Samstag, 26. Januar 2013

[Theater] Sweet Charity im English Theatre Frankfurt am Main

Rhythm of life is a powerful beat...

Charity Hope Valentines Leben hat beständigen Rhythmus - mit Männern hat sie immer nur Pech. "Charlie" ist ihr auf den Arm tätowiert und ein Handtaschendieb, Filmstar Vittorio braucht eine Seelentrösterin für eine Nacht und der Steuerberater Oscar hat einfach nicht den Mumm, sich zu der Frau seiner Träume zu bekennen. Erneut inszeniert das English Theatre Frankfurt höchst erfolgreich ein Musical. Sweet Charity aus dem Jahr 1966, mit Musik von Cy Coleman und Texten von Dorothy Fields, von Neil Simon für die Bühne adaptiert, basiert auf der filmischen Idee "Le Notti di Cabiria" (1957) von Kino-Altmeister Federico Fellini. Eine rührende, kleine Story auf 2,5 Stunden Spielzeit gedehnt, eine historische Kulisse, bekannte Stücke - wie "Big Spender" - mit Liveband, ein paar Tanzszenen - fertig ist der Sixties-Kassenschlager :)

"Without love, life has no purpose" 
(Charity Hope Valentine)

Das hoffnungslos optimistische Taxigirl Charity (Kate Millest) glaubt an das große Glück, die Liebe und den Traumprinzen - und hat sich selbst doch völlig aus den Augen verloren. Im Tanzlokal "Fandango Ballroom" in New York City unterhält sie, wie ihre illustren, bunt bestrumpften Kolleginnen diverser Nationalitäten, zahlungskräftige Herren.

"The minute you walked in the joint,
I could see you were a man of distinction,
A real big spender,..." 

(Big Spender)

Von ihrem Freund Charlie (Ian Virgo) bestohlen und in einen See des Central Parks - im English Theatre ein überdimensionierter Vorhang - gestoßen, wird sie nur mit viel Glück aus dem Wasser gefischt. Vor dem Pompeji Club trifft sie auf Filmstar Vittorio Vidal (Ian Virgo) - vielmehr reißt er sie auf der Suche nach seiner Freundin Ursula vor der Tür des Clubs zu Boden. Charity bietet sich als Gesellschaft an, fällt in Ohnmacht und landet auf eigenen Wunsch in seinem weichen Himmelbett.

"Tonight I landed, pow!
Right in a pot of jam.
What a set up! Holy cow!
They'd never believe it,
If my friends could see me now!"
(If my friends could see me now)


Als Ursula mit einer Entschuldigung auftaucht, muss Charity die Nacht versteckt im Badezimmer verbringen. Ohne Bildung geht es nicht voran. Also beschließt Charity im Y in der 92th Street Kurse zu belegen. Dem von ihr vielzitierten "fickle finger of the fate" sei Dank, bleibt sie dort mit dem schüchternen, klaustrophobischen Steuerberater Oscar Lindquist (immer noch oder schon wieder Ian Virgo :) im Aufzug stecken.

Nach der Pause nimmt das Musical Fahrt auf. Charity und Oscar swingen in der spacig-verkleidete Flower Power-Untergrund-Gemeinde "The Rhythm of Life Church" des selbsternannten Predigers Daddy Johann Sebastian Brubeck - Alkohol und Drogen inklusive.

“There’s a million pigeons waiting to be hooked on new religions.”
(Rhythm of Life)


Hinsichtlich ihres Berufs hat Charity Oscar belogen, aber er weiß bereits, wo sie arbeitet. Zunächst will er sie trotzdem heiraten, gesteht ihr aber nach einer große Abschiedsparty im "Fandango Ballroom", dass er immer an "die anderen Männer vor ihm" denken muss und daher eine Hochzeit nicht in Frage kommt. Er will sie hindern wegzulaufen - Charity landet wieder im Vorhang-See... Der Kreis schließt sich, aller guten Dinge sind nicht immer drei. Immerhin hat sie dieses Mal ihre Handtasche behalten - kein Happyend, aber das Leben geht weiter.

Die Inszenierung von Ryan McBride ist solide. Das von Diego Pitarch konservativ-plüschig gestaltete Retro-Bühnenbild mit Empore vor einer Großstadtkulisse mit Treppengerüst und für das English Theater typischen wandelbaren Rollcontainern wird dekoriert und belebt von den wechselnden Kostümen des Ensembles - schwarz-weiß gestreift, in bunten Strumpfhosen, futuristisch. Die, mal mehr jazzigen, mal mehr swingenden Rhythmen folgende Musik ist live gespielt, häufig mitreißend, manchmal fast zu perfekt. Kate Millest verkörpert die naive Charity in den Sprechszenen kindlich, überzeugt mit ihrer sonoren Singstimme und imponiert mit akrobatischen Fähigkeiten. Ian Virgo (u.a "Black Hawk Down", TV-Serie "Band of Brothers") schlüpft wandelbar und souverän in alle drei Männerrollen. Das starke Ensemble in der Choreografie von Sam Spencer-Lane synchron, spielt dennoch in den Einzelcharakteren sehr differenziert; vor allem Caroline Deverill und Francesca Ellis begeistern stimmlich als Animierdamen in "Baby, dream your dream".

"And so she lived ... hopefully ... ever after".

Musikalisch gelungen, tänzerisch ansprechend, kostümbildnerisch klassisch hätte der Umsetzung der etwas seichten Story ein wenig mehr Mut gut getan.

Sweet Charity im English Theatre Frankfurt am Main. Noch bis zum 17. Februar 2013.

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