (Maria Callas' in Master Class)

Unverständnis, Abneigung oder Bedenken von/zu Opernmusik sollten keinen Zuschauer davon abhalten, dieses Theaterstück anzuschauen - auch wenn mancher Besucher unruhig hüstelt oder sein Kräuterbonbon zum hundertsten Mal durchs Gebiss schiebt, um es schließlich in lautem Krachen zu zerbeißen, und das Play manches Mal unverständlich für einige Zuschauer zu sein scheint - wie immer im English Theatre an fehlenden Lachern erkennbar :)

"Ein Künstler hat das Recht, bescheiden, und die Pflicht eitel zu sein."[2]

Denn auch wenn, insbesondere nach der Pause, längere Passagen klassischer Musik gesungen und eingespielt werden, ist die Kernaussage des Stücks eine übergeordnete. Zwischen den Unterrichtsszenen rekapituliert Maria Callas vor abgedunkelter Bühne in Selbstgesprächen und begleitet von Musikeinspielungen ihr Leben, Vergangenes: Anspruch, Zweifel, (Selbst-)Bestätigung, private Probleme, Rivalität, Scheitern, Ängste und Verletzlichkeit einer Künstlerin, stellvertretend für Künstler per se. Die Notwendigkeit des Aufrechterhaltens einer funktionsfähigen Maske(rade) - unter allen Umständen, mit allen Konsequenzen, kompromisslos.

Versöhnlich endet Master Class in Selbsterkenntnis, Altersweisheit und guten Wünschen für die nächste Generation: "I am not good with words, but there is one thing I would ask of you: that our efforts not be wasted, that you do not forget what little I have given you. ... Do not think singing is an easy career. It is a lifetime’s work; it does not stop herte. ... Whether I continue singing or not doesn’t matter. What matters is that you use whatever you have learned wisely. Think of the expression of the words, of good diction, and of your own deep feelings. The only thanks I ask is that you sing properly and honestly. If you do this, I will feel repaid." (Schlussworte von Maria Callas' in Master Class)
 
Standing Ovations im English Theatre.

Master Class im English Theatre Frankfurt am Main. Noch bis zum 28. April 2013.


[1] Karl Kraus. Werke. Hrsg. Heinrich Fischer. München: Kösel-Verlag, 2. Aufl. 1965, Bd. 3, S. 283. 
[2] Karl Kraus zitiert in: Wüst, Hans Werner. Zitate & Sprichwörter. München: Bassermann Verlag, 2010, unter Buchstabe "K". 

Freitag, 1. März 2013

[Kunst-Ausstellung] Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Pas (de) Deux - Gepaartes Nichtsein in sieben Räumen

Schwanensee, Giselle, Schirn? Mit rund 100 Werken zeigt die Schirn Kunsthalle in "Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger" 14 künstlerische Positionen vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Wandtext der Einführung verheißt: Jenseits von stilorientierten Fragestellungen geht die Ausstellung von einer Vielfalt ganz individueller letzter Bilder aus, ohne allzu leichtfertig nach vordergründigen Gemeinsamkeiten zu suchen. Andererseits will sie Dialoge zwischen den Spätwerken je zweier Künstler pro Ausstellungsraum herstellen - ein spielerisch-tänzelnder Spagat.

Das Entrée klassisch französisch besetzt: Manet trifft Monet - oder umgekehrt. Eine bekannte Maler-Paarung - hier in berühmten, überdimensionierten Seerosen, dort in kleinformatigen, bourgeoisen Blumen-in-Vasen-Bildern. Monets Schaffen wandelt sich zum Ende nachdrücklich in starker Formabstraktion hin zu expressiv-aufgelösten Strukturen in Großformat. Manet starb allerdings bereits 1883 51-jährig in Paris, Monet erst 1926 mit 86 Jahren in Giverny, also von vornherein kein adäquater Vergleich. Zudem wird Manet die selektive Auswahl angestaubter "Hängt bei Oma über dem Sofa"-Bilder mit Schnörkelrahmen-Charme, auch wenn sie die allerletzten, vom Krankenbett aus gemalten Werke sind, in der Gesamtsicht nicht gerecht. Neben Blumen und Stillleben malte er, seit dem Herbst 1879 durch Krankheit geschwächt, in seinen letzten Jahren kraftvolle Porträts, Pleinairs, wie Jeune fille dans le jardin de bellevue und z.B. die Bar aux Folies-Bergère. Zumindest ein Hinweis hierauf fehlt.

Matisse - bereits mit letzten Werken in einer Einzelausstellung zu Gast in der Schirn - und de Kooning bilden im nächsten Raum ein Intermezzo. Das berühmte Buchprojekt Jazz steht großformatigen, abstrakten und titellosen Gemälden in geschwungenen Bögen gegenüber. Gemeinsamkeiten zu finden fällt schwer, die Gegenüberstellung wirft keine Rätsel auf. Schön/Nicht schön und/oder bunt. Auch im nächsten Raum wird das Adage zwar langsam und ausdrucksvoll, aber séparé getanzt. Es begegnen sich zwei Künstler, die durch gravierende körperliche Einschränkungen zu Änderungen im Ausdruck gezwungen waren. Die abstrakten Gesichter Jawlenskys werden kleiner, formelhafter, etwas düster; besonders nah geht aber der tonlose Film Chinese Series von Stan Brakhage, dessen Filmmaterial er mit Speichel einweichte und mit seinen Fingernägeln Ritzungen ähnlich chinesischer Schriftzeichen einfügte.

Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.
(Joseph von Eichendorff)

Variationen für Tänzer und Tänzerin folgen nun im klassischen Pas de Deux. Im nächsten Raum tauscht also Georgia O'Keefe Blüten gegen quergestreifte Himmel-Erde-Kombinationen in teils luzider Optik und Walker Evans anspruchsvolle Schwarz-Weiß-Fotografie gegen zeichenhafte Polaroids. Sprünge und Drehungen eben - die Schirn titelt mit der Überschrift "Zu neuen Horizonten". Die Aufbruchssituation ist jedoch weder ablesbar, noch wird die Änderung der Qualitäten thematisiert. Es folgen "Variation und Wiederholung". Lediglich ein, dafür umso überdimensionierteres Gemälde von Andy Warhol: The Last Supper zeigt in verlässlicher Pop Art-Manier eine kopierte Umrisszeichnung des Leonardo-Gemäldes garniert mit Ketchup-Nummer und Zigaretten-Symbol. Unbeabsichtigte Endzeitstimmung liegt im Motiv. Sein Gegenpart ist Giorgio de Chirico, dessen Gemälde in Collagenform additiv Motive variieren und wiederholen. Naja, auch im Entferntesten eine Art Pop-Art, aber eben de Chirico, kein überraschendes Moment.

Vor dem Schluss der Ausstellung wird "mit dem Ende gespielt" - ein Coda presto, aber ohne schwierigen Kombinationen. Wie als Fortsetzung der Pop Art finden wir hier Lichtensteins "Dots" verstreut in den betont lässig gehängten Werken Picabias und erinnern uns an Warhols Gesichter in den bunten Gemälden des jung verstorbenen Martin Kippenberger aus der Serie Jaqueline: The Paintings Pablo Couldn't Paint Anymore im aparten Streifen-Look.

Die bildende Kunst ist kein "Broterwerb" und keine "Lebensweise", und ein Künstler, der sein Leben seiner Kunst weiht oder seine Kunst seinem Leben, bürdet seiner Kunst sein Leben und seinem Leben seine Kunst auf. Kunst, bei der es um Leben und Tod geht, ist weder schön noch frei.[1]

In der schwarz-weißen Kammer zum Dom mit dem Titel "Das letzte Bild" erinnern nicht nur die großen Black Paintings von Ad Reinhardt mit manchmal kaum erkennbaren Binnenstrukturen an Malewitsch, der im Hintergrund singende Chor und die Schwarzweiß-Fotos des verschollenen Bas Jan Ader lassen zum Schluss sogar ein wenig Memento Mori-Stimmung im Kirchenschiffambiente aufkommen. Zusammen mit dem Film von Brakhage einer der beiden, wenigen Momente der Ausstellung. Da fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass beim letzten Mal zum Dom hin die Koons-Gemälde mit Altersbeschränkung gehängt waren. Wie sich doch der Raum den Gemälden anpasst :)

Künstler treffen sich, aber es kommt kein rechtes Gespräch zustande. Manche schweigen, manche murmeln undeutlich; bunt und unsortiert. Die Paarungen, Gründe für deren Auswahl und Zusammenstellung sowie die ihrer Werke - zumeist hochwertige Leihgaben - bleiben unargumentiert. Sterben und Tod bleiben "draußen vor der Tür" und dürfen nicht mittanzen; die universelle Frage nach dem Ende bleibt unbeantwortet, weil das Fragezeichen fehlt. Auf der Suche nach dem thematischen Zusammenhang bleibt der Besucher auf dem Parcours auf weiten Strecken allein zurück - den Kopf gebeugt, auch vor Gram, aber vor allem weil die Bilder so niedrig gehängt wurden. Überrascht wird er kaum. Wenn teils ein Dialog aufkeimen will, so wird weder ein großer Reigen getanzt, noch ein Bogen gespannt oder ist der rote Faden im Gespräch auszumachen. Letzte Bilder? Solotanz meist - ohne Netz und doppelten Boden, open end.

Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Noch bis zum 2. Juni 2013.


[1] zitiert in: Harrison, Charles / Wood, Paul (Hrsg.). Kunsttheorie im 20.Jahrhundert. Ostfildern-Ruit: Gerd Hatje Verlag, 1998, Bd. II, S. 995.

Samstag, 23. Februar 2013

[Kunst-Ausstellung] Sammelfieber. Von den Dingen und ihrer Geschichte im kinder museum frankfurt

Wunderkammer, Schlümpfe und aufgespießte Schmetterlinge 

Eichhörnchen sammeln Nüsse, Vögel sammeln Zweige und Halme für ihr Nest, Menschen sammeln Bibi-Blocksberg-Kassetten, Teddybären und Überraschungseier. Irgendetwas stimmt da nicht :) Da grassiert ein Virus, es muss das Fieber sein. Wenn Sie also nicht infiziert werden wollen, meiden Sie das kinder museum. Denn dort ist das Sammelfieber bereits ausgebrochen. Aber vielleicht sind Sie ja bereits angesteckt?

Thema der neuen Ausstellung im kinder museum frankfurt ist das Sammeln. Multimediale Stationen, historische und naturwissenschaftliche Objekte und Werkstationen begleiten den Besucher auf dem Weg durch die 6 interaktiven Ausstellungsbereiche und ermöglichen mit 30 verschiedenen Sammlungen einen Einblick in die Welt des Sammelns, von Ordnen, Forschen, (Auf-)Bewahren und Präsentieren. Alle diese Tätigkeiten bilden sowohl per se die Basis der Arbeit von Museen, Bibliotheken und Archiven, finden sich aber ebenso im privaten Bereich, bei Kindern und Erwachsenen, bis hin zum professionellen Sammler.

I just think of things as beautiful or not. Can't you understand? I don't think of good or bad. Just of beautiful or ugly. I think a lot of nice things are ugly and a lot of nasty things are beautiful.” (John Fowles, The Collector)

Im Kindesalter ist die Sammelleidenschaft häufig am ausgeprägtesten, oft ist auch der materielle Wert nicht entscheidend. Indem sie in möglichst großer Vielfalt gesammelt, katalogisiert und aufbewahrt werden, werden die Erinnerungsstücke in der Sammlung zu Vergewisserungsräumen. Motivation und Zweck des Sammelns kann verschiedene Gründe haben; seltenes und schwer Erhältliches zu besitzen und sich über die Eroberung zu freuen zählen sicher dazu.

Im Kernbereich der Ausstellung ist die Wunderkammer des Dänen Ole Worm nachempfunden, in der es vieles zu entdecken gibt. Museumshistorisch stellten Wunderkammern ab dem 16. Jahrhundert in Europa frühe Sammlungskonzepte dar, die die Welt in einem Raum abbilden wollten. In die klassischen Kategorien Naturalia, Scientifica, Artificialia, Antiquitas und Exotica eingeteilt, enthielten sie nicht nur Kunstgegenstände im heutigen Sinn, sondern beispielsweise auch Mineralien, Globen oder Skelette. Später wurden die Wunderkammern von spezialisierten Sammlungen, die wir schließlich heute als Museen bezeichnen, abgelöst. Stellvertretend hierfür steht die im kinder museum ausgestellte, umfangreiche Tassensammlung mit teils ungewöhnlichen Motiven und Formen. 

Wie immer bietet das kinder museum viel Raum zum Mitmachen. Der Besucher kann eine eigene virtuelle Sammlung erstellen, sortieren und bearbeiten; eine Hosentaschensammlung und Weinbergschneckengehäuse bieten entsprechende Anregungen. Historische Ausstellungsstücke können entschlüsselt werden - Bohnenschnippler und Lockenschere erinnern an (Ur-)Großmutters Zeiten. Ein Raum widmet sich der Rekonstruktion, Restaurierung und Aufbewahrungsmöglichkeiten von Kunstgegenständen. Darüber hinaus wächst ein von den Besuchern zu bestückender, interaktiver Textiler Garten und im Eingangsbereich warten 10 Vitrinen auf wechselweise Bestückung durch Sammler. Erste Objekte, wie Radiergummis und eine Barbiesammlung haben hier bereits ihren Platz gefunden. 

Ob Alben für Sammelbildchen, Schlümpfe, eingelegte Insekten, Fußballtrikots, Steifftiere oder Hotelseifen - von witzig-skuril bis leise finden sich hier phantasievolle Wiedererkennungseffekte und Anknüpfungspunkte für jedermann.

Eine liebevoll gestaltete Ausstellung - nicht nur für Kinder :) Zur Eröffnung von Sammelfieber am 24. Februar 2913 um 14:30 Uhr, lädt das kinder museum frankfurt alle Interessierten ein. Wer einen grünen Gegenstand - nicht größer als ein Apfel - mitbringt, kann sich am Entstehen einer temporären Sammlung beteiligen.

Sammelfieber. Von den Dingen und ihrer Geschichte im kinder museum frankfurt. Idee und Konzeption: Martina Dehlinger, Susanne Gesser, Marie-Luise Schultz. Von 24. Februar 2013 bis 5. September 2014.

Samstag, 16. Februar 2013

[Gedanken zwischendurch] Sein und Nichtsein

"Als ich ihr, an einem traurigen Novembertag wars, klagte, wie trostlos es sei, daß Alles vergehen müsse, sagte die alte Frau nur: "Es sin viele, viele Jahr vergange, bis De uff die Erd komme bist, un Du konnst Dich da aach net beklaache, daß De noch net druff warst. Un nachher is es grad so. Un wie Viele komme iwwerhaupt net - sehn nie die Sonn', un der größte un berühmste Lebende steht viel klaaner und winziger noch als e Stecknadelsköppche zwische zwaa lange, unheimlich lange Stücker Schatte." - "

aus: Stern, Fried. "Fried" - Jugendjahre eines Frankfurter Malers. Frankfurt: Verlag des Frankfurter Kunstvereins, 1925, S. 121.

[Kunst-Ausstellung] Yoko Ono. Half-A-Wind Show in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Feuchte Luft in Kapseln

Aus Platzmangel und um für den bevorstehenden Ansturm gerüstet zu sein, fand die Pressekonferenz im Foyer der Schirn statt. Auch und umso mehr war die abendliche Ausstellungseröffnung planmäßig und an den Grenzen der Sicherheit überfüllt. Die Schirn kann Shopping, Koons, Ono - und Marketing.

Gestern noch bei ihrer ausverkauften Performance Sky Piece to Jesus Christ, heute schon in der Pressekonferenz, abends noch schnell bei der Ausstellungseröffnung vorbeischauen, dann weiter. Die zierliche, immer jugendlich wirkende Yoko Ono auf dem Sprung. Zu ihrem 80. Geburtstag am 18. Februar 2013 zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine rund 200 Werke umfassende Retrospektive, die erste ihrer Art in Europa. Die Überblicksausstellung will nicht nur ihr Lebenswerk als Künstlerin, Sängerin und Komponistin präsentieren, sondern alle Facetten ihres Lebens, wie den Einsatz für Umweltschutz, Friedensbewegung, Menschenrechte und Feminismus einbeziehen.  

Die Künstlerin Yoko Ono ist Cut Piece. Sie ist Bed-In, sie ist Grapefruit. Sie macht alles (halb) und nichts (wirklich). Yoko Ono erfindet und vermarktet vor allem Ideen und das ist - verständlicherweise - einer der Hauptgründe, warum wenige ihrer Werke verkauft werden. Eine ihrer Installationen heißt Half-a-Room - halbe Sachen. Oder White Chess Set, ein Schachspiel mit ausschließlich weißen Figuren, das laut Anweisung nur so lange gespielt werden sollte, wie jeder der Spielenden seine eigenen Figuren noch identifizieren kann. Kleine wassergefüllte Flaschen, darauf Etiketten mit den Namen berühmter Persönlichkeiten: "We are all water, in different containers". Schwierig zu sagen, wer Yoko Ono ist. Manches scheint echt und ehrlich, einiges kokettierend oder selbstverliebt, Fassade und Kommerz, vieles im Sinne der Konzeptkunst Wiederholung, verharrend, manches Gewohnheit, funktioniert. 

Was hätte Yoko Ono an dieser Stelle gebloggt? Vielleicht ein großes Nichts oder hätte sie ein Loch in meinen Blog gebohrt, um den Himmel zu sehen? Na, das will ich lieber nicht riskieren :) Wahrscheinlich aber etwas, für das Sie hätten Eintritt oder Gebühren zahlen müssen. Wenn Sie mal tief durchatmen wollen, ziehen Sie sich aus den "Air Dispensers" für je 50 Cent doch einmal feuchte Schirn-Luft für den nächsten Atemzug. Kuratorin Ingrid Pfeiffer bemerkte im Interview mit der Frankfurter Rundschau Yoko Ono stelle vor allem "eine Gegenreaktion" zum Kunstmarkt dar: "Der ist immer großformatiger, immer dominanter, immer geldorientierter." Aber ist Yoko Onos Kunst das nicht? Immaterialität lässt sich vielleicht (bisher) schlecht verkaufen, aber zum Beispiel Performances - und das hat die Schirn ja auch getan.

In der Ausstellung gibt es im Gegenzug zum Eintrittsgeld viel zu Sehen und Auszuprobieren. Mit einer Pipette einen Schwamm beträufeln, seinen Arm in ein Plexiglasbehältnis stecken, in einer Drehtür hängenbleiben oder gegen die Wand des "gläsernen" Labyrinths zu laufen. Sie dürfen nicht alles, aber viel. Nicht unerwähnt soll da natürlich ein kostenloses Gadget bleiben. An den beiden Olivenbäumen im Foyer der Schirn Kunsthalle haben Sie einen Wunsch frei: Make a wish mit einem Wish-Tag an einem Wish-Tree. Und, was wünschen Sie sich? Jetzt aber mal keine Plattitüden, wie den "Weltfrieden", "Freiheit für alle" oder "Make love, not war". Machen Sie sich die Freude und seien ehrlich zu sich selbst - bleibt ja alles unter uns :) Oder wie sagte Yoko Ono auf der Pressekonferenz "Be yourselves!" Tja, ob wir damit die Welt ändern?

Die Ausstellung Yoko Ono. Half-a wind show. Eine Retrospektive stellt eine soliden Abriss der künstlerischen Entwicklung und motivischen Verbundenheit Yoko Onos dar, der Katalog greift die wichtigen Werke und zentrale Themen auf. Ob Yoko Ono, wie die Schirn Kunsthalle postuliert, "eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit" ist und John Cage und George Maciunas in den Schatten stellt? Ich wage es zu bezweifeln. Aber machen Sie sich einfach selbst ein Bild, eine Installation oder lauschen Sie dem Geräusch der Erde bei einer weiteren Umdrehung :)

Yoko Ono. Half-a wind show. Eine Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Noch bis zum 12. Mai 2013. Danach wandert die Ausstellung über das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, in die Kunsthalle Krems sowie an das Guggenheim Museum in Bilbao.

Samstag, 9. Februar 2013

[Kunst-Ausstellung] Zurück zur Klassik in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main

Back to the roots - das alte Griechenland reconsidered, reloaded und remastered

"Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. ... Der Geschmack, den diese Nation ihren Werken gegeben hat, ist ihr eigen geblieben; er hat sich selten weit von Griechenland entfernet, ohne etwas zu verlieren,..."[1] 

Unser Blick auf das alte Griechenland ist multipel manipuliert, überlagert und muss freigeräumt werden. So die These der Ausstellung Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland  in der Liebieghaus Skulpturensammlung - oder wie apl. Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann in der Pressekonferenz zur Ausstellung konstatierte: Die griechische Klassik ist "...ein Referenzpunkt, ob wir wollen oder nicht.". Nicht nur, dass viele Kunstwerke und auch Schrifttum des 5. Jahrhunderts v. Chr. durch Verfall und Zerstörungen verloren sind. Die Sicht auf die griechische Klassik sei zudem verstellt von Klassizismen - und zwar nicht nur jener Zeit die dem Barock folgte, sondern auch von Reminiszenzen des 20. Jahrhunderts, der Renaissance und den Nachbildungen griechischer Bildwerke bereits in römischer Zeit.

"Viele unter den neueren Künstlern haben den griechischen Kontur nachzuahmen gesuchet, und fast niemanden ist es gelungen."[2] 

Der Besucher soll als Zeitreisender im Rückwärtsgang zur griechischen Klassik geführt werden. Die Qual der Wahl zwischen einem schwarzen, schweren Wachstuchvorhang links und einem orange-warnfarbenen rechts, betritt der Besucher das Innere. In Kontrast zum Pink des Katalogs empfängt die schlaglichtartige Abhandlung der Klassik-Rezeption vor dem farblichen Augengraus grellorangener Wandfarbe allover. Beginnend mit dem großformatigen, auf 10.000 Exemplare limitierten (...) Bildband SUMO von Helmut Newton auf einem Philippe Starck-Buchständer. Bewacht wird das Buch von der aus dem Städel Museum entliehenen Statue eines Zehnkämpfers (1931 / Bronzeguss 1936 in Berlin) Richard Scheibes und flankiert von zwei pathetischen Fotografien Walter Heges (1935 / 1938). Tief durchatmen und weiter.

Die folgenden Räume präsentieren mit ausgesuchten Werken von Thorvaldsen, Rottmann und der hauseigenen Ariadne auf dem Panther von Dannecker - die wir bereits im Zusammenspiel Koons' Pink Panther kennen - zunächst den Klassizismus. Dann wird mit Mantegna und Co. die Renaissance und - überraschend - mit zwei Nackten Alten (Daniel Mauch bzw. ohne Zuschreibung, Ulm) in "... grellem Kontrast zur Aphrodite des Praxiteles..."[3] das Spätmittelalter abgehandelt.

Im Parforceritt hat der Besucher nun drei Räume und 1.800 Jahre Kulturgeschichte hinter sich gelassen. Denn der nächste Raum beherbergt bereits römische Kopien griechischer Vorbilder, also Werke aus der Zeit des 2. und 1. Jahrhunderts - vor allem Köpfe und Torsi marmorner Götter- und/oder Athletenbildnisse. In der kleinen Rotunde endlich einige der versprochenen hochkarätigen Leihgaben, Wiederholungen der verlorenen praxitelischen Bronzefigur des Apollon Sauroktonos. Die stark restaurierte Marmorstatue der Musei Vaticani aus augusteischer Zeit wird anschaulich mit vier Replikfragmenten - zwei Torsi aus Basel und Neapel, sowie zwei Köpfen aus Dresden und Würzburg - präsentiert. Die Unterschiede der Werke, die im Lauf von 200 Jahren entstanden, können trotz fehlendem Original im verschiedenen Stilempfinden und Umfang der Rezeption an Körperform, Hautmodellierung und Haarstruktur gut beobachtet werden.

Vor dunkelgrauer Kulisse empfängt der zweite Teil der Ausstellung, die (ursprüngliche) griechische Klassik. Weg mit dem Quietsch-Orange und Eintauchen in beruhigendes Nahezu-Schwarz - bis einer der fehlgeleiteten Deckenstrahler mitten zwischen die Augen trifft... Weg mit schnödem Marmor, zurück zu edler Bronze. Hier sind sie nun, die Originale die unseren Blick befreien sollen. In je einem Raum werden Werke der Späten Klassik und des Hellenismus, der Hochklassik und letztlich der Frühklassik mit Schwerpunkt auf Bronzeplastik und Vasen gezeigt. Während der erste Ausstellungsteil fast ausschließlich mit hauseigenem Material bestückt ist, werden nun internationale Leihgaben, wie der Faustkämpfer vom Quirinal (Museo Nazionale Romano, hier datiert 2. H. 4. Jh. oder 3. Jh. v. Chr.) , das Kapitolinische Pferd (Museo Capitoloni, 5. Jh. v. Chr.), der Kopf des sog. Philosophen von Porticello (pdf-file, Museo Archeologico Nazionale, Reggio Calabria) sowie weitere Werke u.a. aus dem Metropolitan Museum of Art, dem Louvre, dem British Museum und der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin präsentiert. Neben vielfältigen Arten von Vasen steht der Tintenstrahlausdruck auf Nylon des vielfigurigen Jagdfrieses vom Philippsgrab in Vergina (um 330 v. Chr.) für die klassische griechische Malerei. Der Katalogtext klärt über die Ablichtung, restauratorische Rekonstruktion, "'Transplantationen' intakter Areale" und das "Remastering" detailliert auf.[4]

Für den Besucher vielleicht irritierend manche Beschriftung, wie zu einem Frauenkopf: "Kleinasien (?), 4./3. Jh. bis spätes 2. Jh.". Auch an anderen Stellen wären vielleicht glücklichere (hausinterne) Lösungen zu finden gewesen, wie der attisch-weißgrundigen Lekythe aus dem Ende des 5. Jh. (Staatliche Museen zu Berlin), die zwar in ihrer Größe imposant, aber deren Motiv trotz Restaurierung nur entfernt erahnbar ist.

Nachhilfe in Philosophie und Werktechnik kann der Besucher abschließend im Untergeschoss erhalten. Hier ist auch die experimentelle, auf digitaler Basis erstellte Rekonstruktion des Kopfes des Kriegers A von Riace (Original ca. 460-450 v.Chr.) ausgestellt.

"Die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet: glücklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heißt nach Athen reisen;..."[5]

Die Ausstellung fordert den Besucher. Geht er doch einen weiten Weg zurück, dessen Ursprünge und Fundamente - die Entwicklung vor und bis zur griechischen Klassik - und Gründe, warum diese Epoche nicht nur die europäische Kultur bis heute prägt, er nicht kennenlernt - da hilft es auch nicht, die Räume in umgekehrter Reihenfolge zu begehen. Nicht nur im komplexen Zeitlauf der Geschichte mit "nicht-klassizistischen" Auslassungen ist seine Kompetenz gefragt, denn knappe Einführungstexte an den Wänden können fast zwangsläufig nur plakative Aussagen treffen. Auch wird das 20. Jahrhundert und die nachklassizistische Zeit leider tendenziös auf die schräge Kombination ideologischer Formgebung des Nationalsozialismus und Helmut Newton reduziert. Schade, hätten doch beispielsweise Künstler von Klinger über Kokoschka bis Twombly ein anderes Bild der Auseinandersetzung mit der griechischen Antike zeichnen können - das jedoch hätte die These der Ausstellung vielleicht ins Wanken gebracht. Die Gründe für die Auswahl der ausgestellten Werke sind manchmal nur erahnbar. Zudem werden Fachkenntnisse vorausgesetzt, u.a. sowohl geografische Versiertheit, Wissen um Mythologie, die Bedeutung von Vasenformen und deren Bemalung. Die Ausstellung will nicht lehrbuchartig sein, aber Authentizität kreieren und ist doch in ihren Auslassungen und Voraussetzungen pädagogisch-didaktisch nur für den historisch und archäologisch versierten Besucher verständlich.

Vielleicht verhilft der Audioguide oder das Studium des umfangreichen Kataloges zu weiteren Erkenntnissen. Aber auch wenn hier "remastered" und neu arrangiert wurde, letztlich geht die Ausstellung im Allgemeinen leider nicht über den Stand von 1985 hinaus:

"Die Rezeption der Antike ist in ihrer Bedeutung als die wesentliche Grundströmung der abendländischen Kunstgeschichte nicht zu leugnen, als beständige Vorbildersammlung unbestritten."[6]


Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Bis zum 26. Mai 2013.


[1] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 3.
[2] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 15.
[3] Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Katalog der Ausstellung, hrsg. von Vinzenz Brinkmann. München: Hirmer, 2013, S. 315.
[4] Siehe Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Katalog der Ausstellung, hrsg. Vinzenz Brinkmann. München: Hirmer, 2013, S. 335.
[5] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 4.
[6] Bildwerke des Klassizismus. (Liebieghaus - Museum alter Plastik Frankfurt am Main, Führer durch die Sammlungen) Hrsg. Herbert Beck und Peter C. Bol. Frankfurt: Gutenberg Druckerei und Verlag, 1985, S. 127.

Samstag, 2. Februar 2013

[Rezension] Manet malt Monet von Willibald Sauerländer

Urlaubsstimmung an der Seine

Der Umschlag lockt mit dem schwungvollen Pinselstrich des farbenfrohen Gemäldes (Portrait de) Claude Monet peignant sur son bateau-atelier à Argenteuil aus dem Jahr 1874 von Édouard Manet. Doch zunächst wird es ernst. Denn Willibald Sauerländer beginnt seine Darstellung in der Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, der Commune und deren Ende im Frühling 1871. Ein wenig kunst/historischer Background kann nicht schaden, um dem - mitsamt Fußnoten und teils farbigen Abbildungen - nur ca. 70 Seiten starken Bändchen in wechselnden Tempi, Erzählschleifen und Auslassungen zu folgen. 

Von der Niedergeschlagenheit, der traumatisierten Stimmung während und nach den kriegerischen Auseinandersetzungen erzählt Sauerländer. Frankreich ist gezeichnet - aber nicht von seinen Malern. Denn (inter arma silent musae): Viele Künstler waren aus Paris geflüchtet - aufs Land bzw. in andere Länder, oder sie waren, wie Auguste Renoir, zum Kriegsdienst verpflichtet. Claude Monet floh nach London und traf dort auf Camille Pissarro. Édouard Manet blieb, wie Edgar Degas, im belagerten Paris. Die wenigen seiner erhaltenen Werke aus dieser Zeit spiegeln ihn in fast depressivem Duktus tief betroffen wider. Auch beim Familienurlaub am Meer nahe Bordeaux zeigt der Vorfrühling im Intérieur á Arcachon triste Züge oder zumindest nicht die erwartete impressionistische Leichtigkeit - gelangweilter Müßiggang anstelle heiterer Stimmung. 1873 stellt der Pariser Salon neben Manets Gemälde von Berthe Morisot, Le Repos, Le Bon Bock aus, das Sauerländer als "...im Spektrum der Malerei der vie moderne eigentlich als eine künstlerische und gesellschaftliche Entgleisung ..."[1] bezeichnet. Leider erwähnt er nicht, dass die Zeitgenossen begeistert waren - vom Gemälde und dass Manet sich "...endlich gebessert und ein Bild gemalt [habe], an dem man seine Freude haben könne."[2] :)

Manets Malweise ändert sich im Sommer 1874 in Argenteuil. In einem retardierenden Moment führt Sauerländer den Leser aber zunächst in die Welt Monets ein. Und geht interpretatorisch manchmal weit, wenn er beispielsweise dem Gemälde Hotel des roches noires. Trouville" aus dem Jahr 1870 "...eine beinahe Proustsche Atmosphäre..."[3] bescheinigt. Nach der Zeit in London kommt Monet über Holland und Paris mit seiner Familie nach Argenteuil und wohnt in einem von Manet vermittelten Haus mit Garten an der Seine. Hier am Wasser, ob mit Ruderern oder Segelbooten allein oder in der Verbindung mit den beiden Eisenbrücken Argenteuils, wie beispielsweise hier, malte Monet fast nur noch Pleinair. Dazu ließ er - wohl im Jahr 1873 - sein schwimmendes Atelier bauen, das Sauerländer auf Seite 32ff. in Augenschein nimmt.

Während Monet der Bewegung mit Impression, soleil levant aus dem Jahr 1872 ihren Namen gibt, zögert Manet, lehnt die Teilnahme an der Ausstellung 1874 ab und scheitert am Salon. Danach entspannte man sich in Argenteuil, Manet kam zu Besuch zu Monet, und auch Renoir - sie malten sich gegenseitig. Manet adaptierte die Pleinair-Malerei ohne seine Studien am 'Leben', an Situationen, Menschen und Milieu aufzugeben. Seine Farbpalette wird farbiger, kräftiger, leuchtend. Um es mit Sauerländer auszudrücken: "Manet macht also aus dem ihm eigentlich fremden Impressionismus eine sozial spezifisch codierte Erzählweise, oder man könnte auch sagen einen ikonographischen Modus: <Ferienmalerei>."[4]

Im 1874 entstandenen Gemälde Argenteuil, geht es nicht um Fluss oder Brücken, sondern um die inszenierte Abbildung der illustren Freizeitgesellschaft, soziales Rollenspiel vor Landschaft. In dieser Zeit entstanden wahrscheinlich sowohl das unvollendete Doppelportrait "Claude und Camille Monet in dem Boot-Atelier" als auch das Cover-Bild "Monet in seinem Atelier (Argenteuil)", das bis zum Tod in Monets Besitz blieb. Dem Wechsel der ausführlichen Gemäldebeschreibungen Sauerländers lässt sich hier manchmal nur schwer folgen. Mehrmals weist er darin auf das damalige Rollenverständnis hin, "...welche die <Herren> tätig werden läßt, während die <Damen> ohne öffentliche Aktivität schmückend, melancholisch und etwas leer hinter ihnen zurückbleiben."[5]

Ab Seite 55 folgt ein Exkurs zum Sujet des Malers im Atelier. Sauerländer vergleicht das Titelgemälde mit vier älteren Gemälden, u.a. mit Rogier van der Weydens (Werkstatt) Der Evangelist Lukas malt die Madonna (um 1440), das Manet wohl nicht gekannt hat. Er schließt mit der Anmerkung, dass "Manet das traditionelle Atelierbild auf das Wasser und unter den freien Himmel"[6] versetze. Naheliegende Hinweise auf zeitgenössische Gemälde, wie beispielsweise Renoirs Monet peignant son jardin à Argenteuil, fehlen. Das Essay endet mit einem Abstecher zur Einsamkeit des Alters von Monet - und obligatorisch: zur Unergründlichkeit der Seerosen.

Das Titelbild zeigt ein Gemälde seiner Zeit. Das auf der Buchrückseite Versprochene: "Willibald Sauerländers eleganter Text erschließt den Sinn des Bildes als Programmbild einer ganzen Epoche." kann das Bändchen leider nicht einlösen. Wohl auch der Kürze des Textes geschuldet, der überarbeitet aus einem Vortragstext aus dem Jahr 2004 hervorging, werden wesentliche kunst/historische Zusammenhänge dem Wissensschatz des Lesers überlassen. Ein schönes Geschenkbändchen mit Abbildungen auf wertigem Papier - wenngleich ein wenig oberpreisig.


Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet. Ein Sommer in Argenteuil. München: Beck Verlag, 2013 (2012).


[1] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 17.
[2] Duret, Théodore. Eduard Manet. Sein Leben und seine Kunst. Bremen: Europ. Literaturverlag GmbH, 2012, S. 100. (Nachdruck der Ausgabe Berlin: Verlag Paul Cassirer, 1910)
[3] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 20. 
[4] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 42.
[5] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 51.
[6] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 61.

Samstag, 26. Januar 2013

[Theater] Sweet Charity im English Theatre Frankfurt am Main

Rhythm of life is a powerful beat...

Charity Hope Valentines Leben hat beständigen Rhythmus - mit Männern hat sie immer nur Pech. "Charlie" ist ihr auf den Arm tätowiert und ein Handtaschendieb, Filmstar Vittorio braucht eine Seelentrösterin für eine Nacht und der Steuerberater Oscar hat einfach nicht den Mumm, sich zu der Frau seiner Träume zu bekennen. Erneut inszeniert das English Theatre Frankfurt höchst erfolgreich ein Musical. Sweet Charity aus dem Jahr 1966, mit Musik von Cy Coleman und Texten von Dorothy Fields, von Neil Simon für die Bühne adaptiert, basiert auf der filmischen Idee "Le Notti di Cabiria" (1957) von Kino-Altmeister Federico Fellini. Eine rührende, kleine Story auf 2,5 Stunden Spielzeit gedehnt, eine historische Kulisse, bekannte Stücke - wie "Big Spender" - mit Liveband, ein paar Tanzszenen - fertig ist der Sixties-Kassenschlager :)

"Without love, life has no purpose" 
(Charity Hope Valentine)

Das hoffnungslos optimistische Taxigirl Charity (Kate Millest) glaubt an das große Glück, die Liebe und den Traumprinzen - und hat sich selbst doch völlig aus den Augen verloren. Im Tanzlokal "Fandango Ballroom" in New York City unterhält sie, wie ihre illustren, bunt bestrumpften Kolleginnen diverser Nationalitäten, zahlungskräftige Herren.

"The minute you walked in the joint,
I could see you were a man of distinction,
A real big spender,..." 

(Big Spender)

Von ihrem Freund Charlie (Ian Virgo) bestohlen und in einen See des Central Parks - im English Theatre ein überdimensionierter Vorhang - gestoßen, wird sie nur mit viel Glück aus dem Wasser gefischt. Vor dem Pompeji Club trifft sie auf Filmstar Vittorio Vidal (Ian Virgo) - vielmehr reißt er sie auf der Suche nach seiner Freundin Ursula vor der Tür des Clubs zu Boden. Charity bietet sich als Gesellschaft an, fällt in Ohnmacht und landet auf eigenen Wunsch in seinem weichen Himmelbett.

"Tonight I landed, pow!
Right in a pot of jam.
What a set up! Holy cow!
They'd never believe it,
If my friends could see me now!"
(If my friends could see me now)


Als Ursula mit einer Entschuldigung auftaucht, muss Charity die Nacht versteckt im Badezimmer verbringen. Ohne Bildung geht es nicht voran. Also beschließt Charity im Y in der 92th Street Kurse zu belegen. Dem von ihr vielzitierten "fickle finger of the fate" sei Dank, bleibt sie dort mit dem schüchternen, klaustrophobischen Steuerberater Oscar Lindquist (immer noch oder schon wieder Ian Virgo :) im Aufzug stecken.

Nach der Pause nimmt das Musical Fahrt auf. Charity und Oscar swingen in der spacig-verkleidete Flower Power-Untergrund-Gemeinde "The Rhythm of Life Church" des selbsternannten Predigers Daddy Johann Sebastian Brubeck - Alkohol und Drogen inklusive.

“There’s a million pigeons waiting to be hooked on new religions.”
(Rhythm of Life)


Hinsichtlich ihres Berufs hat Charity Oscar belogen, aber er weiß bereits, wo sie arbeitet. Zunächst will er sie trotzdem heiraten, gesteht ihr aber nach einer große Abschiedsparty im "Fandango Ballroom", dass er immer an "die anderen Männer vor ihm" denken muss und daher eine Hochzeit nicht in Frage kommt. Er will sie hindern wegzulaufen - Charity landet wieder im Vorhang-See... Der Kreis schließt sich, aller guten Dinge sind nicht immer drei. Immerhin hat sie dieses Mal ihre Handtasche behalten - kein Happyend, aber das Leben geht weiter.

Die Inszenierung von Ryan McBride ist solide. Das von Diego Pitarch konservativ-plüschig gestaltete Retro-Bühnenbild mit Empore vor einer Großstadtkulisse mit Treppengerüst und für das English Theater typischen wandelbaren Rollcontainern wird dekoriert und belebt von den wechselnden Kostümen des Ensembles - schwarz-weiß gestreift, in bunten Strumpfhosen, futuristisch. Die, mal mehr jazzigen, mal mehr swingenden Rhythmen folgende Musik ist live gespielt, häufig mitreißend, manchmal fast zu perfekt. Kate Millest verkörpert die naive Charity in den Sprechszenen kindlich, überzeugt mit ihrer sonoren Singstimme und imponiert mit akrobatischen Fähigkeiten. Ian Virgo (u.a "Black Hawk Down", TV-Serie "Band of Brothers") schlüpft wandelbar und souverän in alle drei Männerrollen. Das starke Ensemble in der Choreografie von Sam Spencer-Lane synchron, spielt dennoch in den Einzelcharakteren sehr differenziert; vor allem Caroline Deverill und Francesca Ellis begeistern stimmlich als Animierdamen in "Baby, dream your dream".

"And so she lived ... hopefully ... ever after".

Musikalisch gelungen, tänzerisch ansprechend, kostümbildnerisch klassisch hätte der Umsetzung der etwas seichten Story ein wenig mehr Mut gut getan.

Sweet Charity im English Theatre Frankfurt am Main. Noch bis zum 17. Februar 2013.

Samstag, 19. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Kolloquium Raffael: Unklassische Werkprozesse im Städel Museum

Nachwirkungen Einsteinscher Theorie...

Zum Auftakt des wissenschaftlichen Kolloquiums "Raffael als Zeichner" sprach Prof. em. Dr. Werner Busch (Berlin) zum Thema "Unklassische Werkprozesse. Zeichnung und Sinnstiftung". Das Kolloquium findet anlässlich der noch bis zum 3. Februar 2013 geöffneten Ausstellung "Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013 statt.

Nur wenigen Rednern gelingt bei einem öffentlichen Einführungsvortrag zu einem internationalen Expertenkolloquium der Spagat zwischen beidem. Prof em. Dr. Busch, dessen wissenschaftliche Schwerpunkte vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, der Kunsttheorie, Druckgrafik sowie Handzeichnung liegen und der bereits zu Beginn der 1980er Jahre Leiter des Funkkolleg "Kunst" war, hatte sich leider von vornherein für eine Experten-Rede entschieden, die nur einen Teil der Anwesenden ansprach. 

Ausstellung und Kolloquium zum Anlass nehmend entrollte Busch, beginnend bei Raffael einen Bogen spannenden Exkurs über Tintoretto nebst Sohn, hin zu Rembrandt und bis in das Deckengemälde des Treppenhauses der Würzburger Residenz von Tiepolo. Roter Faden des Vortrags war die kunsttheoretische Unterscheidung zwischen dem klassischen und dem unklassischen Bild von Beginn der Renaissance an.

Was ist nun dieses Klassische bzw. Unklassische? Nach einem kurzen Exkurs über die wissenschaftliche Zeichnung stellte Busch zunächst die Kriterien der klassischen Form anhand von Zeichnungen Raffaels unter Bezugnahme auf den von Vasari geprägten Begriff des Disegno vor. Raffaels Zeichnungen stellen demnach bis hin zum Gesamtkonzept direkte Vorzeichnungen für seine Werke dar und bestimmten als Vorgaben, auch im Hinblick auf die Werkstattorganisation, stark und im wesentlichen die Ausführung. Tintoretto hingegen schuf keine Gesamtentwürfe trotz der teilweise sehr hohen Komplexität seiner Werke. Im Gegensatz zu Raffael nehme Tintoretto keine klassische Erzählhaltung ein, so Busch, seine Vorzeichnungen dienten nicht der definitiven Formfindung und ein Probieren und Austarieren des Gesamtbilds sei erst auf der Leinwand erfolgt. Wenn das Ergebnis in etwa den erwartenden / gegebenen Konventionen entsprochen hätte, sei der schöpferische Prozess abgebrochen, jedoch nicht vollendet worden. An Zeichnungen von Rembrandt ging Busch vor allem auf die Vorklärung von thematisch Möglichem und dem Intermediären ein, dem Umstand, dass Rembrandt beim Stocken in der Ausführung eines Bildes häufig die Zeichnung zum Ausprobieren von Lösungen nutzte, der Suche nach Motivmöglichkeiten und Inspirationen nachging. Anhand der Capricci und Scherzi von Tiepolo (datiert in die 1740er Jahre) zeigte Busch zusätzlich die "schamlose" Montierung von Versatzstücken, die mehrfache Verwendung von Figuren in gänzlich voneinander abweichenden Motivzusammenhängen. Tiepolo sei - im Gegensatz zu Raffael - nicht Erzähler, er zeige lediglich, führe das Auge nicht, sondern zerstreue es. Bis hin zu ironischer Motivbehandlung, die Busch anhand des allzu bescheidenen Talerregens des greisenhaften Jupiter an die propere Danae (datiert 1734/36) sowie der Radierung "Anbetung der Könige" (um 1750) aufzeigte, bei der der Heilige Geist am Kind vorbeischrammt und "am Ochsen hängenbleibt" :)

Am Ende des Vortrags grübelt der geneigte Zuhörer, versucht zu verstehen, sortiert im Geiste nach Schwarzweiß-, also Klassisch-Unklassisch-Schema bekannte Gemälde und Zeichnungen durch, ordnet ein, hinterfragt, zweifelt. Da wirft Dr. Martin Sonnabend (Städel, Leiter Grafische Sammlung bis 1750) dem Referenten die Frage zu, ob Raffael denn nicht auch in mancher Hinsicht - oder ob das vielleicht ein Missverständnis sei - das Unklassische repräsentiere. Und Prof. em. Dr. Busch räumt ein, dass es sich bei der Einteilung in das Klassische versus das Unklassische keinesfalls um ein starres, im Gegenteil um ein relatives Beurteilungsschema handele - wenn bspw. Bernini mit Borromini verglichen werde, sei Bernini der Klassische, während ein Vergleich von Bernini mit Poussin letzteren als klassisch hervorbringen würde.

Aha, also doch nichts wirklich Neues - alles bleibt mit Einstein relativ. Vielleicht lassen sich ja Datierungsprobleme von Kunstwerken in Zukunft mit dem Zwillingsparadoxon lösen, Schrödingers Katze ist schließlich auch tot und lebendig - wobei: Buridans Esel verhungert zwischen zwei Heuhaufen... :)

Raffael als Zeichner. Wissenschaftliches Kolloquium im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main - noch bis 3. Februar 2013.

Sonntag, 13. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Frankfurter Positionen 2013: An der Grenze? Über die Zukunft der Moderne

Welche Moderne hätten's denn gern?

Anlässlich der Frankfurter Positionen 2013. Festival für neue Werke finden zum Thema "An der Grenze? Über die Zukunft der Moderne" sowohl Theateraufführungen, Performances und Konzerte an verschiedenen Orten Frankfurts, die Ausstellungseröffnung von unidisplay uni(psycho)acoustic von Carsten Nicolai und Studierenden der Städelschule im MMK Frankfurt als auch ein Symposium im Frankfurt LAB und in der Alten Oper statt.

Als Abschluss der "à jour – Vortragsreihe zu den Frankfurter Positionen" des Instituts für Sozialforschung will das interdisziplinäre Symposium in 4 Panels dem Streit um die Moderne und der Entgrenzung der Künste nachgehen. In den beiden von Prof. Dr. Christoph Menke moderierten Foren 3 und 4 sollen die Phänomene der zunehmenden Vernetzung der Künste, die Auflösung der Genres und der Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst sowie die Frage nach einer Welt-Kunst erörtert werden. Die Gespräche sollen sich nicht mit dem Ende einer - wie auch immer benannten Spät-Nach-, Post-Post-, Zweit-, Dritt- oder Zeitgenössischen - Moderne befassen, sondern mit Prozessen der Begrenzung und Entgrenzung, Entwicklungen, Vielfalt und Gemeinsamkeiten, Auflösung und Fortschritt. Alles im Flow ;)

Der Eintritt zu den Veranstaltungen der Frankfurter Positionen 2013 ist teilweise frei, so u.a. zum Symposium; manchmal mit, manchmal ohne Anmeldung. Leider sind die Strukturen in dieser Hinsicht sehr modern gestaltet, man könnte auch sagen: unübersichtlich.

Frankfurter Positionen 2013. Festival für neue Werke von 18. Januar bis 10. Februar 2013 an verschiedenen Veranstaltungsorten in Frankfurt am Main.

Dienstag, 8. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Kolloquium. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum

Raffael im Visier

Zum Thema "Raffael als Zeichner" findet anlässlich der noch bis zum 3. Februar 2013 geöffneten Ausstellung "Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013 ein wissenschaftliches Kolloquium statt.

Beginnend mit  dem Einführungsvortrag "Unklassische Werkprozesse. Zeichnung und Sinnstiftung" von Prof. em. Dr. Werner Busch (Berlin) wird das Kolloquium an den beiden folgenden Tagen in vier aufeinanderfolgenden Sektionen in englischer Sprache fortgeführt. Von "Drawing Techniques", arbeiten sich hochkarätige Experten über "Technique and Style" und "Style and Function" zu "Raphael's Draughtsmanship" durch. Die Vorträge behandeln nicht nur die von Raffael eingesetzten Zeichentechniken und die Farbgestaltung sowie einzelne Werke im Detail, sondern auch die inspirierende Freundschaft zu Fra Bartolommeo, Erkenntnisse über Schülerzeichnungen auf den Rückseiten von Autografen, moderne Untersuchungsmöglichkeiten, anhand von Raffaels Werkstatt Veränderungen bezüglich der Funktion von Zeichnungen und schließen mit Ausblicken in Richtung Manierismus und Barock.
 
Das wissenschaftliche Kolloquium ist sicherlich auch vor dem Hintergrund der Ausstellung "Raffael und das Porträt Julius’ II. – Das Bild eines Renaissance-Papstes" interessant, die am 8. November 2013 im Städel eröffnet werden wird und Antworten zu offenen Fragen der Zuschreibung geben will.

Die Teilnahme am Abendvortrag wie am wissenschaftlichen Kolloquium ist kostenfrei; um Anmeldung wird bis zum 11. Januar 2013 gebeten.

Raffael als Zeichner. Wissenschaftliches Kolloquium im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main - noch bis 3. Februar 2013.

Samstag, 5. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] TRADING STYLE im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main

Modisches Stimmengewirr

Ein ungewöhnliches Projekt, das über das von einem Museum traditionell Erwartete - Sammeln, Ordnen, (Auf-)Bewahren und Präsentieren - hinausgeht. Das hauseigene Forschungslabor des Weltkulturen Museums ermöglichte vier Mode-Designern bzw. Designer-Teams aus Deutschland, Großbritannien, Nigeria und Australien sich mit ethnografischen Artefakten, Filmen und Fotografien über jeweils mehrere Wochen vertraut zu machen, auseinanderzusetzen und inspirieren zu lassen. Nun sind neue Kreationen und historische Exponate gemeinsam ausgestellt. 

"Weltmode im Dialog" - so der Untertitel. Einen Dialog zwischen alt und neu, zwischen Historie und Zukunft hatte ich erhofft, ein Wechselspiel, ein gegenseitiges Befruchten, Aktion-Reaktion, leise-laut, dunkel-hell, Anregen, Beflügeln, Begeisterung... Hm, vielleicht ein wenig zu euphorisch :)

Aber zunächst von vorn, also vor dem Eingang, den im Halbdunkel zu finden die erste Herausforderung war. Hinein und - unglaublich - hier wird dem Besucher ein fast 50seitiger Ausstellungsführer in die Hand gedrückt - einfach so. Rosafarben, aber kostenlos :) Ich war so verwirrt, dass ich fragte, ob ich ihn am Ausgang wieder abgeben muss... Einladend auch die durch die Villa vorgegebene Struktur mit großem Entrée, Tisch, Stühlen, Katalogen. Links der erste futuristisch anmutende "Krieger", bunt gewandet in einem Mix aus neuguineischer Tanzmaske, togolesischer Baumwoll-Hose und dem Rest - Shirt, Bomber-Jacke, Sweater-Schal, Socken, Kappe, Kette - von P.A.M..

Doch ein bisschen unheimlich, also flux vorbeigeschlichen und in eine wohl-subjektbezogen-sortierte Vitrinenwelt eingetaucht. Hier Kopfbedeckungen - Perücken, Brautkrone, Bollenhut-Leihgabe, Mützen. Dort Taschen - indonesisch, westafrikanisch, aus Seehundfell, Leder, Plastik. Dann Schmuck für Kopf, Ohren, Haare, Arme, Brust... In einer Vitrine werden jeweils locker hundert oder mehr Jahre "zusammengeschaut", dazu an den Wänden dekorative Fotografien. Wann und woher ist angegeben - aber warum und wieso sind die Gegenstände jetzt, hier, beieinander? Eine Art unargumentiertes Überangebot; häufig nur das Gefühl "Ach ja, schön!", "Hm, exotisch!" oder eben "Boeh, wie hässlich!". Eindrücke - kein Begreifen, historisches Einordnen, Gewichten, Verknüpfen, kein Halt, kein Zusammenhang. Ein wenig detektivischer Spürsinn blitzt auf. Wessen Hals trug die Kette aus Jaguarkrallen, zu welchem Anlass wurde der überdimensionierte "Tirolerhut" aus Neuguinea aufgesetzt oder wie fühlten sich die in enge chinesische Schuhe geschnürten Füsse an? Fremde Orte, Jibaro, Ucayali, Kamayurá, Brasilien, Chimbu, Neuguinea. Hm.

Und wo ist das neue Design, die inspirierten Entwürfe, wo der Dialog? Ein erster Hinweis im letzten Raum des Erdgeschosses. Die Fotowand - historische Bilder gemischt mit aktuellen Modefotografien der vier Designer / Designerteams.

Im Obergeschoss wird das Versprechen der Gegenüberstellung, der Verbindung, der Inspiration von Altem zu Neuem teilweise eingelöst. Eine samoanische Bastmatte liegt Seite an Seite mit einem handgestrickten Designer-Pullover aus Wolle - grober Bast zu grobem Strick von "A Kind of a Guise". Neue Batik-Prototypen in Blau, Taupe und Koralle, Mexican Patchwork, Mini Dress und zeitgenössische Fotografien exotischer Orte stehen und liegen bei ethnologischen Artefakten: Masken und Kostümen aus Melanesien, Neuguinea, Indonesien sowie Seifen- und Kräuterteeverpackungen aus Mexiko. Es eint Buntes, Struktur. Eine Wand berieselt mit einem lauten Film, von P.A.M bunt eingekleidete Puppen in Ethnoprints, Karos, einfarbig. Ein Raum mit Netztaschen - zeithistorisch. Neben einem Warnhinweis zeigt der Film "Blood Rites" Körperbemalungen und blutige Tätowierungen. Dazu ein Rucksack (gesammelt 1964), eine Kette mit Metallschlüsseln, massige LED-Ohrpflöcke und edle Seiden- und Baumwollshirts mit Digitalprint von CassettePlaya - inspirierte Muster. Eine Fotoserie mit großflächigen Tattoos von Greg Semu 1994/1995 - sehen aus wie Strumpfhosen. Eine pflanzenfaserne Brauthaube aus Neuguinea im Kontrast zu einem Braided Headdress aus Kunsthaar von Charlie le Mind x CassettePlaya. Rasseln, Flöten und Maultrommeln stehen Kleidungsentwürfen und Ausführungen von Buki Akib in traditionellen, handgewebten Stoffen (Aso Oke) aus Nigeria relativ unvermittelt gegenüber. Kreativ die Collagen von P.A.M, die je einen Frauenkopf mit Tonkrug zeigen; das Gesicht verdeckt, mal mit einem Schildkrötenpanzer, einer Hütte oder einer Art Ameisenhügel. Ohne Erklärung.

Bei über 500 Objekten gibt es viel zu entdecken. Das Gebäude angenehm zurückhaltend, die Ausstellung mal kein beworbener Hype. Ein Ausstellungsführer und Beschriftungen, die allerdings viele Fragezeichen offen lassen. Wahrscheinlich hatten die eingeladenen Künstler viel Freude am kreativen Gestalten, vielleicht haben sie sich von den Artefakten, Filmen und Fotos inspirieren lassen und der Dialog hallt noch wispernd in den Vitrinen wider. Aber als Besucher konnte ich das Gespräch leider nicht belauschen, noch mitreden.

TRADING STYLE - Weltmode im Dialog im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main. Bis zum 31. August 2013.

Die beteiligten Modedesigner:
A Kind of Guise (Deutschland) www.akindofguise.com
CassettePlaya (Großbritannien) www.cassetteplaya.com
Buki Akib (Nigeria) www.bukiakib.com
Perks and Mini / P.A.M (Australien) www.perksandmini.com

Dienstag, 1. Januar 2013

[Rezension] Rotes Gold von Tom Hillenbrand

Zu frischer Fisch

Nach seinem Krimi-Debüt "Teufelsfrucht" ermittelt der Luxemburger Koch Xavier Kieffer in Sachen Sushi. Monsieur Allégret, seines Zeichens Bürgermeister von Paris, hat das Musée d'Orsay kurzerhand für ein privates Sushi-Dinner mit handverlesenen Gästen okkupiert. Darunter auch Xavier als mäßig begeisterter Begleiter seiner Freundin, der Verlegerin des bekannten Restaurantführers Gabin, Valérie. Nach der ersten Vorspeise des exklusiven Omakase allerdings schlägt der japanische Starkoch Ryuunosuke Mifune der Länge nach auf die Holzdielen - Tod durch Fischvergiftung. Für Allégret ein Eklat. Unter Verabreichung einiger Delikatessen bittet er Xavier Kieffer um Nachforschungen - Spesen unbegrenzt. Hat sich ein so erfahrener Sushi-Koch wie Mifune durch Nervengift in Oktopus-Tentakeln aus Versehen selbst vergiftet? Oder ist es doch - Mord? Kiefer ermittelt.

"Rotes Gold" ist eine erfrischende, schwungvolle und spannende Kriminalgeschichte mit einem liebenswert kauzigen Hauptdarsteller. Der rauchende, leicht übergewichtige Koch mit ehrlicher Küche im eigenen Restaurant und elsässischem Humor - sympathisch, bodenständig, Xavier Kieffer. Allerdings: Kieffer fischt zunächst im Trüben. Mit Hilfe seiner Freunde Toro, einem Sushi-Koch, und Pekka Vatanen, einem finnischen EU-Beamten nähert er sich langsam dem Kern der Lügen, Intrigen und Machenschaften um das "Rote Gold", den Bluefin. Die Geschichte greift mit ein paar Seitenhieben auf die Politik die Überfischung unserer Meere auf und der Leser lernt einiges über Fisch, Fischfang, Aufzucht, Fangquoten, illegalen Thunfischhandel, Kalkulation und Handelsspannen, Mafia und Yakuza. Interessante Einblicke in die luxemburgische wie die japanische Kultur und Küche werden gewährt. Manches ist realistisch-unappetitlich beschrieben, wie das Verspeisen eines Ortolans oder die sizilianische Mattanza. Anderes macht Lust auf mehr - also Hunger :) Ein Glossar hilft, wenn das Fachvokabular gar zu abwegig scheint - und auch das Lëtzebuergesche Wëllkarpaangecher und Huesenziwwi zu verstehen.

Insgesamt scheint die Geschichte gut recherchiert; kleine Fauxpas, wie die Forelle als eine Art "preiswertere Meerestiere" (S. 206) zu bezeichnen, inklusive :) Leider scheint das Buch von einer Zigarettenfirma gesponsert, deren Markenname auffällig häufig erwähnt wird. Manchmal gleiten die Landschaftsbeschreibungen ins Episch-Langatmige ab, auch kommen die Nebenfiguren und die Liebesgeschichte des ungleichen Paares für meinen Geschmack zu kurz. Und dem Cover hätte ich sowohl ein bisschen mehr Bezug zur Geschichte, als auch Fantasie gewünscht.

Wer einen Hardcore-Krimi, viel Blut, Action oder einen Thriller erwartet, wird hier enttäuscht. "Rotes Gold" ist eine ruhige Feinschmecker-Kriminalgeschichte mit weitem Spannungsbogen, in ihrer luxemburgischen Art beschaulich und mit Muße zu genießen. Aber ein bisschen Agentenromantik mit Augenzwinkern fehlt auch hier zwischendurch und am Ende nicht :)

Ein kulinarischer Krimi, bei dem schließlich der Induktionsherd nicht mehr der einizge Hotspot ist und ein Fisch enormen Ausmaßes an die Angel geht :) Nicht hungrig lesen! Fortsetzung folgt, im Sommer 2013.

Hillenbrand, Tom. Rotes Gold. Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers zweiter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012.