Samstag, 23. Februar 2013

[Kunst-Ausstellung] Sammelfieber. Von den Dingen und ihrer Geschichte im kinder museum frankfurt

Wunderkammer, Schlümpfe und aufgespießte Schmetterlinge 

Eichhörnchen sammeln Nüsse, Vögel sammeln Zweige und Halme für ihr Nest, Menschen sammeln Bibi-Blocksberg-Kassetten, Teddybären und Überraschungseier. Irgendetwas stimmt da nicht :) Da grassiert ein Virus, es muss das Fieber sein. Wenn Sie also nicht infiziert werden wollen, meiden Sie das kinder museum. Denn dort ist das Sammelfieber bereits ausgebrochen. Aber vielleicht sind Sie ja bereits angesteckt?

Thema der neuen Ausstellung im kinder museum frankfurt ist das Sammeln. Multimediale Stationen, historische und naturwissenschaftliche Objekte und Werkstationen begleiten den Besucher auf dem Weg durch die 6 interaktiven Ausstellungsbereiche und ermöglichen mit 30 verschiedenen Sammlungen einen Einblick in die Welt des Sammelns, von Ordnen, Forschen, (Auf-)Bewahren und Präsentieren. Alle diese Tätigkeiten bilden sowohl per se die Basis der Arbeit von Museen, Bibliotheken und Archiven, finden sich aber ebenso im privaten Bereich, bei Kindern und Erwachsenen, bis hin zum professionellen Sammler.

I just think of things as beautiful or not. Can't you understand? I don't think of good or bad. Just of beautiful or ugly. I think a lot of nice things are ugly and a lot of nasty things are beautiful.” (John Fowles, The Collector)

Im Kindesalter ist die Sammelleidenschaft häufig am ausgeprägtesten, oft ist auch der materielle Wert nicht entscheidend. Indem sie in möglichst großer Vielfalt gesammelt, katalogisiert und aufbewahrt werden, werden die Erinnerungsstücke in der Sammlung zu Vergewisserungsräumen. Motivation und Zweck des Sammelns kann verschiedene Gründe haben; seltenes und schwer Erhältliches zu besitzen und sich über die Eroberung zu freuen zählen sicher dazu.

Im Kernbereich der Ausstellung ist die Wunderkammer des Dänen Ole Worm nachempfunden, in der es vieles zu entdecken gibt. Museumshistorisch stellten Wunderkammern ab dem 16. Jahrhundert in Europa frühe Sammlungskonzepte dar, die die Welt in einem Raum abbilden wollten. In die klassischen Kategorien Naturalia, Scientifica, Artificialia, Antiquitas und Exotica eingeteilt, enthielten sie nicht nur Kunstgegenstände im heutigen Sinn, sondern beispielsweise auch Mineralien, Globen oder Skelette. Später wurden die Wunderkammern von spezialisierten Sammlungen, die wir schließlich heute als Museen bezeichnen, abgelöst. Stellvertretend hierfür steht die im kinder museum ausgestellte, umfangreiche Tassensammlung mit teils ungewöhnlichen Motiven und Formen. 

Wie immer bietet das kinder museum viel Raum zum Mitmachen. Der Besucher kann eine eigene virtuelle Sammlung erstellen, sortieren und bearbeiten; eine Hosentaschensammlung und Weinbergschneckengehäuse bieten entsprechende Anregungen. Historische Ausstellungsstücke können entschlüsselt werden - Bohnenschnippler und Lockenschere erinnern an (Ur-)Großmutters Zeiten. Ein Raum widmet sich der Rekonstruktion, Restaurierung und Aufbewahrungsmöglichkeiten von Kunstgegenständen. Darüber hinaus wächst ein von den Besuchern zu bestückender, interaktiver Textiler Garten und im Eingangsbereich warten 10 Vitrinen auf wechselweise Bestückung durch Sammler. Erste Objekte, wie Radiergummis und eine Barbiesammlung haben hier bereits ihren Platz gefunden. 

Ob Alben für Sammelbildchen, Schlümpfe, eingelegte Insekten, Fußballtrikots, Steifftiere oder Hotelseifen - von witzig-skuril bis leise finden sich hier phantasievolle Wiedererkennungseffekte und Anknüpfungspunkte für jedermann.

Eine liebevoll gestaltete Ausstellung - nicht nur für Kinder :) Zur Eröffnung von Sammelfieber am 24. Februar 2913 um 14:30 Uhr, lädt das kinder museum frankfurt alle Interessierten ein. Wer einen grünen Gegenstand - nicht größer als ein Apfel - mitbringt, kann sich am Entstehen einer temporären Sammlung beteiligen.

Sammelfieber. Von den Dingen und ihrer Geschichte im kinder museum frankfurt. Idee und Konzeption: Martina Dehlinger, Susanne Gesser, Marie-Luise Schultz. Von 24. Februar 2013 bis 5. September 2014.

Samstag, 16. Februar 2013

[Gedanken zwischendurch] Sein und Nichtsein

"Als ich ihr, an einem traurigen Novembertag wars, klagte, wie trostlos es sei, daß Alles vergehen müsse, sagte die alte Frau nur: "Es sin viele, viele Jahr vergange, bis De uff die Erd komme bist, un Du konnst Dich da aach net beklaache, daß De noch net druff warst. Un nachher is es grad so. Un wie Viele komme iwwerhaupt net - sehn nie die Sonn', un der größte un berühmste Lebende steht viel klaaner und winziger noch als e Stecknadelsköppche zwische zwaa lange, unheimlich lange Stücker Schatte." - "

aus: Stern, Fried. "Fried" - Jugendjahre eines Frankfurter Malers. Frankfurt: Verlag des Frankfurter Kunstvereins, 1925, S. 121.

[Kunst-Ausstellung] Yoko Ono. Half-A-Wind Show in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Feuchte Luft in Kapseln

Aus Platzmangel und um für den bevorstehenden Ansturm gerüstet zu sein, fand die Pressekonferenz im Foyer der Schirn statt. Auch und umso mehr war die abendliche Ausstellungseröffnung planmäßig und an den Grenzen der Sicherheit überfüllt. Die Schirn kann Shopping, Koons, Ono - und Marketing.

Gestern noch bei ihrer ausverkauften Performance Sky Piece to Jesus Christ, heute schon in der Pressekonferenz, abends noch schnell bei der Ausstellungseröffnung vorbeischauen, dann weiter. Die zierliche, immer jugendlich wirkende Yoko Ono auf dem Sprung. Zu ihrem 80. Geburtstag am 18. Februar 2013 zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine rund 200 Werke umfassende Retrospektive, die erste ihrer Art in Europa. Die Überblicksausstellung will nicht nur ihr Lebenswerk als Künstlerin, Sängerin und Komponistin präsentieren, sondern alle Facetten ihres Lebens, wie den Einsatz für Umweltschutz, Friedensbewegung, Menschenrechte und Feminismus einbeziehen.  

Die Künstlerin Yoko Ono ist Cut Piece. Sie ist Bed-In, sie ist Grapefruit. Sie macht alles (halb) und nichts (wirklich). Yoko Ono erfindet und vermarktet vor allem Ideen und das ist - verständlicherweise - einer der Hauptgründe, warum wenige ihrer Werke verkauft werden. Eine ihrer Installationen heißt Half-a-Room - halbe Sachen. Oder White Chess Set, ein Schachspiel mit ausschließlich weißen Figuren, das laut Anweisung nur so lange gespielt werden sollte, wie jeder der Spielenden seine eigenen Figuren noch identifizieren kann. Kleine wassergefüllte Flaschen, darauf Etiketten mit den Namen berühmter Persönlichkeiten: "We are all water, in different containers". Schwierig zu sagen, wer Yoko Ono ist. Manches scheint echt und ehrlich, einiges kokettierend oder selbstverliebt, Fassade und Kommerz, vieles im Sinne der Konzeptkunst Wiederholung, verharrend, manches Gewohnheit, funktioniert. 

Was hätte Yoko Ono an dieser Stelle gebloggt? Vielleicht ein großes Nichts oder hätte sie ein Loch in meinen Blog gebohrt, um den Himmel zu sehen? Na, das will ich lieber nicht riskieren :) Wahrscheinlich aber etwas, für das Sie hätten Eintritt oder Gebühren zahlen müssen. Wenn Sie mal tief durchatmen wollen, ziehen Sie sich aus den "Air Dispensers" für je 50 Cent doch einmal feuchte Schirn-Luft für den nächsten Atemzug. Kuratorin Ingrid Pfeiffer bemerkte im Interview mit der Frankfurter Rundschau Yoko Ono stelle vor allem "eine Gegenreaktion" zum Kunstmarkt dar: "Der ist immer großformatiger, immer dominanter, immer geldorientierter." Aber ist Yoko Onos Kunst das nicht? Immaterialität lässt sich vielleicht (bisher) schlecht verkaufen, aber zum Beispiel Performances - und das hat die Schirn ja auch getan.

In der Ausstellung gibt es im Gegenzug zum Eintrittsgeld viel zu Sehen und Auszuprobieren. Mit einer Pipette einen Schwamm beträufeln, seinen Arm in ein Plexiglasbehältnis stecken, in einer Drehtür hängenbleiben oder gegen die Wand des "gläsernen" Labyrinths zu laufen. Sie dürfen nicht alles, aber viel. Nicht unerwähnt soll da natürlich ein kostenloses Gadget bleiben. An den beiden Olivenbäumen im Foyer der Schirn Kunsthalle haben Sie einen Wunsch frei: Make a wish mit einem Wish-Tag an einem Wish-Tree. Und, was wünschen Sie sich? Jetzt aber mal keine Plattitüden, wie den "Weltfrieden", "Freiheit für alle" oder "Make love, not war". Machen Sie sich die Freude und seien ehrlich zu sich selbst - bleibt ja alles unter uns :) Oder wie sagte Yoko Ono auf der Pressekonferenz "Be yourselves!" Tja, ob wir damit die Welt ändern?

Die Ausstellung Yoko Ono. Half-a wind show. Eine Retrospektive stellt eine soliden Abriss der künstlerischen Entwicklung und motivischen Verbundenheit Yoko Onos dar, der Katalog greift die wichtigen Werke und zentrale Themen auf. Ob Yoko Ono, wie die Schirn Kunsthalle postuliert, "eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit" ist und John Cage und George Maciunas in den Schatten stellt? Ich wage es zu bezweifeln. Aber machen Sie sich einfach selbst ein Bild, eine Installation oder lauschen Sie dem Geräusch der Erde bei einer weiteren Umdrehung :)

Yoko Ono. Half-a wind show. Eine Retrospektive in der Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Noch bis zum 12. Mai 2013. Danach wandert die Ausstellung über das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæk, in die Kunsthalle Krems sowie an das Guggenheim Museum in Bilbao.

Samstag, 9. Februar 2013

[Kunst-Ausstellung] Zurück zur Klassik in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main

Back to the roots - das alte Griechenland reconsidered, reloaded und remastered

"Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. ... Der Geschmack, den diese Nation ihren Werken gegeben hat, ist ihr eigen geblieben; er hat sich selten weit von Griechenland entfernet, ohne etwas zu verlieren,..."[1] 

Unser Blick auf das alte Griechenland ist multipel manipuliert, überlagert und muss freigeräumt werden. So die These der Ausstellung Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland  in der Liebieghaus Skulpturensammlung - oder wie apl. Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann in der Pressekonferenz zur Ausstellung konstatierte: Die griechische Klassik ist "...ein Referenzpunkt, ob wir wollen oder nicht.". Nicht nur, dass viele Kunstwerke und auch Schrifttum des 5. Jahrhunderts v. Chr. durch Verfall und Zerstörungen verloren sind. Die Sicht auf die griechische Klassik sei zudem verstellt von Klassizismen - und zwar nicht nur jener Zeit die dem Barock folgte, sondern auch von Reminiszenzen des 20. Jahrhunderts, der Renaissance und den Nachbildungen griechischer Bildwerke bereits in römischer Zeit.

"Viele unter den neueren Künstlern haben den griechischen Kontur nachzuahmen gesuchet, und fast niemanden ist es gelungen."[2] 

Der Besucher soll als Zeitreisender im Rückwärtsgang zur griechischen Klassik geführt werden. Die Qual der Wahl zwischen einem schwarzen, schweren Wachstuchvorhang links und einem orange-warnfarbenen rechts, betritt der Besucher das Innere. In Kontrast zum Pink des Katalogs empfängt die schlaglichtartige Abhandlung der Klassik-Rezeption vor dem farblichen Augengraus grellorangener Wandfarbe allover. Beginnend mit dem großformatigen, auf 10.000 Exemplare limitierten (...) Bildband SUMO von Helmut Newton auf einem Philippe Starck-Buchständer. Bewacht wird das Buch von der aus dem Städel Museum entliehenen Statue eines Zehnkämpfers (1931 / Bronzeguss 1936 in Berlin) Richard Scheibes und flankiert von zwei pathetischen Fotografien Walter Heges (1935 / 1938). Tief durchatmen und weiter.

Die folgenden Räume präsentieren mit ausgesuchten Werken von Thorvaldsen, Rottmann und der hauseigenen Ariadne auf dem Panther von Dannecker - die wir bereits im Zusammenspiel Koons' Pink Panther kennen - zunächst den Klassizismus. Dann wird mit Mantegna und Co. die Renaissance und - überraschend - mit zwei Nackten Alten (Daniel Mauch bzw. ohne Zuschreibung, Ulm) in "... grellem Kontrast zur Aphrodite des Praxiteles..."[3] das Spätmittelalter abgehandelt.

Im Parforceritt hat der Besucher nun drei Räume und 1.800 Jahre Kulturgeschichte hinter sich gelassen. Denn der nächste Raum beherbergt bereits römische Kopien griechischer Vorbilder, also Werke aus der Zeit des 2. und 1. Jahrhunderts - vor allem Köpfe und Torsi marmorner Götter- und/oder Athletenbildnisse. In der kleinen Rotunde endlich einige der versprochenen hochkarätigen Leihgaben, Wiederholungen der verlorenen praxitelischen Bronzefigur des Apollon Sauroktonos. Die stark restaurierte Marmorstatue der Musei Vaticani aus augusteischer Zeit wird anschaulich mit vier Replikfragmenten - zwei Torsi aus Basel und Neapel, sowie zwei Köpfen aus Dresden und Würzburg - präsentiert. Die Unterschiede der Werke, die im Lauf von 200 Jahren entstanden, können trotz fehlendem Original im verschiedenen Stilempfinden und Umfang der Rezeption an Körperform, Hautmodellierung und Haarstruktur gut beobachtet werden.

Vor dunkelgrauer Kulisse empfängt der zweite Teil der Ausstellung, die (ursprüngliche) griechische Klassik. Weg mit dem Quietsch-Orange und Eintauchen in beruhigendes Nahezu-Schwarz - bis einer der fehlgeleiteten Deckenstrahler mitten zwischen die Augen trifft... Weg mit schnödem Marmor, zurück zu edler Bronze. Hier sind sie nun, die Originale die unseren Blick befreien sollen. In je einem Raum werden Werke der Späten Klassik und des Hellenismus, der Hochklassik und letztlich der Frühklassik mit Schwerpunkt auf Bronzeplastik und Vasen gezeigt. Während der erste Ausstellungsteil fast ausschließlich mit hauseigenem Material bestückt ist, werden nun internationale Leihgaben, wie der Faustkämpfer vom Quirinal (Museo Nazionale Romano, hier datiert 2. H. 4. Jh. oder 3. Jh. v. Chr.) , das Kapitolinische Pferd (Museo Capitoloni, 5. Jh. v. Chr.), der Kopf des sog. Philosophen von Porticello (pdf-file, Museo Archeologico Nazionale, Reggio Calabria) sowie weitere Werke u.a. aus dem Metropolitan Museum of Art, dem Louvre, dem British Museum und der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin präsentiert. Neben vielfältigen Arten von Vasen steht der Tintenstrahlausdruck auf Nylon des vielfigurigen Jagdfrieses vom Philippsgrab in Vergina (um 330 v. Chr.) für die klassische griechische Malerei. Der Katalogtext klärt über die Ablichtung, restauratorische Rekonstruktion, "'Transplantationen' intakter Areale" und das "Remastering" detailliert auf.[4]

Für den Besucher vielleicht irritierend manche Beschriftung, wie zu einem Frauenkopf: "Kleinasien (?), 4./3. Jh. bis spätes 2. Jh.". Auch an anderen Stellen wären vielleicht glücklichere (hausinterne) Lösungen zu finden gewesen, wie der attisch-weißgrundigen Lekythe aus dem Ende des 5. Jh. (Staatliche Museen zu Berlin), die zwar in ihrer Größe imposant, aber deren Motiv trotz Restaurierung nur entfernt erahnbar ist.

Nachhilfe in Philosophie und Werktechnik kann der Besucher abschließend im Untergeschoss erhalten. Hier ist auch die experimentelle, auf digitaler Basis erstellte Rekonstruktion des Kopfes des Kriegers A von Riace (Original ca. 460-450 v.Chr.) ausgestellt.

"Die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet: glücklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heißt nach Athen reisen;..."[5]

Die Ausstellung fordert den Besucher. Geht er doch einen weiten Weg zurück, dessen Ursprünge und Fundamente - die Entwicklung vor und bis zur griechischen Klassik - und Gründe, warum diese Epoche nicht nur die europäische Kultur bis heute prägt, er nicht kennenlernt - da hilft es auch nicht, die Räume in umgekehrter Reihenfolge zu begehen. Nicht nur im komplexen Zeitlauf der Geschichte mit "nicht-klassizistischen" Auslassungen ist seine Kompetenz gefragt, denn knappe Einführungstexte an den Wänden können fast zwangsläufig nur plakative Aussagen treffen. Auch wird das 20. Jahrhundert und die nachklassizistische Zeit leider tendenziös auf die schräge Kombination ideologischer Formgebung des Nationalsozialismus und Helmut Newton reduziert. Schade, hätten doch beispielsweise Künstler von Klinger über Kokoschka bis Twombly ein anderes Bild der Auseinandersetzung mit der griechischen Antike zeichnen können - das jedoch hätte die These der Ausstellung vielleicht ins Wanken gebracht. Die Gründe für die Auswahl der ausgestellten Werke sind manchmal nur erahnbar. Zudem werden Fachkenntnisse vorausgesetzt, u.a. sowohl geografische Versiertheit, Wissen um Mythologie, die Bedeutung von Vasenformen und deren Bemalung. Die Ausstellung will nicht lehrbuchartig sein, aber Authentizität kreieren und ist doch in ihren Auslassungen und Voraussetzungen pädagogisch-didaktisch nur für den historisch und archäologisch versierten Besucher verständlich.

Vielleicht verhilft der Audioguide oder das Studium des umfangreichen Kataloges zu weiteren Erkenntnissen. Aber auch wenn hier "remastered" und neu arrangiert wurde, letztlich geht die Ausstellung im Allgemeinen leider nicht über den Stand von 1985 hinaus:

"Die Rezeption der Antike ist in ihrer Bedeutung als die wesentliche Grundströmung der abendländischen Kunstgeschichte nicht zu leugnen, als beständige Vorbildersammlung unbestritten."[6]


Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Bis zum 26. Mai 2013.


[1] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 3.
[2] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 15.
[3] Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Katalog der Ausstellung, hrsg. von Vinzenz Brinkmann. München: Hirmer, 2013, S. 315.
[4] Siehe Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Katalog der Ausstellung, hrsg. Vinzenz Brinkmann. München: Hirmer, 2013, S. 335.
[5] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 4.
[6] Bildwerke des Klassizismus. (Liebieghaus - Museum alter Plastik Frankfurt am Main, Führer durch die Sammlungen) Hrsg. Herbert Beck und Peter C. Bol. Frankfurt: Gutenberg Druckerei und Verlag, 1985, S. 127.

Samstag, 2. Februar 2013

[Rezension] Manet malt Monet von Willibald Sauerländer

Urlaubsstimmung an der Seine

Der Umschlag lockt mit dem schwungvollen Pinselstrich des farbenfrohen Gemäldes (Portrait de) Claude Monet peignant sur son bateau-atelier à Argenteuil aus dem Jahr 1874 von Édouard Manet. Doch zunächst wird es ernst. Denn Willibald Sauerländer beginnt seine Darstellung in der Zeit des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71, der Commune und deren Ende im Frühling 1871. Ein wenig kunst/historischer Background kann nicht schaden, um dem - mitsamt Fußnoten und teils farbigen Abbildungen - nur ca. 70 Seiten starken Bändchen in wechselnden Tempi, Erzählschleifen und Auslassungen zu folgen. 

Von der Niedergeschlagenheit, der traumatisierten Stimmung während und nach den kriegerischen Auseinandersetzungen erzählt Sauerländer. Frankreich ist gezeichnet - aber nicht von seinen Malern. Denn (inter arma silent musae): Viele Künstler waren aus Paris geflüchtet - aufs Land bzw. in andere Länder, oder sie waren, wie Auguste Renoir, zum Kriegsdienst verpflichtet. Claude Monet floh nach London und traf dort auf Camille Pissarro. Édouard Manet blieb, wie Edgar Degas, im belagerten Paris. Die wenigen seiner erhaltenen Werke aus dieser Zeit spiegeln ihn in fast depressivem Duktus tief betroffen wider. Auch beim Familienurlaub am Meer nahe Bordeaux zeigt der Vorfrühling im Intérieur á Arcachon triste Züge oder zumindest nicht die erwartete impressionistische Leichtigkeit - gelangweilter Müßiggang anstelle heiterer Stimmung. 1873 stellt der Pariser Salon neben Manets Gemälde von Berthe Morisot, Le Repos, Le Bon Bock aus, das Sauerländer als "...im Spektrum der Malerei der vie moderne eigentlich als eine künstlerische und gesellschaftliche Entgleisung ..."[1] bezeichnet. Leider erwähnt er nicht, dass die Zeitgenossen begeistert waren - vom Gemälde und dass Manet sich "...endlich gebessert und ein Bild gemalt [habe], an dem man seine Freude haben könne."[2] :)

Manets Malweise ändert sich im Sommer 1874 in Argenteuil. In einem retardierenden Moment führt Sauerländer den Leser aber zunächst in die Welt Monets ein. Und geht interpretatorisch manchmal weit, wenn er beispielsweise dem Gemälde Hotel des roches noires. Trouville" aus dem Jahr 1870 "...eine beinahe Proustsche Atmosphäre..."[3] bescheinigt. Nach der Zeit in London kommt Monet über Holland und Paris mit seiner Familie nach Argenteuil und wohnt in einem von Manet vermittelten Haus mit Garten an der Seine. Hier am Wasser, ob mit Ruderern oder Segelbooten allein oder in der Verbindung mit den beiden Eisenbrücken Argenteuils, wie beispielsweise hier, malte Monet fast nur noch Pleinair. Dazu ließ er - wohl im Jahr 1873 - sein schwimmendes Atelier bauen, das Sauerländer auf Seite 32ff. in Augenschein nimmt.

Während Monet der Bewegung mit Impression, soleil levant aus dem Jahr 1872 ihren Namen gibt, zögert Manet, lehnt die Teilnahme an der Ausstellung 1874 ab und scheitert am Salon. Danach entspannte man sich in Argenteuil, Manet kam zu Besuch zu Monet, und auch Renoir - sie malten sich gegenseitig. Manet adaptierte die Pleinair-Malerei ohne seine Studien am 'Leben', an Situationen, Menschen und Milieu aufzugeben. Seine Farbpalette wird farbiger, kräftiger, leuchtend. Um es mit Sauerländer auszudrücken: "Manet macht also aus dem ihm eigentlich fremden Impressionismus eine sozial spezifisch codierte Erzählweise, oder man könnte auch sagen einen ikonographischen Modus: <Ferienmalerei>."[4]

Im 1874 entstandenen Gemälde Argenteuil, geht es nicht um Fluss oder Brücken, sondern um die inszenierte Abbildung der illustren Freizeitgesellschaft, soziales Rollenspiel vor Landschaft. In dieser Zeit entstanden wahrscheinlich sowohl das unvollendete Doppelportrait "Claude und Camille Monet in dem Boot-Atelier" als auch das Cover-Bild "Monet in seinem Atelier (Argenteuil)", das bis zum Tod in Monets Besitz blieb. Dem Wechsel der ausführlichen Gemäldebeschreibungen Sauerländers lässt sich hier manchmal nur schwer folgen. Mehrmals weist er darin auf das damalige Rollenverständnis hin, "...welche die <Herren> tätig werden läßt, während die <Damen> ohne öffentliche Aktivität schmückend, melancholisch und etwas leer hinter ihnen zurückbleiben."[5]

Ab Seite 55 folgt ein Exkurs zum Sujet des Malers im Atelier. Sauerländer vergleicht das Titelgemälde mit vier älteren Gemälden, u.a. mit Rogier van der Weydens (Werkstatt) Der Evangelist Lukas malt die Madonna (um 1440), das Manet wohl nicht gekannt hat. Er schließt mit der Anmerkung, dass "Manet das traditionelle Atelierbild auf das Wasser und unter den freien Himmel"[6] versetze. Naheliegende Hinweise auf zeitgenössische Gemälde, wie beispielsweise Renoirs Monet peignant son jardin à Argenteuil, fehlen. Das Essay endet mit einem Abstecher zur Einsamkeit des Alters von Monet - und obligatorisch: zur Unergründlichkeit der Seerosen.

Das Titelbild zeigt ein Gemälde seiner Zeit. Das auf der Buchrückseite Versprochene: "Willibald Sauerländers eleganter Text erschließt den Sinn des Bildes als Programmbild einer ganzen Epoche." kann das Bändchen leider nicht einlösen. Wohl auch der Kürze des Textes geschuldet, der überarbeitet aus einem Vortragstext aus dem Jahr 2004 hervorging, werden wesentliche kunst/historische Zusammenhänge dem Wissensschatz des Lesers überlassen. Ein schönes Geschenkbändchen mit Abbildungen auf wertigem Papier - wenngleich ein wenig oberpreisig.


Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet. Ein Sommer in Argenteuil. München: Beck Verlag, 2013 (2012).


[1] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 17.
[2] Duret, Théodore. Eduard Manet. Sein Leben und seine Kunst. Bremen: Europ. Literaturverlag GmbH, 2012, S. 100. (Nachdruck der Ausgabe Berlin: Verlag Paul Cassirer, 1910)
[3] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 20. 
[4] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 42.
[5] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 51.
[6] Sauerländer, Willibald. Manet malt Monet, S. 61.