Freitag, 1. März 2013

[Kunst-Ausstellung] Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Pas (de) Deux - Gepaartes Nichtsein in sieben Räumen

Schwanensee, Giselle, Schirn? Mit rund 100 Werken zeigt die Schirn Kunsthalle in "Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger" 14 künstlerische Positionen vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Wandtext der Einführung verheißt: Jenseits von stilorientierten Fragestellungen geht die Ausstellung von einer Vielfalt ganz individueller letzter Bilder aus, ohne allzu leichtfertig nach vordergründigen Gemeinsamkeiten zu suchen. Andererseits will sie Dialoge zwischen den Spätwerken je zweier Künstler pro Ausstellungsraum herstellen - ein spielerisch-tänzelnder Spagat.

Das Entrée klassisch französisch besetzt: Manet trifft Monet - oder umgekehrt. Eine bekannte Maler-Paarung - hier in berühmten, überdimensionierten Seerosen, dort in kleinformatigen, bourgeoisen Blumen-in-Vasen-Bildern. Monets Schaffen wandelt sich zum Ende nachdrücklich in starker Formabstraktion hin zu expressiv-aufgelösten Strukturen in Großformat. Manet starb allerdings bereits 1883 51-jährig in Paris, Monet erst 1926 mit 86 Jahren in Giverny, also von vornherein kein adäquater Vergleich. Zudem wird Manet die selektive Auswahl angestaubter "Hängt bei Oma über dem Sofa"-Bilder mit Schnörkelrahmen-Charme, auch wenn sie die allerletzten, vom Krankenbett aus gemalten Werke sind, in der Gesamtsicht nicht gerecht. Neben Blumen und Stillleben malte er, seit dem Herbst 1879 durch Krankheit geschwächt, in seinen letzten Jahren kraftvolle Porträts, Pleinairs, wie Jeune fille dans le jardin de bellevue und z.B. die Bar aux Folies-Bergère. Zumindest ein Hinweis hierauf fehlt.

Matisse - bereits mit letzten Werken in einer Einzelausstellung zu Gast in der Schirn - und de Kooning bilden im nächsten Raum ein Intermezzo. Das berühmte Buchprojekt Jazz steht großformatigen, abstrakten und titellosen Gemälden in geschwungenen Bögen gegenüber. Gemeinsamkeiten zu finden fällt schwer, die Gegenüberstellung wirft keine Rätsel auf. Schön/Nicht schön und/oder bunt. Auch im nächsten Raum wird das Adage zwar langsam und ausdrucksvoll, aber séparé getanzt. Es begegnen sich zwei Künstler, die durch gravierende körperliche Einschränkungen zu Änderungen im Ausdruck gezwungen waren. Die abstrakten Gesichter Jawlenskys werden kleiner, formelhafter, etwas düster; besonders nah geht aber der tonlose Film Chinese Series von Stan Brakhage, dessen Filmmaterial er mit Speichel einweichte und mit seinen Fingernägeln Ritzungen ähnlich chinesischer Schriftzeichen einfügte.

Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.
(Joseph von Eichendorff)

Variationen für Tänzer und Tänzerin folgen nun im klassischen Pas de Deux. Im nächsten Raum tauscht also Georgia O'Keefe Blüten gegen quergestreifte Himmel-Erde-Kombinationen in teils luzider Optik und Walker Evans anspruchsvolle Schwarz-Weiß-Fotografie gegen zeichenhafte Polaroids. Sprünge und Drehungen eben - die Schirn titelt mit der Überschrift "Zu neuen Horizonten". Die Aufbruchssituation ist jedoch weder ablesbar, noch wird die Änderung der Qualitäten thematisiert. Es folgen "Variation und Wiederholung". Lediglich ein, dafür umso überdimensionierteres Gemälde von Andy Warhol: The Last Supper zeigt in verlässlicher Pop Art-Manier eine kopierte Umrisszeichnung des Leonardo-Gemäldes garniert mit Ketchup-Nummer und Zigaretten-Symbol. Unbeabsichtigte Endzeitstimmung liegt im Motiv. Sein Gegenpart ist Giorgio de Chirico, dessen Gemälde in Collagenform additiv Motive variieren und wiederholen. Naja, auch im Entferntesten eine Art Pop-Art, aber eben de Chirico, kein überraschendes Moment.

Vor dem Schluss der Ausstellung wird "mit dem Ende gespielt" - ein Coda presto, aber ohne schwierigen Kombinationen. Wie als Fortsetzung der Pop Art finden wir hier Lichtensteins "Dots" verstreut in den betont lässig gehängten Werken Picabias und erinnern uns an Warhols Gesichter in den bunten Gemälden des jung verstorbenen Martin Kippenberger aus der Serie Jaqueline: The Paintings Pablo Couldn't Paint Anymore im aparten Streifen-Look.

Die bildende Kunst ist kein "Broterwerb" und keine "Lebensweise", und ein Künstler, der sein Leben seiner Kunst weiht oder seine Kunst seinem Leben, bürdet seiner Kunst sein Leben und seinem Leben seine Kunst auf. Kunst, bei der es um Leben und Tod geht, ist weder schön noch frei.[1]

In der schwarz-weißen Kammer zum Dom mit dem Titel "Das letzte Bild" erinnern nicht nur die großen Black Paintings von Ad Reinhardt mit manchmal kaum erkennbaren Binnenstrukturen an Malewitsch, der im Hintergrund singende Chor und die Schwarzweiß-Fotos des verschollenen Bas Jan Ader lassen zum Schluss sogar ein wenig Memento Mori-Stimmung im Kirchenschiffambiente aufkommen. Zusammen mit dem Film von Brakhage einer der beiden, wenigen Momente der Ausstellung. Da fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass beim letzten Mal zum Dom hin die Koons-Gemälde mit Altersbeschränkung gehängt waren. Wie sich doch der Raum den Gemälden anpasst :)

Künstler treffen sich, aber es kommt kein rechtes Gespräch zustande. Manche schweigen, manche murmeln undeutlich; bunt und unsortiert. Die Paarungen, Gründe für deren Auswahl und Zusammenstellung sowie die ihrer Werke - zumeist hochwertige Leihgaben - bleiben unargumentiert. Sterben und Tod bleiben "draußen vor der Tür" und dürfen nicht mittanzen; die universelle Frage nach dem Ende bleibt unbeantwortet, weil das Fragezeichen fehlt. Auf der Suche nach dem thematischen Zusammenhang bleibt der Besucher auf dem Parcours auf weiten Strecken allein zurück - den Kopf gebeugt, auch vor Gram, aber vor allem weil die Bilder so niedrig gehängt wurden. Überrascht wird er kaum. Wenn teils ein Dialog aufkeimen will, so wird weder ein großer Reigen getanzt, noch ein Bogen gespannt oder ist der rote Faden im Gespräch auszumachen. Letzte Bilder? Solotanz meist - ohne Netz und doppelten Boden, open end.

Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Noch bis zum 2. Juni 2013.


[1] zitiert in: Harrison, Charles / Wood, Paul (Hrsg.). Kunsttheorie im 20.Jahrhundert. Ostfildern-Ruit: Gerd Hatje Verlag, 1998, Bd. II, S. 995.

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