Samstag, 9. Februar 2013

[Kunst-Ausstellung] Zurück zur Klassik in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main

Back to the roots - das alte Griechenland reconsidered, reloaded und remastered

"Der gute Geschmack, welcher sich mehr und mehr durch die Welt ausbreitet, hat sich angefangen zuerst unter dem griechischen Himmel zu bilden. ... Der Geschmack, den diese Nation ihren Werken gegeben hat, ist ihr eigen geblieben; er hat sich selten weit von Griechenland entfernet, ohne etwas zu verlieren,..."[1] 

Unser Blick auf das alte Griechenland ist multipel manipuliert, überlagert und muss freigeräumt werden. So die These der Ausstellung Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland  in der Liebieghaus Skulpturensammlung - oder wie apl. Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann in der Pressekonferenz zur Ausstellung konstatierte: Die griechische Klassik ist "...ein Referenzpunkt, ob wir wollen oder nicht.". Nicht nur, dass viele Kunstwerke und auch Schrifttum des 5. Jahrhunderts v. Chr. durch Verfall und Zerstörungen verloren sind. Die Sicht auf die griechische Klassik sei zudem verstellt von Klassizismen - und zwar nicht nur jener Zeit die dem Barock folgte, sondern auch von Reminiszenzen des 20. Jahrhunderts, der Renaissance und den Nachbildungen griechischer Bildwerke bereits in römischer Zeit.

"Viele unter den neueren Künstlern haben den griechischen Kontur nachzuahmen gesuchet, und fast niemanden ist es gelungen."[2] 

Der Besucher soll als Zeitreisender im Rückwärtsgang zur griechischen Klassik geführt werden. Die Qual der Wahl zwischen einem schwarzen, schweren Wachstuchvorhang links und einem orange-warnfarbenen rechts, betritt der Besucher das Innere. In Kontrast zum Pink des Katalogs empfängt die schlaglichtartige Abhandlung der Klassik-Rezeption vor dem farblichen Augengraus grellorangener Wandfarbe allover. Beginnend mit dem großformatigen, auf 10.000 Exemplare limitierten (...) Bildband SUMO von Helmut Newton auf einem Philippe Starck-Buchständer. Bewacht wird das Buch von der aus dem Städel Museum entliehenen Statue eines Zehnkämpfers (1931 / Bronzeguss 1936 in Berlin) Richard Scheibes und flankiert von zwei pathetischen Fotografien Walter Heges (1935 / 1938). Tief durchatmen und weiter.

Die folgenden Räume präsentieren mit ausgesuchten Werken von Thorvaldsen, Rottmann und der hauseigenen Ariadne auf dem Panther von Dannecker - die wir bereits im Zusammenspiel Koons' Pink Panther kennen - zunächst den Klassizismus. Dann wird mit Mantegna und Co. die Renaissance und - überraschend - mit zwei Nackten Alten (Daniel Mauch bzw. ohne Zuschreibung, Ulm) in "... grellem Kontrast zur Aphrodite des Praxiteles..."[3] das Spätmittelalter abgehandelt.

Im Parforceritt hat der Besucher nun drei Räume und 1.800 Jahre Kulturgeschichte hinter sich gelassen. Denn der nächste Raum beherbergt bereits römische Kopien griechischer Vorbilder, also Werke aus der Zeit des 2. und 1. Jahrhunderts - vor allem Köpfe und Torsi marmorner Götter- und/oder Athletenbildnisse. In der kleinen Rotunde endlich einige der versprochenen hochkarätigen Leihgaben, Wiederholungen der verlorenen praxitelischen Bronzefigur des Apollon Sauroktonos. Die stark restaurierte Marmorstatue der Musei Vaticani aus augusteischer Zeit wird anschaulich mit vier Replikfragmenten - zwei Torsi aus Basel und Neapel, sowie zwei Köpfen aus Dresden und Würzburg - präsentiert. Die Unterschiede der Werke, die im Lauf von 200 Jahren entstanden, können trotz fehlendem Original im verschiedenen Stilempfinden und Umfang der Rezeption an Körperform, Hautmodellierung und Haarstruktur gut beobachtet werden.

Vor dunkelgrauer Kulisse empfängt der zweite Teil der Ausstellung, die (ursprüngliche) griechische Klassik. Weg mit dem Quietsch-Orange und Eintauchen in beruhigendes Nahezu-Schwarz - bis einer der fehlgeleiteten Deckenstrahler mitten zwischen die Augen trifft... Weg mit schnödem Marmor, zurück zu edler Bronze. Hier sind sie nun, die Originale die unseren Blick befreien sollen. In je einem Raum werden Werke der Späten Klassik und des Hellenismus, der Hochklassik und letztlich der Frühklassik mit Schwerpunkt auf Bronzeplastik und Vasen gezeigt. Während der erste Ausstellungsteil fast ausschließlich mit hauseigenem Material bestückt ist, werden nun internationale Leihgaben, wie der Faustkämpfer vom Quirinal (Museo Nazionale Romano, hier datiert 2. H. 4. Jh. oder 3. Jh. v. Chr.) , das Kapitolinische Pferd (Museo Capitoloni, 5. Jh. v. Chr.), der Kopf des sog. Philosophen von Porticello (pdf-file, Museo Archeologico Nazionale, Reggio Calabria) sowie weitere Werke u.a. aus dem Metropolitan Museum of Art, dem Louvre, dem British Museum und der Antikensammlung der Staatlichen Museen Berlin präsentiert. Neben vielfältigen Arten von Vasen steht der Tintenstrahlausdruck auf Nylon des vielfigurigen Jagdfrieses vom Philippsgrab in Vergina (um 330 v. Chr.) für die klassische griechische Malerei. Der Katalogtext klärt über die Ablichtung, restauratorische Rekonstruktion, "'Transplantationen' intakter Areale" und das "Remastering" detailliert auf.[4]

Für den Besucher vielleicht irritierend manche Beschriftung, wie zu einem Frauenkopf: "Kleinasien (?), 4./3. Jh. bis spätes 2. Jh.". Auch an anderen Stellen wären vielleicht glücklichere (hausinterne) Lösungen zu finden gewesen, wie der attisch-weißgrundigen Lekythe aus dem Ende des 5. Jh. (Staatliche Museen zu Berlin), die zwar in ihrer Größe imposant, aber deren Motiv trotz Restaurierung nur entfernt erahnbar ist.

Nachhilfe in Philosophie und Werktechnik kann der Besucher abschließend im Untergeschoss erhalten. Hier ist auch die experimentelle, auf digitaler Basis erstellte Rekonstruktion des Kopfes des Kriegers A von Riace (Original ca. 460-450 v.Chr.) ausgestellt.

"Die reinsten Quellen der Kunst sind geöffnet: glücklich ist, wer sie findet und schmecket. Diese Quellen suchen, heißt nach Athen reisen;..."[5]

Die Ausstellung fordert den Besucher. Geht er doch einen weiten Weg zurück, dessen Ursprünge und Fundamente - die Entwicklung vor und bis zur griechischen Klassik - und Gründe, warum diese Epoche nicht nur die europäische Kultur bis heute prägt, er nicht kennenlernt - da hilft es auch nicht, die Räume in umgekehrter Reihenfolge zu begehen. Nicht nur im komplexen Zeitlauf der Geschichte mit "nicht-klassizistischen" Auslassungen ist seine Kompetenz gefragt, denn knappe Einführungstexte an den Wänden können fast zwangsläufig nur plakative Aussagen treffen. Auch wird das 20. Jahrhundert und die nachklassizistische Zeit leider tendenziös auf die schräge Kombination ideologischer Formgebung des Nationalsozialismus und Helmut Newton reduziert. Schade, hätten doch beispielsweise Künstler von Klinger über Kokoschka bis Twombly ein anderes Bild der Auseinandersetzung mit der griechischen Antike zeichnen können - das jedoch hätte die These der Ausstellung vielleicht ins Wanken gebracht. Die Gründe für die Auswahl der ausgestellten Werke sind manchmal nur erahnbar. Zudem werden Fachkenntnisse vorausgesetzt, u.a. sowohl geografische Versiertheit, Wissen um Mythologie, die Bedeutung von Vasenformen und deren Bemalung. Die Ausstellung will nicht lehrbuchartig sein, aber Authentizität kreieren und ist doch in ihren Auslassungen und Voraussetzungen pädagogisch-didaktisch nur für den historisch und archäologisch versierten Besucher verständlich.

Vielleicht verhilft der Audioguide oder das Studium des umfangreichen Kataloges zu weiteren Erkenntnissen. Aber auch wenn hier "remastered" und neu arrangiert wurde, letztlich geht die Ausstellung im Allgemeinen leider nicht über den Stand von 1985 hinaus:

"Die Rezeption der Antike ist in ihrer Bedeutung als die wesentliche Grundströmung der abendländischen Kunstgeschichte nicht zu leugnen, als beständige Vorbildersammlung unbestritten."[6]


Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland in der Liebieghaus Skulpturensammlung in Frankfurt am Main. Bis zum 26. Mai 2013.


[1] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 3.
[2] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 15.
[3] Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Katalog der Ausstellung, hrsg. von Vinzenz Brinkmann. München: Hirmer, 2013, S. 315.
[4] Siehe Zurück zur Klassik. Ein neuer Blick auf das alte Griechenland. Katalog der Ausstellung, hrsg. Vinzenz Brinkmann. München: Hirmer, 2013, S. 335.
[5] Winckelmann, Johann Joachim. Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst. Ditzingen: Reclam, 2007, S. 4.
[6] Bildwerke des Klassizismus. (Liebieghaus - Museum alter Plastik Frankfurt am Main, Führer durch die Sammlungen) Hrsg. Herbert Beck und Peter C. Bol. Frankfurt: Gutenberg Druckerei und Verlag, 1985, S. 127.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.