Samstag, 9. März 2013

[Theater] Master Class im English Theatre Frankfurt am Main

What's the price you might pay?

"You are on a stage. ... An artist enters and is." So Maria Callas (Karen Mann) in Master Class von Terrence McNally, das 1995 in Philadelphia uraufgeführt, 1996 mit dem Tony Award prämiert wurde und zur Zeit im English Theatre Frankfurt inszeniert wird. Wow, eine unglaubliche Bühnenpräsenz. Karen Mann tritt auf und hat das Publikum innerhalb weniger Minuten für sich gewonnen. Sie ist einfach: da. Dies ist freilich durch den Plot so gewollt, beginnt die Geschichte doch mit direkter Ansprache an das Publikum, hat die Diva den weitaus größten Sprechanteil im Stück und die kleine Bühne im English Theatre begünstigt räumlich die Nähe zu den Zuschauern. Nichtsdestotrotz: Karen Mann agiert souverän, gleichzeitig emotional und mit großer Liebe und Fingerspitzengefühl am Spiel, an der Figur, an der Person Maria Callas. Beeindruckend.

"Kunst ist das, was Welt wird, nicht was Welt ist."[1]

Die Story ist schnell erzählt. In der Hauptrolle Maria Callas, in den Nebenrollen drei ihrer Gesangsschüler, ihr Pianist (David Randall) und ein Bühnenhelfer (Oliver Meredith). Aufgrund der doch eher beengten Bühne im English Theatre kommen häufig trick- und wandlungsreiche Bühnenbilder und -ausstattung, sowie Lichteffekte zum Einsatz. Bei Master Class ist dies nicht nötig: Ein Flügel, Tisch, Stuhl, ein paar Requisiten vor einem schwarzen Bühnenvorhang. Alles sehr reduziert.

"Our first victim, where is she?" (Maria Callas' in Master Class)

In New York gab Maria Callas in den Jahren 1971/1972 an der Juilliard School Meisterschülern Gesangsunterricht; sie soll ungeduldig, unnachsichtig und mit wenig didaktischem Gespür unterrichtet haben, gleichzeitig wird ihre gute inhaltlich-fachliche Kompetenz mit Schwerpunkt im Dramatischen hervorgehoben. Diese Zeit wird in Master Class erzählt. Die Zeit nach ihren Triumphen an den Opernhäusern der Welt, ihrem Zusammenbruch im Mai 1965 in Paris, nach ihrem letzten Opernauftritt am 5. Juli 1965 in Covent Garden, der Eheschließung von Aristoteles Onassis und Jaqueline Kennedy im Jahr 1968 - nachdem der Zenit ihre Karriere mit dem Verlust ihrer Gesangsstimme überschritten war. Fast ein letztes Bild.

"Art is domination. It's making people think that for that precise moment in time there is only one way, one voice." (Maria Callas' in Master Class)

Wenn auch als Sprechstück angelegt, bedingt der Stoff natürlich den Rückgriff auf Opernmusik - live und vom Band. Die Figur der Maria Callas singt allerdings nicht, ihre Gesangsschüler interpretieren allerdings je ein Stück aus drei großen Opern: Jennifer Rhodes, als schüchterne Sophie de Palma im von der Diva als allzu kurz kritisierten Faltenröckchen, singt oder besser gesagt sänge, wenn Callas sie nicht daran hindern würde, Ah non credea mirarti aus Bellinis La Sonnambula. Ciarán O'Leary als selbstbewusster Tony Candolino performt Recondita Armonia, die Arie, die Mario Cavardossi in Liebe zu Puccinis Tosca sinniert. Schließlich gibt Robine Landi die energische, teils trotzig-zornige Sharon Graham in der Arie der Lady Macbeth der Oper Verdis. Streng und perfektionistisch, hart in ihrer Kritik und Hingabe fordernd tritt die Diva ihren Schülern entgegen. Mal sehr bestimmt, dann auch verständnisvoll, mitunter vergesslich, hier witzelnd-ironisch, dort sarkastisch, in vielen Facetten gibt Karen Mann im schwarzen Outfit die Diva mit Starallüren.

"My fire it's here, it's mine, it's not for sale." (Maria Callas' in Master Class)

Unverständnis, Abneigung oder Bedenken von/zu Opernmusik sollten keinen Zuschauer davon abhalten, dieses Theaterstück anzuschauen - auch wenn mancher Besucher unruhig hüstelt oder sein Kräuterbonbon zum hundertsten Mal durchs Gebiss schiebt, um es schließlich in lautem Krachen zu zerbeißen, und das Play manches Mal unverständlich für einige Zuschauer zu sein scheint - wie immer im English Theatre an fehlenden Lachern erkennbar :)

"Ein Künstler hat das Recht, bescheiden, und die Pflicht eitel zu sein."[2]

Denn auch wenn, insbesondere nach der Pause, längere Passagen klassischer Musik gesungen und eingespielt werden, ist die Kernaussage des Stücks eine übergeordnete. Zwischen den Unterrichtsszenen rekapituliert Maria Callas vor abgedunkelter Bühne in Selbstgesprächen und begleitet von Musikeinspielungen ihr Leben, Vergangenes: Anspruch, Zweifel, (Selbst-)Bestätigung, private Probleme, Rivalität, Scheitern, Ängste und Verletzlichkeit einer Künstlerin, stellvertretend für Künstler per se. Die Notwendigkeit des Aufrechterhaltens einer funktionsfähigen Maske(rade) - unter allen Umständen, mit allen Konsequenzen, kompromisslos.

Versöhnlich endet Master Class in Selbsterkenntnis, Altersweisheit und guten Wünschen für die nächste Generation: "I am not good with words, but there is one thing I would ask of you: that our efforts not be wasted, that you do not forget what little I have given you. ... Do not think singing is an easy career. It is a lifetime’s work; it does not stop herte. ... Whether I continue singing or not doesn’t matter. What matters is that you use whatever you have learned wisely. Think of the expression of the words, of good diction, and of your own deep feelings. The only thanks I ask is that you sing properly and honestly. If you do this, I will feel repaid." (Schlussworte von Maria Callas' in Master Class)
 
Standing Ovations im English Theatre.

Master Class im English Theatre Frankfurt am Main. Noch bis zum 28. April 2013.


[1] Karl Kraus. Werke. Hrsg. Heinrich Fischer. München: Kösel-Verlag, 2. Aufl. 1965, Bd. 3, S. 283. 
[2] Karl Kraus zitiert in: Wüst, Hans Werner. Zitate & Sprichwörter. München: Bassermann Verlag, 2010, unter Buchstabe "K". 

Freitag, 1. März 2013

[Kunst-Ausstellung] Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Pas (de) Deux - Gepaartes Nichtsein in sieben Räumen

Schwanensee, Giselle, Schirn? Mit rund 100 Werken zeigt die Schirn Kunsthalle in "Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger" 14 künstlerische Positionen vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Der Wandtext der Einführung verheißt: Jenseits von stilorientierten Fragestellungen geht die Ausstellung von einer Vielfalt ganz individueller letzter Bilder aus, ohne allzu leichtfertig nach vordergründigen Gemeinsamkeiten zu suchen. Andererseits will sie Dialoge zwischen den Spätwerken je zweier Künstler pro Ausstellungsraum herstellen - ein spielerisch-tänzelnder Spagat.

Das Entrée klassisch französisch besetzt: Manet trifft Monet - oder umgekehrt. Eine bekannte Maler-Paarung - hier in berühmten, überdimensionierten Seerosen, dort in kleinformatigen, bourgeoisen Blumen-in-Vasen-Bildern. Monets Schaffen wandelt sich zum Ende nachdrücklich in starker Formabstraktion hin zu expressiv-aufgelösten Strukturen in Großformat. Manet starb allerdings bereits 1883 51-jährig in Paris, Monet erst 1926 mit 86 Jahren in Giverny, also von vornherein kein adäquater Vergleich. Zudem wird Manet die selektive Auswahl angestaubter "Hängt bei Oma über dem Sofa"-Bilder mit Schnörkelrahmen-Charme, auch wenn sie die allerletzten, vom Krankenbett aus gemalten Werke sind, in der Gesamtsicht nicht gerecht. Neben Blumen und Stillleben malte er, seit dem Herbst 1879 durch Krankheit geschwächt, in seinen letzten Jahren kraftvolle Porträts, Pleinairs, wie Jeune fille dans le jardin de bellevue und z.B. die Bar aux Folies-Bergère. Zumindest ein Hinweis hierauf fehlt.

Matisse - bereits mit letzten Werken in einer Einzelausstellung zu Gast in der Schirn - und de Kooning bilden im nächsten Raum ein Intermezzo. Das berühmte Buchprojekt Jazz steht großformatigen, abstrakten und titellosen Gemälden in geschwungenen Bögen gegenüber. Gemeinsamkeiten zu finden fällt schwer, die Gegenüberstellung wirft keine Rätsel auf. Schön/Nicht schön und/oder bunt. Auch im nächsten Raum wird das Adage zwar langsam und ausdrucksvoll, aber séparé getanzt. Es begegnen sich zwei Künstler, die durch gravierende körperliche Einschränkungen zu Änderungen im Ausdruck gezwungen waren. Die abstrakten Gesichter Jawlenskys werden kleiner, formelhafter, etwas düster; besonders nah geht aber der tonlose Film Chinese Series von Stan Brakhage, dessen Filmmaterial er mit Speichel einweichte und mit seinen Fingernägeln Ritzungen ähnlich chinesischer Schriftzeichen einfügte.

Es war, als hätt der Himmel
die Erde still geküsst,
dass sie im Blütenschimmer
von ihm nun träumen müsst.
(Joseph von Eichendorff)

Variationen für Tänzer und Tänzerin folgen nun im klassischen Pas de Deux. Im nächsten Raum tauscht also Georgia O'Keefe Blüten gegen quergestreifte Himmel-Erde-Kombinationen in teils luzider Optik und Walker Evans anspruchsvolle Schwarz-Weiß-Fotografie gegen zeichenhafte Polaroids. Sprünge und Drehungen eben - die Schirn titelt mit der Überschrift "Zu neuen Horizonten". Die Aufbruchssituation ist jedoch weder ablesbar, noch wird die Änderung der Qualitäten thematisiert. Es folgen "Variation und Wiederholung". Lediglich ein, dafür umso überdimensionierteres Gemälde von Andy Warhol: The Last Supper zeigt in verlässlicher Pop Art-Manier eine kopierte Umrisszeichnung des Leonardo-Gemäldes garniert mit Ketchup-Nummer und Zigaretten-Symbol. Unbeabsichtigte Endzeitstimmung liegt im Motiv. Sein Gegenpart ist Giorgio de Chirico, dessen Gemälde in Collagenform additiv Motive variieren und wiederholen. Naja, auch im Entferntesten eine Art Pop-Art, aber eben de Chirico, kein überraschendes Moment.

Vor dem Schluss der Ausstellung wird "mit dem Ende gespielt" - ein Coda presto, aber ohne schwierigen Kombinationen. Wie als Fortsetzung der Pop Art finden wir hier Lichtensteins "Dots" verstreut in den betont lässig gehängten Werken Picabias und erinnern uns an Warhols Gesichter in den bunten Gemälden des jung verstorbenen Martin Kippenberger aus der Serie Jaqueline: The Paintings Pablo Couldn't Paint Anymore im aparten Streifen-Look.

Die bildende Kunst ist kein "Broterwerb" und keine "Lebensweise", und ein Künstler, der sein Leben seiner Kunst weiht oder seine Kunst seinem Leben, bürdet seiner Kunst sein Leben und seinem Leben seine Kunst auf. Kunst, bei der es um Leben und Tod geht, ist weder schön noch frei.[1]

In der schwarz-weißen Kammer zum Dom mit dem Titel "Das letzte Bild" erinnern nicht nur die großen Black Paintings von Ad Reinhardt mit manchmal kaum erkennbaren Binnenstrukturen an Malewitsch, der im Hintergrund singende Chor und die Schwarzweiß-Fotos des verschollenen Bas Jan Ader lassen zum Schluss sogar ein wenig Memento Mori-Stimmung im Kirchenschiffambiente aufkommen. Zusammen mit dem Film von Brakhage einer der beiden, wenigen Momente der Ausstellung. Da fällt gerade noch rechtzeitig ein, dass beim letzten Mal zum Dom hin die Koons-Gemälde mit Altersbeschränkung gehängt waren. Wie sich doch der Raum den Gemälden anpasst :)

Künstler treffen sich, aber es kommt kein rechtes Gespräch zustande. Manche schweigen, manche murmeln undeutlich; bunt und unsortiert. Die Paarungen, Gründe für deren Auswahl und Zusammenstellung sowie die ihrer Werke - zumeist hochwertige Leihgaben - bleiben unargumentiert. Sterben und Tod bleiben "draußen vor der Tür" und dürfen nicht mittanzen; die universelle Frage nach dem Ende bleibt unbeantwortet, weil das Fragezeichen fehlt. Auf der Suche nach dem thematischen Zusammenhang bleibt der Besucher auf dem Parcours auf weiten Strecken allein zurück - den Kopf gebeugt, auch vor Gram, aber vor allem weil die Bilder so niedrig gehängt wurden. Überrascht wird er kaum. Wenn teils ein Dialog aufkeimen will, so wird weder ein großer Reigen getanzt, noch ein Bogen gespannt oder ist der rote Faden im Gespräch auszumachen. Letzte Bilder? Solotanz meist - ohne Netz und doppelten Boden, open end.

Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Noch bis zum 2. Juni 2013.


[1] zitiert in: Harrison, Charles / Wood, Paul (Hrsg.). Kunsttheorie im 20.Jahrhundert. Ostfildern-Ruit: Gerd Hatje Verlag, 1998, Bd. II, S. 995.