Samstag, 26. Januar 2013

[Theater] Sweet Charity im English Theatre Frankfurt am Main

Rhythm of life is a powerful beat...

Charity Hope Valentines Leben hat beständigen Rhythmus - mit Männern hat sie immer nur Pech. "Charlie" ist ihr auf den Arm tätowiert und ein Handtaschendieb, Filmstar Vittorio braucht eine Seelentrösterin für eine Nacht und der Steuerberater Oscar hat einfach nicht den Mumm, sich zu der Frau seiner Träume zu bekennen. Erneut inszeniert das English Theatre Frankfurt höchst erfolgreich ein Musical. Sweet Charity aus dem Jahr 1966, mit Musik von Cy Coleman und Texten von Dorothy Fields, von Neil Simon für die Bühne adaptiert, basiert auf der filmischen Idee "Le Notti di Cabiria" (1957) von Kino-Altmeister Federico Fellini. Eine rührende, kleine Story auf 2,5 Stunden Spielzeit gedehnt, eine historische Kulisse, bekannte Stücke - wie "Big Spender" - mit Liveband, ein paar Tanzszenen - fertig ist der Sixties-Kassenschlager :)

"Without love, life has no purpose" 
(Charity Hope Valentine)

Das hoffnungslos optimistische Taxigirl Charity (Kate Millest) glaubt an das große Glück, die Liebe und den Traumprinzen - und hat sich selbst doch völlig aus den Augen verloren. Im Tanzlokal "Fandango Ballroom" in New York City unterhält sie, wie ihre illustren, bunt bestrumpften Kolleginnen diverser Nationalitäten, zahlungskräftige Herren.

"The minute you walked in the joint,
I could see you were a man of distinction,
A real big spender,..." 

(Big Spender)

Von ihrem Freund Charlie (Ian Virgo) bestohlen und in einen See des Central Parks - im English Theatre ein überdimensionierter Vorhang - gestoßen, wird sie nur mit viel Glück aus dem Wasser gefischt. Vor dem Pompeji Club trifft sie auf Filmstar Vittorio Vidal (Ian Virgo) - vielmehr reißt er sie auf der Suche nach seiner Freundin Ursula vor der Tür des Clubs zu Boden. Charity bietet sich als Gesellschaft an, fällt in Ohnmacht und landet auf eigenen Wunsch in seinem weichen Himmelbett.

"Tonight I landed, pow!
Right in a pot of jam.
What a set up! Holy cow!
They'd never believe it,
If my friends could see me now!"
(If my friends could see me now)


Als Ursula mit einer Entschuldigung auftaucht, muss Charity die Nacht versteckt im Badezimmer verbringen. Ohne Bildung geht es nicht voran. Also beschließt Charity im Y in der 92th Street Kurse zu belegen. Dem von ihr vielzitierten "fickle finger of the fate" sei Dank, bleibt sie dort mit dem schüchternen, klaustrophobischen Steuerberater Oscar Lindquist (immer noch oder schon wieder Ian Virgo :) im Aufzug stecken.

Nach der Pause nimmt das Musical Fahrt auf. Charity und Oscar swingen in der spacig-verkleidete Flower Power-Untergrund-Gemeinde "The Rhythm of Life Church" des selbsternannten Predigers Daddy Johann Sebastian Brubeck - Alkohol und Drogen inklusive.

“There’s a million pigeons waiting to be hooked on new religions.”
(Rhythm of Life)


Hinsichtlich ihres Berufs hat Charity Oscar belogen, aber er weiß bereits, wo sie arbeitet. Zunächst will er sie trotzdem heiraten, gesteht ihr aber nach einer große Abschiedsparty im "Fandango Ballroom", dass er immer an "die anderen Männer vor ihm" denken muss und daher eine Hochzeit nicht in Frage kommt. Er will sie hindern wegzulaufen - Charity landet wieder im Vorhang-See... Der Kreis schließt sich, aller guten Dinge sind nicht immer drei. Immerhin hat sie dieses Mal ihre Handtasche behalten - kein Happyend, aber das Leben geht weiter.

Die Inszenierung von Ryan McBride ist solide. Das von Diego Pitarch konservativ-plüschig gestaltete Retro-Bühnenbild mit Empore vor einer Großstadtkulisse mit Treppengerüst und für das English Theater typischen wandelbaren Rollcontainern wird dekoriert und belebt von den wechselnden Kostümen des Ensembles - schwarz-weiß gestreift, in bunten Strumpfhosen, futuristisch. Die, mal mehr jazzigen, mal mehr swingenden Rhythmen folgende Musik ist live gespielt, häufig mitreißend, manchmal fast zu perfekt. Kate Millest verkörpert die naive Charity in den Sprechszenen kindlich, überzeugt mit ihrer sonoren Singstimme und imponiert mit akrobatischen Fähigkeiten. Ian Virgo (u.a "Black Hawk Down", TV-Serie "Band of Brothers") schlüpft wandelbar und souverän in alle drei Männerrollen. Das starke Ensemble in der Choreografie von Sam Spencer-Lane synchron, spielt dennoch in den Einzelcharakteren sehr differenziert; vor allem Caroline Deverill und Francesca Ellis begeistern stimmlich als Animierdamen in "Baby, dream your dream".

"And so she lived ... hopefully ... ever after".

Musikalisch gelungen, tänzerisch ansprechend, kostümbildnerisch klassisch hätte der Umsetzung der etwas seichten Story ein wenig mehr Mut gut getan.

Sweet Charity im English Theatre Frankfurt am Main. Noch bis zum 17. Februar 2013.

Samstag, 19. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Kolloquium Raffael: Unklassische Werkprozesse im Städel Museum

Nachwirkungen Einsteinscher Theorie...

Zum Auftakt des wissenschaftlichen Kolloquiums "Raffael als Zeichner" sprach Prof. em. Dr. Werner Busch (Berlin) zum Thema "Unklassische Werkprozesse. Zeichnung und Sinnstiftung". Das Kolloquium findet anlässlich der noch bis zum 3. Februar 2013 geöffneten Ausstellung "Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013 statt.

Nur wenigen Rednern gelingt bei einem öffentlichen Einführungsvortrag zu einem internationalen Expertenkolloquium der Spagat zwischen beidem. Prof em. Dr. Busch, dessen wissenschaftliche Schwerpunkte vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, der Kunsttheorie, Druckgrafik sowie Handzeichnung liegen und der bereits zu Beginn der 1980er Jahre Leiter des Funkkolleg "Kunst" war, hatte sich leider von vornherein für eine Experten-Rede entschieden, die nur einen Teil der Anwesenden ansprach. 

Ausstellung und Kolloquium zum Anlass nehmend entrollte Busch, beginnend bei Raffael einen Bogen spannenden Exkurs über Tintoretto nebst Sohn, hin zu Rembrandt und bis in das Deckengemälde des Treppenhauses der Würzburger Residenz von Tiepolo. Roter Faden des Vortrags war die kunsttheoretische Unterscheidung zwischen dem klassischen und dem unklassischen Bild von Beginn der Renaissance an.

Was ist nun dieses Klassische bzw. Unklassische? Nach einem kurzen Exkurs über die wissenschaftliche Zeichnung stellte Busch zunächst die Kriterien der klassischen Form anhand von Zeichnungen Raffaels unter Bezugnahme auf den von Vasari geprägten Begriff des Disegno vor. Raffaels Zeichnungen stellen demnach bis hin zum Gesamtkonzept direkte Vorzeichnungen für seine Werke dar und bestimmten als Vorgaben, auch im Hinblick auf die Werkstattorganisation, stark und im wesentlichen die Ausführung. Tintoretto hingegen schuf keine Gesamtentwürfe trotz der teilweise sehr hohen Komplexität seiner Werke. Im Gegensatz zu Raffael nehme Tintoretto keine klassische Erzählhaltung ein, so Busch, seine Vorzeichnungen dienten nicht der definitiven Formfindung und ein Probieren und Austarieren des Gesamtbilds sei erst auf der Leinwand erfolgt. Wenn das Ergebnis in etwa den erwartenden / gegebenen Konventionen entsprochen hätte, sei der schöpferische Prozess abgebrochen, jedoch nicht vollendet worden. An Zeichnungen von Rembrandt ging Busch vor allem auf die Vorklärung von thematisch Möglichem und dem Intermediären ein, dem Umstand, dass Rembrandt beim Stocken in der Ausführung eines Bildes häufig die Zeichnung zum Ausprobieren von Lösungen nutzte, der Suche nach Motivmöglichkeiten und Inspirationen nachging. Anhand der Capricci und Scherzi von Tiepolo (datiert in die 1740er Jahre) zeigte Busch zusätzlich die "schamlose" Montierung von Versatzstücken, die mehrfache Verwendung von Figuren in gänzlich voneinander abweichenden Motivzusammenhängen. Tiepolo sei - im Gegensatz zu Raffael - nicht Erzähler, er zeige lediglich, führe das Auge nicht, sondern zerstreue es. Bis hin zu ironischer Motivbehandlung, die Busch anhand des allzu bescheidenen Talerregens des greisenhaften Jupiter an die propere Danae (datiert 1734/36) sowie der Radierung "Anbetung der Könige" (um 1750) aufzeigte, bei der der Heilige Geist am Kind vorbeischrammt und "am Ochsen hängenbleibt" :)

Am Ende des Vortrags grübelt der geneigte Zuhörer, versucht zu verstehen, sortiert im Geiste nach Schwarzweiß-, also Klassisch-Unklassisch-Schema bekannte Gemälde und Zeichnungen durch, ordnet ein, hinterfragt, zweifelt. Da wirft Dr. Martin Sonnabend (Städel, Leiter Grafische Sammlung bis 1750) dem Referenten die Frage zu, ob Raffael denn nicht auch in mancher Hinsicht - oder ob das vielleicht ein Missverständnis sei - das Unklassische repräsentiere. Und Prof. em. Dr. Busch räumt ein, dass es sich bei der Einteilung in das Klassische versus das Unklassische keinesfalls um ein starres, im Gegenteil um ein relatives Beurteilungsschema handele - wenn bspw. Bernini mit Borromini verglichen werde, sei Bernini der Klassische, während ein Vergleich von Bernini mit Poussin letzteren als klassisch hervorbringen würde.

Aha, also doch nichts wirklich Neues - alles bleibt mit Einstein relativ. Vielleicht lassen sich ja Datierungsprobleme von Kunstwerken in Zukunft mit dem Zwillingsparadoxon lösen, Schrödingers Katze ist schließlich auch tot und lebendig - wobei: Buridans Esel verhungert zwischen zwei Heuhaufen... :)

Raffael als Zeichner. Wissenschaftliches Kolloquium im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main - noch bis 3. Februar 2013.

Sonntag, 13. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Frankfurter Positionen 2013: An der Grenze? Über die Zukunft der Moderne

Welche Moderne hätten's denn gern?

Anlässlich der Frankfurter Positionen 2013. Festival für neue Werke finden zum Thema "An der Grenze? Über die Zukunft der Moderne" sowohl Theateraufführungen, Performances und Konzerte an verschiedenen Orten Frankfurts, die Ausstellungseröffnung von unidisplay uni(psycho)acoustic von Carsten Nicolai und Studierenden der Städelschule im MMK Frankfurt als auch ein Symposium im Frankfurt LAB und in der Alten Oper statt.

Als Abschluss der "à jour – Vortragsreihe zu den Frankfurter Positionen" des Instituts für Sozialforschung will das interdisziplinäre Symposium in 4 Panels dem Streit um die Moderne und der Entgrenzung der Künste nachgehen. In den beiden von Prof. Dr. Christoph Menke moderierten Foren 3 und 4 sollen die Phänomene der zunehmenden Vernetzung der Künste, die Auflösung der Genres und der Grenze zwischen Kunst und Nicht-Kunst sowie die Frage nach einer Welt-Kunst erörtert werden. Die Gespräche sollen sich nicht mit dem Ende einer - wie auch immer benannten Spät-Nach-, Post-Post-, Zweit-, Dritt- oder Zeitgenössischen - Moderne befassen, sondern mit Prozessen der Begrenzung und Entgrenzung, Entwicklungen, Vielfalt und Gemeinsamkeiten, Auflösung und Fortschritt. Alles im Flow ;)

Der Eintritt zu den Veranstaltungen der Frankfurter Positionen 2013 ist teilweise frei, so u.a. zum Symposium; manchmal mit, manchmal ohne Anmeldung. Leider sind die Strukturen in dieser Hinsicht sehr modern gestaltet, man könnte auch sagen: unübersichtlich.

Frankfurter Positionen 2013. Festival für neue Werke von 18. Januar bis 10. Februar 2013 an verschiedenen Veranstaltungsorten in Frankfurt am Main.

Dienstag, 8. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] Kolloquium. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum

Raffael im Visier

Zum Thema "Raffael als Zeichner" findet anlässlich der noch bis zum 3. Februar 2013 geöffneten Ausstellung "Raffael. Zeichnungen" im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013 ein wissenschaftliches Kolloquium statt.

Beginnend mit  dem Einführungsvortrag "Unklassische Werkprozesse. Zeichnung und Sinnstiftung" von Prof. em. Dr. Werner Busch (Berlin) wird das Kolloquium an den beiden folgenden Tagen in vier aufeinanderfolgenden Sektionen in englischer Sprache fortgeführt. Von "Drawing Techniques", arbeiten sich hochkarätige Experten über "Technique and Style" und "Style and Function" zu "Raphael's Draughtsmanship" durch. Die Vorträge behandeln nicht nur die von Raffael eingesetzten Zeichentechniken und die Farbgestaltung sowie einzelne Werke im Detail, sondern auch die inspirierende Freundschaft zu Fra Bartolommeo, Erkenntnisse über Schülerzeichnungen auf den Rückseiten von Autografen, moderne Untersuchungsmöglichkeiten, anhand von Raffaels Werkstatt Veränderungen bezüglich der Funktion von Zeichnungen und schließen mit Ausblicken in Richtung Manierismus und Barock.
 
Das wissenschaftliche Kolloquium ist sicherlich auch vor dem Hintergrund der Ausstellung "Raffael und das Porträt Julius’ II. – Das Bild eines Renaissance-Papstes" interessant, die am 8. November 2013 im Städel eröffnet werden wird und Antworten zu offenen Fragen der Zuschreibung geben will.

Die Teilnahme am Abendvortrag wie am wissenschaftlichen Kolloquium ist kostenfrei; um Anmeldung wird bis zum 11. Januar 2013 gebeten.

Raffael als Zeichner. Wissenschaftliches Kolloquium im Städel Museum in Frankfurt am Main von 18. bis 20. Januar 2013. Raffael. Zeichnungen im Städel Museum in Frankfurt am Main - noch bis 3. Februar 2013.

Samstag, 5. Januar 2013

[Kunst-Ausstellung] TRADING STYLE im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main

Modisches Stimmengewirr

Ein ungewöhnliches Projekt, das über das von einem Museum traditionell Erwartete - Sammeln, Ordnen, (Auf-)Bewahren und Präsentieren - hinausgeht. Das hauseigene Forschungslabor des Weltkulturen Museums ermöglichte vier Mode-Designern bzw. Designer-Teams aus Deutschland, Großbritannien, Nigeria und Australien sich mit ethnografischen Artefakten, Filmen und Fotografien über jeweils mehrere Wochen vertraut zu machen, auseinanderzusetzen und inspirieren zu lassen. Nun sind neue Kreationen und historische Exponate gemeinsam ausgestellt. 

"Weltmode im Dialog" - so der Untertitel. Einen Dialog zwischen alt und neu, zwischen Historie und Zukunft hatte ich erhofft, ein Wechselspiel, ein gegenseitiges Befruchten, Aktion-Reaktion, leise-laut, dunkel-hell, Anregen, Beflügeln, Begeisterung... Hm, vielleicht ein wenig zu euphorisch :)

Aber zunächst von vorn, also vor dem Eingang, den im Halbdunkel zu finden die erste Herausforderung war. Hinein und - unglaublich - hier wird dem Besucher ein fast 50seitiger Ausstellungsführer in die Hand gedrückt - einfach so. Rosafarben, aber kostenlos :) Ich war so verwirrt, dass ich fragte, ob ich ihn am Ausgang wieder abgeben muss... Einladend auch die durch die Villa vorgegebene Struktur mit großem Entrée, Tisch, Stühlen, Katalogen. Links der erste futuristisch anmutende "Krieger", bunt gewandet in einem Mix aus neuguineischer Tanzmaske, togolesischer Baumwoll-Hose und dem Rest - Shirt, Bomber-Jacke, Sweater-Schal, Socken, Kappe, Kette - von P.A.M..

Doch ein bisschen unheimlich, also flux vorbeigeschlichen und in eine wohl-subjektbezogen-sortierte Vitrinenwelt eingetaucht. Hier Kopfbedeckungen - Perücken, Brautkrone, Bollenhut-Leihgabe, Mützen. Dort Taschen - indonesisch, westafrikanisch, aus Seehundfell, Leder, Plastik. Dann Schmuck für Kopf, Ohren, Haare, Arme, Brust... In einer Vitrine werden jeweils locker hundert oder mehr Jahre "zusammengeschaut", dazu an den Wänden dekorative Fotografien. Wann und woher ist angegeben - aber warum und wieso sind die Gegenstände jetzt, hier, beieinander? Eine Art unargumentiertes Überangebot; häufig nur das Gefühl "Ach ja, schön!", "Hm, exotisch!" oder eben "Boeh, wie hässlich!". Eindrücke - kein Begreifen, historisches Einordnen, Gewichten, Verknüpfen, kein Halt, kein Zusammenhang. Ein wenig detektivischer Spürsinn blitzt auf. Wessen Hals trug die Kette aus Jaguarkrallen, zu welchem Anlass wurde der überdimensionierte "Tirolerhut" aus Neuguinea aufgesetzt oder wie fühlten sich die in enge chinesische Schuhe geschnürten Füsse an? Fremde Orte, Jibaro, Ucayali, Kamayurá, Brasilien, Chimbu, Neuguinea. Hm.

Und wo ist das neue Design, die inspirierten Entwürfe, wo der Dialog? Ein erster Hinweis im letzten Raum des Erdgeschosses. Die Fotowand - historische Bilder gemischt mit aktuellen Modefotografien der vier Designer / Designerteams.

Im Obergeschoss wird das Versprechen der Gegenüberstellung, der Verbindung, der Inspiration von Altem zu Neuem teilweise eingelöst. Eine samoanische Bastmatte liegt Seite an Seite mit einem handgestrickten Designer-Pullover aus Wolle - grober Bast zu grobem Strick von "A Kind of a Guise". Neue Batik-Prototypen in Blau, Taupe und Koralle, Mexican Patchwork, Mini Dress und zeitgenössische Fotografien exotischer Orte stehen und liegen bei ethnologischen Artefakten: Masken und Kostümen aus Melanesien, Neuguinea, Indonesien sowie Seifen- und Kräuterteeverpackungen aus Mexiko. Es eint Buntes, Struktur. Eine Wand berieselt mit einem lauten Film, von P.A.M bunt eingekleidete Puppen in Ethnoprints, Karos, einfarbig. Ein Raum mit Netztaschen - zeithistorisch. Neben einem Warnhinweis zeigt der Film "Blood Rites" Körperbemalungen und blutige Tätowierungen. Dazu ein Rucksack (gesammelt 1964), eine Kette mit Metallschlüsseln, massige LED-Ohrpflöcke und edle Seiden- und Baumwollshirts mit Digitalprint von CassettePlaya - inspirierte Muster. Eine Fotoserie mit großflächigen Tattoos von Greg Semu 1994/1995 - sehen aus wie Strumpfhosen. Eine pflanzenfaserne Brauthaube aus Neuguinea im Kontrast zu einem Braided Headdress aus Kunsthaar von Charlie le Mind x CassettePlaya. Rasseln, Flöten und Maultrommeln stehen Kleidungsentwürfen und Ausführungen von Buki Akib in traditionellen, handgewebten Stoffen (Aso Oke) aus Nigeria relativ unvermittelt gegenüber. Kreativ die Collagen von P.A.M, die je einen Frauenkopf mit Tonkrug zeigen; das Gesicht verdeckt, mal mit einem Schildkrötenpanzer, einer Hütte oder einer Art Ameisenhügel. Ohne Erklärung.

Bei über 500 Objekten gibt es viel zu entdecken. Das Gebäude angenehm zurückhaltend, die Ausstellung mal kein beworbener Hype. Ein Ausstellungsführer und Beschriftungen, die allerdings viele Fragezeichen offen lassen. Wahrscheinlich hatten die eingeladenen Künstler viel Freude am kreativen Gestalten, vielleicht haben sie sich von den Artefakten, Filmen und Fotos inspirieren lassen und der Dialog hallt noch wispernd in den Vitrinen wider. Aber als Besucher konnte ich das Gespräch leider nicht belauschen, noch mitreden.

TRADING STYLE - Weltmode im Dialog im Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main. Bis zum 31. August 2013.

Die beteiligten Modedesigner:
A Kind of Guise (Deutschland) www.akindofguise.com
CassettePlaya (Großbritannien) www.cassetteplaya.com
Buki Akib (Nigeria) www.bukiakib.com
Perks and Mini / P.A.M (Australien) www.perksandmini.com

Dienstag, 1. Januar 2013

[Rezension] Rotes Gold von Tom Hillenbrand

Zu frischer Fisch

Nach seinem Krimi-Debüt "Teufelsfrucht" ermittelt der Luxemburger Koch Xavier Kieffer in Sachen Sushi. Monsieur Allégret, seines Zeichens Bürgermeister von Paris, hat das Musée d'Orsay kurzerhand für ein privates Sushi-Dinner mit handverlesenen Gästen okkupiert. Darunter auch Xavier als mäßig begeisterter Begleiter seiner Freundin, der Verlegerin des bekannten Restaurantführers Gabin, Valérie. Nach der ersten Vorspeise des exklusiven Omakase allerdings schlägt der japanische Starkoch Ryuunosuke Mifune der Länge nach auf die Holzdielen - Tod durch Fischvergiftung. Für Allégret ein Eklat. Unter Verabreichung einiger Delikatessen bittet er Xavier Kieffer um Nachforschungen - Spesen unbegrenzt. Hat sich ein so erfahrener Sushi-Koch wie Mifune durch Nervengift in Oktopus-Tentakeln aus Versehen selbst vergiftet? Oder ist es doch - Mord? Kiefer ermittelt.

"Rotes Gold" ist eine erfrischende, schwungvolle und spannende Kriminalgeschichte mit einem liebenswert kauzigen Hauptdarsteller. Der rauchende, leicht übergewichtige Koch mit ehrlicher Küche im eigenen Restaurant und elsässischem Humor - sympathisch, bodenständig, Xavier Kieffer. Allerdings: Kieffer fischt zunächst im Trüben. Mit Hilfe seiner Freunde Toro, einem Sushi-Koch, und Pekka Vatanen, einem finnischen EU-Beamten nähert er sich langsam dem Kern der Lügen, Intrigen und Machenschaften um das "Rote Gold", den Bluefin. Die Geschichte greift mit ein paar Seitenhieben auf die Politik die Überfischung unserer Meere auf und der Leser lernt einiges über Fisch, Fischfang, Aufzucht, Fangquoten, illegalen Thunfischhandel, Kalkulation und Handelsspannen, Mafia und Yakuza. Interessante Einblicke in die luxemburgische wie die japanische Kultur und Küche werden gewährt. Manches ist realistisch-unappetitlich beschrieben, wie das Verspeisen eines Ortolans oder die sizilianische Mattanza. Anderes macht Lust auf mehr - also Hunger :) Ein Glossar hilft, wenn das Fachvokabular gar zu abwegig scheint - und auch das Lëtzebuergesche Wëllkarpaangecher und Huesenziwwi zu verstehen.

Insgesamt scheint die Geschichte gut recherchiert; kleine Fauxpas, wie die Forelle als eine Art "preiswertere Meerestiere" (S. 206) zu bezeichnen, inklusive :) Leider scheint das Buch von einer Zigarettenfirma gesponsert, deren Markenname auffällig häufig erwähnt wird. Manchmal gleiten die Landschaftsbeschreibungen ins Episch-Langatmige ab, auch kommen die Nebenfiguren und die Liebesgeschichte des ungleichen Paares für meinen Geschmack zu kurz. Und dem Cover hätte ich sowohl ein bisschen mehr Bezug zur Geschichte, als auch Fantasie gewünscht.

Wer einen Hardcore-Krimi, viel Blut, Action oder einen Thriller erwartet, wird hier enttäuscht. "Rotes Gold" ist eine ruhige Feinschmecker-Kriminalgeschichte mit weitem Spannungsbogen, in ihrer luxemburgischen Art beschaulich und mit Muße zu genießen. Aber ein bisschen Agentenromantik mit Augenzwinkern fehlt auch hier zwischendurch und am Ende nicht :)

Ein kulinarischer Krimi, bei dem schließlich der Induktionsherd nicht mehr der einizge Hotspot ist und ein Fisch enormen Ausmaßes an die Angel geht :) Nicht hungrig lesen! Fortsetzung folgt, im Sommer 2013.

Hillenbrand, Tom. Rotes Gold. Ein kulinarischer Krimi. Xavier Kieffers zweiter Fall. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012.